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Übertragung und Gegenübertragung: der Unterschied, und wie das „Gegen“ seine Bedeutung änderte

Übertragung geht vom Patienten aus, Gegenübertragung von der Therapeutin. Definitionen, Beispiele, Freuds Sätze von 1895 und 1910 und der Stand der Forschung.

Psychodynamik17 Min. Lesezeit
Von Psychology World

Übertragung heißt: Ein Patient richtet Gefühle und Erwartungen aus früheren Beziehungen, meist aus der Beziehung zu den Eltern, auf seine Therapeutin. Gegenübertragung heißt: Die Therapeutin reagiert emotional auf den Patienten, und ihre eigenen Bedürfnisse und Konflikte prägen diese Reaktion. Sigmund Freud beschrieb die Übertragung 1895 und stellte die Gegenübertragung 1910 öffentlich vor.

Zwei Beispiele zeigen den Unterschied. Ein Patient erwartet von der Therapeutin Kritik, wie er sie früher von seinem Vater bekam. Das ist Übertragung. Eine Therapeutin will einen Patienten besonders beschützen, weil er ihrem eigenen Sohn ähnelt. Das ist Gegenübertragung.

Die Richtung beantwortet die meisten Klausurfragen. Schwieriger sind die Fragen zum zweiten Begriff. Warum heißt er „Gegen“übertragung? Braucht er zuerst eine Übertragung? Ist die Gegenübertragung ein Fehler oder ein Werkzeug?

Die Antworten änderten sich um 1950. Deshalb können zwei Lehrbücher die Gegenübertragung verschieden definieren, und beide haben recht. Dieser Artikel zeigt beide Begriffe in Freuds eigenen Sätzen, die späteren Definitionen und die Forschung. In diesem Artikel steht „der Patient“ für die Person in Behandlung und „die Therapeutin“ für die Person, die behandelt. Beide Wörter meinen Menschen jedes Geschlechts.

  • Die Richtung entscheidet. Vom Patienten zur Therapeutin heißt Übertragung. Von der Therapeutin zum Patienten heißt Gegenübertragung.
  • Freud beschrieb 1895 die „Übertragung auf den Arzt“. Er erklärte sie als „falsche Verknüpfung“ zwischen einem alten Wunsch und dem Arzt.
  • 1910 nannte er öffentlich die „Gegenübertragung“. Der Arzt solle sie „in sich erkennen und bewältigen“.
  • Um 1950 argumentierten Donald Winnicott und Paula Heimann, dass die Reaktionen der Therapeutin auch Auskunft über den Patienten geben.
  • Eine Arbeit von 2018 mit drei Metaanalysen fand: Reaktionen der Gegenübertragung gehen mit etwas schlechteren Therapieergebnissen einher. Ein guter Umgang mit ihnen geht mit besseren Ergebnissen einher.

Der Unterschied in einer Tabelle

Übertragung und Gegenübertragung im Vergleich.
MerkmalÜbertragungGegenübertragung
Wer die Gefühle hatDer PatientDie Therapeutin
Auf wen sie sich richtenAuf die TherapeutinAuf den Patienten
Woher sie stammenAus früheren Beziehungen des Patienten, meist zu den ElternAus den eigenen Bedürfnissen und Konflikten der Therapeutin, und aus der Wirkung des Patienten auf sie
Text von FreudStudien über Hysterie, 1895Vortrag auf dem Kongress in Nürnberg, 1910
Freuds Worte„Übertragung auf den Arzt“ durch „falsche Verknüpfung“„Gegenübertragung“, die der Arzt „in sich erkennen und bewältigen“ soll
Frühe SichtEin Hindernis für die BehandlungEin Hindernis, das die Behandlung begrenzt
Spätere SichtEine allgemeine menschliche Eigenschaft und ein wichtiges Hilfsmittel der BehandlungAuch ein Instrument für das Verständnis des Patienten
Englischer Begrifftransferencecountertransference
BeispielEin Patient erwartet, dass die Therapeutin von ihm enttäuscht ist, wie früher sein VaterEine Therapeutin wird ungeduldig mit einem Patienten, der ihrem Bruder ähnelt

Eine Merkhilfe: Der Patient überträgt. Das Gefühl der Therapeutin kommt als Antwort zurück, so wie eine Gegenfrage auf eine Frage antwortet.

Klausurbeispiele einordnen: zwei Fragen

Zwei Fragen ordnen die meisten Beispiele ein:

  1. 1.Wessen Gefühle sind es? Sind es die Gefühle des Patienten, dann heißt der Begriff Übertragung. Sind es die Gefühle der Fachkraft, dann heißt der Begriff Gegenübertragung.
  2. 2.Erklärt die aktuelle Situation das Gefühl? Wenn ja, dann ist das Gefühl eine gewöhnliche Reaktion, und keiner der zwei Begriffe passt.

Die zweite Frage ist Freuds eigener Test. Er nannte ihn 1917 in seiner Vorlesung über die Übertragung. Freud sprach von Übertragung, „weil wir nicht glauben, daß die Situation der Kur eine Entstehung solcher Gefühle rechtfertigen könne“.

Typische Klausurbeispiele, mit den zwei Fragen eingeordnet.
BeispielBegriffBegründung
Ein Patient wird wütend, weil die Therapeutin Urlaub macht, und sagt, dass alle ihn verlassenÜbertragungDas Gefühl des Patienten wiederholt ein älteres Muster
Ein Patient ist feindselig und misstrauisch gegenüber einer Therapeutin, die zuverlässig und freundlich warNegative ÜbertragungDas Gefühl des Patienten, in der feindseligen Form
Eine Therapeutin will einen Patienten stark beschützen, der so alt ist wie ihr SohnGegenübertragungDas Gefühl der Fachkraft stammt aus ihrem eigenen Leben
Eine Pflegekraft meidet einen Patienten, der spricht wie ihre kritische MutterGegenübertragungDas Gefühl der Fachkraft
Eine Sozialarbeiterin langweilt sich in jedem Gespräch mit einer bestimmten Person, und nur mit ihrGegenübertragung im weiten SinnDie Reaktion der Fachkraft kann zeigen, wie die Person auf andere Menschen wirkt
Ein Patient ärgert sich, weil die Therapeutin 20 Minuten zu spät kamKeiner von beidenDie Situation erklärt das Gefühl
Du magst einen neuen Kollegen nicht, der einem ungerechten Lehrer von früher ähneltÜbertragung im weiten SinnDas Beispiel liegt außerhalb der Therapie, aber eine alte Beziehung prägt eine neue

Für die meisten Klausurfragen genügt die erste Frage. Die Tabelle ordnet Klausurbeispiele ein. Sie ist kein Test für eine eigene Therapie.

Woher „Übertragung“ stammt

Freud beschrieb den Vorgang 1895 in den „Studien über Hysterie“, dem Buch, das er mit Josef Breuer schrieb. Sein Kapitel über die Psychotherapie zählt Hindernisse auf, die eine Behandlung aufhalten können. Ein Hindernis ist, dass die Patientin peinliche Vorstellungen aus der Analyse auf die Person des Arztes überträgt. „Dies ist häufig, ja in manchen Analysen ein regelmäßiges Vorkommnis“, schrieb Freud.

Sein Beispiel ist eine Patientin, die sich viele Jahre zuvor einen Kuss von einem Mann gewünscht hatte. Sie hatte den Wunsch damals sofort ins Unbewusste verwiesen. Nach einer Sitzung tauchte ein solcher Wunsch wieder auf, aber jetzt galt er Freud. Sie war entsetzt und schlief in der Nacht nicht. In der nächsten Sitzung war sie nach Freuds Worten „ganz unbrauchbar zur Arbeit“.

Freuds Erklärung: Der Wunsch kam ohne die Erinnerung an die alte Situation zurück. Deshalb verband er sich mit der Person, die anwesend war. Freud nannte das eine „falsche Verknüpfung“ und schrieb: „Die Übertragung auf den Arzt geschieht durch falsche Verknüpfung“. Das war 28 Jahre vor seinem Modell von Es, Ich und Über-Ich, das er 1923 in „Das Ich und das Es“ vorlegte.

1912 trennte Freud zwei Formen in dem Aufsatz „Zur Dynamik der Übertragung“. Er schrieb: „Man muß sich entschließen, eine »positive« Übertragung von einer »negativen« zu sondern“. Die positive Form ist nach Freud die Übertragung „zärtlicher Gefühle“. Die negative Form ist die Übertragung „feindseliger“ Gefühle.

Bis 1917 war aus dem Hindernis ein Werkzeug geworden. In der 27. Vorlesung zur Einführung in die Psychoanalyse sagte Freud, die Übertragung werde „zum besten Werkzeug“ der Kur. Dort definierte er auch den Begriff: „Wir meinen eine Übertragung von Gefühlen auf die Person des Arztes“. Die „ganze Gefühlsbereitschaft“ stamme „anderswoher“.

In der Behandlung ersetze eine neue Krankheit die alte, und der Arzt stehe in ihrem Mittelpunkt. Freud nannte sie eine „Neuauflage der alten Affektion“. Dieselbe Vorlesung nennt auch die „feindselige oder negative Übertragung“. Nach Freud kommen die feindseligen Gefühle „in der Regel später als die zärtlichen“ zum Vorschein.

Freud begrenzte den Vorgang nicht auf Menschen in Behandlung. Er sagte in derselben Vorlesung: „Die Übertragungsneigung der genannten Neurotiker ist nur eine außerordentliche Steigerung dieser allgemeinen Eigenschaft.“

Die heutigen Lexika behalten beide Bedeutungen. Das Dorsch-Lexikon der Psychologie definiert: „In der Übertragung werden intensive unbewusste Gefühle, Wünsche, Sinnesempfindungen oder Verhaltensmuster aus wichtigen vergangenen Beziehungen, z. B. zu Eltern oder Geschwistern, in gegenwärtigen Beziehungen aktualisiert“. Der Eintrag ergänzt, dass Übertragung „auch in Alltagsbeziehungen“ stattfindet.

Das APA Dictionary of Psychology nennt zuerst die enge Bedeutung in der Psychoanalyse. Die weite Bedeutung gilt nach dem Eintrag „für alle menschlichen Interaktionen“. Alle englischen Zitate in diesem Artikel haben wir selbst übersetzt.

Woher „Gegenübertragung“ stammt

Nach Alberto Stefanas Geschichte des Begriffs von 2014 erscheint das Wort zuerst in einem privaten Brief. Freud schrieb ihn am 7. Juni 1909 an Carl Gustav Jung. Jung hatte Freud drei Tage zuvor über seine Beziehung zu einer Patientin geschrieben, Sabina Spielrein. Freud antwortete, solche Erfahrungen seien schmerzhaft, aber schwer zu vermeiden. Er schrieb auch, er sei selbst einige Male nahe daran gewesen. Man lerne dabei, die Gegenübertragung zu beherrschen.

Öffentlich stellte Freud den Begriff auf dem zweiten Internationalen Psychoanalytischen Kongress vor. Der Kongress fand nach Stefana am 30. und 31. März 1910 in Nürnberg statt. Freuds Vortrag hieß „Die zukünftigen Chancen der psychoanalytischen Therapie“. Der Satz lautet:

Wir sind auf die »Gegenübertragung« aufmerksam geworden, die sich beim Arzt durch den Einfluß des Patienten auf das unbewußte Fühlen des Arztes einstellt, und sind nicht weit davon, die Forderung zu erheben, daß der Arzt diese Gegenübertragung in sich erkennen und bewältigen müsse.
— Sigmund Freud, 1910

Freud formulierte vorsichtig. Er war „nicht weit davon“, eine Forderung zu erheben. Im nächsten Satz stellte er dann eine Forderung auf. Jeder Psychoanalytiker komme nur so weit, „als seine eigenen Komplexe und inneren Widerstände es gestatten“. Deshalb verlangte Freud, dass jeder Analytiker seine Tätigkeit „mit einer Selbstanalyse beginne“ und diese fortlaufend vertiefe.

Nach 1910 schrieb Freud wenig über den Begriff. 1915 benutzte er ihn in den „Bemerkungen über die Übertragungsliebe“. Verliebt sich eine Patientin in den Arzt, dann ist das für ihn „eine gute Warnung vor einer etwa bei ihm bereitliegenden Gegenübertragung“. Der Arzt dürfe die Indifferenz nicht verleugnen, die er sich „durch die Niederhaltung der Gegenübertragung erworben hat“.

Stefana berichtet drei weitere Tatsachen. Ende 1911 schrieb Freud an Jung, ein Aufsatz über die Gegenübertragung sei nötig, aber er schrieb ihn nie. In einem Brief von 1913 nannte er die Gegenübertragung eines der technisch schwierigsten Probleme der Psychoanalyse. Ab 1915 erwähnte er den Begriff nicht mehr. Die klassische Definition stützt sich also auf wenige Sätze.

Warum sie „Gegen“übertragung heißt

Was bedeutet das „Gegen“ in dem Wort? Warum heißt der Begriff nicht einfach „Übertragung der Therapeutin“?

Freuds Satz von 1910 gibt die Antwort. Die Gegenübertragung stellt sich „durch den Einfluß des Patienten“ ein. Der Einfluss des Patienten löst die Reaktion aus. Er wirkt nach Freuds Satz auf „das unbewußte Fühlen des Arztes“. Die Reaktion ist also eine Antwort, und der Patient handelt zuerst.

Das Präfix kennst du aus anderen Wörtern. Eine Gegenfrage ist nach dem Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache eine „Frage als Antwort auf eine Frage“. So gelesen ist die Gegenübertragung die Übertragung, die als Antwort zurückkommt. Das ist eine Lesart von Freuds Satz. Freud erklärte das Wort in dem Vortrag nicht.

Das Präfix passt besser zur Bedeutung von 1910 als zur heutigen Bedeutung. Das APA Dictionary definiert Gegenübertragung als die Reaktionen der Therapeutin „auf den Patienten und auf die Übertragung des Patienten“. Nach dieser Formulierung muss die Übertragung des Patienten nicht zuerst kommen. Eine Reaktion auf den Patienten genügt.

Wie sich die Bedeutung der Gegenübertragung änderte

Die klassische Sicht folgt Freud. Berg, Lundh und Falkenström beschreiben sie 2019 als die „eigene unbewusste und konfliktbedingte Reaktion des Psychoanalytikers auf den Patienten“. In dieser Sicht ist die Gegenübertragung ein Hindernis. Der Analytiker muss sie erkennen und bewältigen.

Zwei Aufsätze änderten die Bedeutung. Dieselben Autoren berichten, dass Donald Winnicott 1949 für eine objektive Form der Gegenübertragung argumentierte. In dieser Form reagiert die Therapeutin auf den Patienten so, wie Menschen im Allgemeinen auf ihn reagieren. Eine solche Reaktion kann Auskunft über die Beziehungsmuster des Patienten geben.

1950 ging Paula Heimann weiter. Nach der Zusammenfassung von Berg und Kollegen ist die emotionale Reaktion der Therapeutin für Heimann nicht einfach ein Hindernis. Sie ist das „wichtigste Instrument“ der Therapeutin, um den Patienten und die Beziehung zu ihm zu verstehen.

Das Dorsch-Lexikon beschreibt denselben Wandel. Der Eintrag „Gegenübertragung“ definiert sie als „die unbewussten Reaktionen des Therapeuten“ auf den Patienten und auf dessen Übertragung. Freud blieb nach dem Eintrag bei der Annahme eines Behandlungshindernisses. Für die spätere Zeit nennt der Eintrag Paula Heimann als Beispiel. Seitdem gilt die Gegenübertragung nach dem Eintrag „als wichtiges Instrument für das Verständnis der Übertragung“ des Patienten.

Diese weite Definition heißt totalistische Sicht. Sie umfasst alle Gefühle der Therapeutin gegenüber dem Patienten. Berg und Kollegen nennen einen Einwand: Es kann verlockend sein, dem Patienten die Schuld für die eigenen Schwierigkeiten der Therapeutin zu geben. Sie zitieren auch Glen Gabbard. Er schrieb 2001, die Gegenübertragung sei „immer eine gemeinsame Schöpfung“, zu der Therapeutin und Patient beitragen.

Drei Definitionen der Gegenübertragung, die in Gebrauch sind.
DefinitionWas als Gegenübertragung zähltWie sie gesehen wird
Klassisch, nach Freud 1910Die unbewusste Reaktion der Therapeutin, aus ihren eigenen ungelösten KonfliktenEin Hindernis, das sie erkennen und bewältigen muss
Totalistisch, nach Heimann 1950Alle Gefühle und Reaktionen der Therapeutin gegenüber dem PatientenEin Instrument für das Verständnis des Patienten
Integrativ, nach Hayes, Gelso und Hummel 2011Reaktionen aus den persönlichen Verletzlichkeiten der Therapeutin, bewusst oder unbewusstEin Risiko, mit dem sie umgehen muss, und ein möglicher Nutzen für die Therapie

Die Definitionen stehen bis heute nebeneinander. Eine Übersichtsarbeit von Zeeck und Kollegen aus dem Jahr 2025 behandelt die Gegenübertragung in der Behandlung von Essstörungen. Sie nennt das praktische Problem: Oft bleibt unklar, welche Definition ein Text meint. Wenn du das Wort Gegenübertragung liest, dann prüfe, welche Definition der Text benutzt. Prüfe auch, ob der Text bewusste Reaktionen mitzählt. Das Dorsch-Lexikon nennt unbewusste Reaktionen, und das APA Dictionary nennt „unbewusste (und oft bewusste)“ Reaktionen.

Auch andere Therapieformen benutzen die Begriffe. Nach dem APA Dictionary gehört Gegenübertragung heute zum „allgemeinen Wortschatz“ anderer Therapien.

In Deutschland stehen beide Begriffe in der Psychotherapie-Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses. Die Fassung, die seit dem 17. Juni 2026 gilt, beschreibt zwei Verfahren mit ihnen. Die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie behandelt neurotische Konflikte und strukturelle Störungen „unter Beachtung von Übertragung, Gegenübertragung und Widerstand“. Die analytische Psychotherapie arbeitet „mit Hilfe der Übertragungs-, Gegenübertragungs- und Widerstandsanalyse“. Unser Artikel über die vier Richtlinienverfahren erklärt, worin sich die Verfahren unterscheiden.

Ist Gegenübertragung schlecht? Was die Forschung zeigt

Zahlen zu dieser Frage liefert eine Arbeit von Hayes, Gelso, Goldberg und Kivlighan aus dem Jahr 2018 mit drei Metaanalysen. Eine Metaanalyse fasst die Ergebnisse vieler Studien zusammen.

  • Reaktionen der Gegenübertragung hingen „umgekehrt und in geringem Maß“ mit dem Therapieergebnis zusammen: r = −0,16, aus 14 Studien mit 973 Personen.
  • Ein besserer Umgang mit der Gegenübertragung ging mit weniger Reaktionen einher: r = −0,27, aus 13 Studien mit 1065 Personen.
  • Ein erfolgreicher Umgang hing mit besseren Therapieergebnissen zusammen: r = 0,39, aus 9 Studien mit 392 Personen.

Die Ergebnisse haben Grenzen. Es sind Korrelationen. Sie zeigen also nicht, dass die Gegenübertragung ein schlechteres Ergebnis verursacht. Die Autoren berichten außerdem für alle drei Analysen eine „signifikante Heterogenität zwischen den Studien“. Das heißt: Die Ergebnisse der einzelnen Studien unterscheiden sich stärker, als der Zufall erklären kann.

Die Ergebnisse passen zu keiner der zwei extremen Positionen. Sie sprechen dagegen, dass die Reaktionen ohne Bedeutung für die Therapie sind. Sie sprechen auch dagegen, dass jede Reaktion nur ein Fehler ist, denn ein guter Umgang geht mit besseren Ergebnissen einher. Das APA Dictionary nennt die heutige Position: Die Therapeutin muss sich der Gegenübertragung bewusst sein, damit sie diese im therapeutischen Prozess „produktiv nutzen“ kann.

Übertragung außerhalb der Therapie

Freud nannte die Übertragung eine allgemeine Eigenschaft, und Experimente stützen ihn. Susan Andersen und ihre Kollegen beschreiben ihre Methode in einer Übersicht von 2016. In einer ersten Sitzung beschreiben die Teilnehmenden eine wichtige Bezugsperson. Wochen später lesen sie in einem scheinbar anderen Experiment über eine neue Person. Für einen Teil der Teilnehmenden hat diese Person einige Merkmale der eigenen Bezugsperson. Für die Kontrollgruppe hat sie Merkmale der Bezugsperson einer anderen Versuchsperson.

Die Teilnehmenden machen dann typische Fehler. Sie „erinnern“ Merkmale der neuen Person, die sie nicht gelesen haben, die aber zu ihrer eigenen Bezugsperson passen. Sie bewerten die neue Person auch positiver, wenn sie die Bezugsperson mögen. Die Autoren schreiben, dass Übertragung „in der alltäglichen Wahrnehmung und im Umgang zwischen Menschen“ auftritt.

Eine Übersicht von Suszek, Wegner und Maliszewski aus dem Jahr 2015 kommt zu demselben Schluss. Übertragung ist nach den Autoren „ein verbreitetes Phänomen, das in Alltagssituationen bei gesunden Menschen auftritt“. Für die Übertragung in der Therapie ist die Übersicht vorsichtiger. Die Studien zu Therapiesitzungen sind Korrelationsstudien. Die Autoren schreiben, es lasse sich „nicht ausschließen, dass Übertragung nur ein Artefakt der psychodynamischen Therapie ist“.

Eine Studie prüfte, ob es hilft, in der Therapie über die Übertragung zu sprechen. Høglend und Kollegen teilten 100 Patienten nach dem Zufall in zwei Gruppen. Beide Gruppen erhielten ein Jahr dynamische Psychotherapie, eine Gruppe mit Übertragungsdeutungen und eine Gruppe ohne. Der Bericht von 2006 fand keinen Unterschied in der Wirkung der zwei Behandlungen. Einer Untergruppe halfen die Deutungen aber mehr.

Die Nachuntersuchung von 2008 beschreibt diese Untergruppe als Patienten mit „lange bestehenden, schwereren zwischenmenschlichen Problemen“. Ihr Vorteil hielt über die vier Jahre der Studie an. Für die entgegengesetzte Untergruppe, Patienten mit „reifen Objektbeziehungen“, fand der Bericht von 2006 kleine negative Effekte.

Übertragung, Gegenübertragung und Projektion

Projektion ist ein dritter Begriff, den viele mit den zwei anderen verwechseln. Das APA Dictionary definiert Projektion als einen Vorgang: Eine Person schreibt die eigenen Eigenschaften, Affekte und Impulse einer anderen Person oder Gruppe zu. Das Beispiel im Eintrag ist eine Person, die „Ich hasse sie“ in „Sie hassen mich“ verwandelt.

Der Unterschied liegt darin, was sich bewegt. Bei der Projektion wandert dein eigenes aktuelles Gefühl zu einer anderen Person. Bei der Übertragung wandert ein Muster aus einer alten Beziehung in eine neue Beziehung. Projektion braucht keine Vorgeschichte. Übertragung hat immer eine Vorgeschichte.

Die Begriffe sind nicht völlig getrennt. Das Dorsch-Lexikon setzt in seine Definition der Übertragung das Wort „Projektion“ in Klammern. Die Definition des APA Dictionary spricht von „Verschiebung oder Projektion“. Übertragung kann die Projektion also als Mechanismus benutzen. Unser Artikel über Abwehrmechanismen erklärt, wie sich Projektion und Verschiebung unterscheiden.

Ein vierter Begriff ist die projektive Identifizierung, englisch „projective identification“. Sie hat einen zweiten Schritt. Nach der Definition des APA Dictionary projiziert eine Person unannehmbare Eigenschaften auf eine andere Person, und diese Person „verinnerlicht die projizierten Eigenschaften“. Der Begriff ist kein Synonym für Gegenübertragung.

Was das für das Lernen der Begriffe bedeutet

Es gibt zwei praktische Regeln. Lerne erstens die zwei Begriffe als Paar, nach der Richtung, und übe, den Unterschied in einem Satz zu sagen. Lerne zweitens die Gegenübertragung mit ihren Jahreszahlen. Die Bedeutung von 1910 ist ein Hindernis, das der Arzt bewältigen soll. Die Bedeutung nach 1950 schließt ein Instrument für das Verständnis des Patienten ein. Eine Karteikarte mit nur einer dieser Definitionen bereitet dich nicht auf einen Text vor, der die andere Definition benutzt.

Unser Leitfaden zum Lernen psychologischer Fachbegriffe empfiehlt, Begriffe nach Verwechslungsgefahr zu gruppieren und nicht nach Kapitel. Übertragung, Gegenübertragung und Projektion gehören in eine Gruppe.

Psychology World ist ein Psychologie-Wörterbuch mit Lernspielen. Du schlägst einen Begriff nach und speicherst ihn in einer eigenen Liste. Dann fragst du die Liste ab: als Karteikarten, im Modus Tippen oder im Modus Multiple Choice, wenn die Liste mindestens vier Wörter hat. Ein tägliches Wort bringt außerdem einen Begriff zurück, ohne dass du suchst. Die vier Schritte Entdecken, Speichern, Lernen und Behalten und die Lernmodi stehen auf der Startseite.

Häufige Fragen

Wie merke ich mir den Unterschied zwischen Übertragung und Gegenübertragung?

Achte auf die Richtung. Übertragung beginnt beim Patienten und richtet sich auf die Therapeutin. Gegenübertragung beginnt bei der Therapeutin und richtet sich auf den Patienten. Suche in einem Klausurbeispiel die Person, deren Gefühle der Text beschreibt. Ist es der Patient, dann lautet die Antwort Übertragung. Ist es die Therapeutin, die Pflegekraft oder die Sozialarbeiterin, dann lautet die Antwort Gegenübertragung.

Welche Arten von Übertragung und Gegenübertragung gibt es?

Freud trennte 1912 zwei Arten der Übertragung: die positive Übertragung zärtlicher Gefühle und die negative Übertragung feindseliger Gefühle. Das APA Dictionary of Psychology hat einen Eintrag für die positive Übertragung und einen für die negative Übertragung. Für die Gegenübertragung nennen die Quellen dieses Artikels keine einheitliche Liste von Arten. Sie nennen zwei Unterscheidungen: Winnicotts objektive Form und die vier Definitionen, die Hayes und Kollegen beschreiben. Das sind die klassische, die totalistische, die komplementäre und die relationale Definition.

Was ist ein Beispiel für Gegenübertragung?

Eine Therapeutin ärgert sich über einen Patienten, der spricht wie ihr Vater. In der klassischen Definition stammt diese Reaktion aus der Geschichte der Therapeutin, und sie muss die Reaktion erkennen. In der weiten Definition zählt auch eine Reaktion, die die meisten Menschen auf den Patienten haben. Ein Beispiel ist eine Therapeutin, die angespannt ist, wenn ein bestimmter Patient schweigt.

Setzt Gegenübertragung eine Übertragung voraus?

Nein. Das APA Dictionary definiert Gegenübertragung als die Reaktionen der Therapeutin „auf den Patienten und auf die Übertragung des Patienten“. Eine Reaktion auf den Patienten genügt also. Auch Freuds Satz von 1910 nennt den „Einfluß des Patienten“ und nicht die Übertragung des Patienten. Nur die engsten Definitionen begrenzen den Begriff auf eine Antwort auf die Übertragung.

Gelten die Begriffe auch in sozialer Arbeit, Supervision und Verhaltenstherapie?

Ja, im weiten Sinn. Nach dem Dorsch-Lexikon findet Übertragung auch in Alltagsbeziehungen statt. Nach dem APA Dictionary hat sie eine „anerkannte Rolle“ in der Beratung und in anderen Formen der Therapie. Prasko und Kollegen beschreiben 2022 beide Begriffe für die Supervision in der kognitiven Verhaltenstherapie. Eine eigene Definition für die soziale Arbeit nennen die Quellen dieses Artikels nicht. Die Richtungsregel bleibt in jedem Arbeitsfeld gleich.

Quellen

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  2. 2.Freud, S. (1910). Die zukünftigen Chancen der psychoanalytischen Therapie. In Kleine Schriften II, Kapitel 43. Projekt Gutenberg.
  3. 3.Freud, S. (1912). Zur Dynamik der Übertragung. In Kleine Schriften II, Kapitel 25. Projekt Gutenberg.
  4. 4.Freud, S. (1915). Bemerkungen über die Übertragungsliebe. In Kleine Schriften II, Kapitel 26. Projekt Gutenberg.
  5. 5.Freud, S. (1917). Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, 27. Vorlesung: Die Übertragung. Projekt Gutenberg.
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  12. 12.American Psychological Association (2018). Negative transference. APA Dictionary of Psychology.
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