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Vierzig psychologische Fachbegriffe zwischen Deutsch und Englisch

Angst ist nicht angst, Affekt nicht affect: 40 psychologische Fachbegriffe, bei denen Deutsch und Englisch sich ähnlich sehen und Verschiedenes meinen.

Sprache10 Min. Lesezeit

Die Psychologie ist auf Deutsch entstanden und wird auf Englisch veröffentlicht, und die beiden Wortschätze decken sich nie ganz. An der Naht passiert dreierlei: Ein deutsches Wort wandert unübersetzt ins Englische, weil es dort nichts gibt, womit man es übersetzen könnte. Ein englisches Wort tut dasselbe in die andere Richtung. Oder ein Paar sieht gleich aus und meint Verschiedenes. Vierzig Begriffe, sortiert danach, welcher der drei Fälle vorliegt.

  • Das englische angst ist nicht die deutsche Angst: Es meint nur die diffuse, existenzielle Hälfte, nie die Angst vor Hunden.
  • Zwölf der Begriffe hier sind falsche Freunde — sensibel heißt nicht sensible, willkürlich nicht arbitrary, ein deutscher Proband ist kein englischer proband.
  • Zwölf deutsche Begriffe stehen unübersetzt im englischen Fachtext: von Gestalt und Zeitgeist bis Prägnanz und Ganzfeld.
  • Zehn englische Begriffe sind umgekehrt normales Deutsch geworden: Coping, Priming, Flow, Bias.
  • Sechs weitere teilen dasselbe Feld unterschiedlich auf — wo das Deutsche einen Wortstamm für Zwangsgedanken und Zwangshandlungen hat, hat das Englische zwei getrennte Wörter.
  • Wer Freud auf Englisch liest, liest Strachey: Aus Trieb wurde „instinct“, aus Besetzung „cathexis“, aus Ich, Es und Über-Ich lateinische Fachwörter.

Warum ausgerechnet die Psychologie dieses Problem hat

Weil das Fach mitten in seiner Geschichte die Sprache gewechselt hat. Wundt eröffnete sein Labor 1879 in Leipzig, die Gestaltpsychologie, die Psychoanalyse und die frühe Psychophysik entstanden auf Deutsch — und zwischen den Weltkriegen verlagerte sich das Zentrum in die USA. Die englischsprachige Psychologie erbte einen deutschen Wortschatz, den sie übersetzen, übernehmen oder stillschweigend umdefinieren musste.

Die Chemie hatte dieses Problem nicht, denn ein Molekül ist in beiden Sprachen dasselbe Objekt. Ein psychologisches Konstrukt ist eine Definition, und eine Definition übersteht die Übersetzung nur, wenn jemand nachsieht. Oft hat das niemand getan.

Praktisch wird das für alle, die in der einen Sprache studieren und in der anderen lesen. Wer in einem deutschen Studiengang sitzt und englische Paper durcharbeitet, lernt jeden Begriff zweimal — und die zweite Fassung ist nicht immer eine Kopie der ersten.

Zwölf falsche Freunde, die wie Übersetzungen aussehen

Ein falscher Freund ist ein Wortpaar, das die Form teilt und nicht die Bedeutung. Diese zwölf führen in Hausarbeiten regelmäßig zu echten Fehlern, und die letzten drei stehen im Methodenteil fast jedes deutschen Papers.

Zwölf Begriffe, bei denen das deutsche und das englische Wort sich ähneln und Verschiedenes meinen.
DeutschSieht aus wieWas das englische Wort meintWorauf du achten musst
AngstangstEin diffuses, existenzielles Unbehagen, literarisch gefärbt.Für die Angst vor Hunden steht fear, für die klinische Angst anxiety.
AffektaffectDer beobachtbare Ausdruck der Gefühlslage im Moment der Untersuchung.Der deutsche Affekt ist der kurze, heftige Gefühlszustand — „im Affekt“. Nicht dasselbe.
sensibelsensibleVernünftig, besonnen.Empfindsam heißt im Englischen sensitive.
willkürlicharbitraryBeliebig, ohne Grund gewählt.Die willkürliche Motorik ist voluntary movement — genau nicht arbitrary.
ProbandprobandIn der Humangenetik die erste auffällige Person einer Familie, über die sie gefunden wird.Wer an einer Studie teilnimmt, ist participant, in älteren Texten subject.
SensibilitätsensitivityAuch die Trefferquote eines Tests bei tatsächlich Erkrankten.Dafür sagt das Deutsche Sensitivität. Sensibilität bleibt das Wahrnehmungs- und Personenwort.
PsychopathiepsychopathyDas enge moderne Konstrukt aus Gefühlskälte, Impulsivität und fehlender Reue.Bei Kurt Schneider meinte Psychopathie noch abnorme Persönlichkeiten überhaupt.
NeuroseneurosisHistorisch; in den Kriterien seit 1980 nicht mehr enthalten.Im Deutschen ist das Wort in Praxis und Alltagssprache weiter lebendig.
BelastungstressSammelwort für die Anforderung und ihre Wirkung zugleich.Das Deutsche trennt: Belastung ist die Anforderung von außen, Beanspruchung ihre Wirkung in der Person.
SensationsensationDie Sinnesempfindung.Die deutsche Sensation ist das aufsehenerregende Ereignis. Das Fachwort ist Empfindung.
aktuellactualTatsächlich, wirklich.Für „die aktuelle Studie“ heißt es current oder present.
UnterbewusstseinsubconsciousPopulär, aber kein Fachterminus.Freud schrieb vom Unbewussten. Die Vorsilbe „unter-“ hat er vermieden.

Zwölf deutsche Begriffe, die das Englische nie übersetzt hat

Wo dem Englischen das Wort fehlte, hat es das deutsche genommen. Jeder Begriff hier steht im englischen Fachtext ohne Kursivsatz und ohne Erklärung — man liest ihn im Studium, ohne dass jemand darauf hinweist, dass er deutsch ist.

Zwölf deutsche Fachbegriffe im englischsprachigen Gebrauch und die Arbeit, die sie dort leisten.
BegriffWas er im Englischen leistetHerkunft
GestaltEine Ganzheit, deren Eigenschaften keinem ihrer Teile gehören.Christian von Ehrenfels, Über Gestaltqualitäten, 1890
ZeitgeistDer Zustand eines Faches zu einem Zeitpunkt — in der Fachgeschichte die Erklärung für Mehrfachentdeckungen.Deutsche Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts
AngstDiffuse, gegenstandslose Beklemmung — die schmale Hälfte des deutschen Wortes.Existenzphilosophie und die Freud-Übersetzungen
SchadenfreudeFreude am Missgeschick anderer, inzwischen ein eigener Forschungsgegenstand.Alltagsdeutsch
Aha-ErlebnisDer Moment, in dem die Lösung als Ganzes da ist statt Schritt für Schritt.Karl Bühler, 1907
UmweltDie Welt, wie ein bestimmter Organismus sie wahrnimmt — nicht die Welt an sich.Jakob von Uexküll, 1909 und 1934
PrägnanzDie Tendenz der Wahrnehmung zur einfachsten, regelmäßigsten möglichen Ordnung.Max Wertheimer, 1923
GanzfeldEin völlig gleichförmiges Sehfeld — damit untersucht man, was Wahrnehmung ohne Struktur tut.Wolfgang Metzger, 1930
EinstellungEine aus früheren Aufgaben mitgeschleppte Lösungshaltung, die den einfacheren Weg verdeckt.Abraham Luchins, 1942
VerstehenJemanden von innen begreifen, im Gegensatz zum kausalen Erklären.Dilthey und Jaspers, über die Geisteswissenschaften
WeltanschauungEin geschlossenes Weltbild — Freud bestand darauf, dass die Psychoanalyse keines liefert.Deutsche Philosophie; Freud, 1933
FunktionslustDie Lust daran, etwas um seiner selbst willen gut zu tun.Karl Bühler, in seiner Entwicklungspsychologie

Zehn englische Begriffe, die das Deutsche nie übersetzt hat

Der Verkehr läuft in beide Richtungen, in diese inzwischen schneller. Die zehn sind normales Deutsch: Sie nehmen Artikel, Plural und Komposita an, und das deutsche Gegenwort ist entweder verschwunden oder in die zweite Reihe gerückt.

Zehn englische Fachbegriffe im deutschen Gebrauch und das deutsche Wort, das dabei zurücktrat.
BegriffWas er meintDas deutsche Gegenwort
das CopingDer Umgang mit einer Anforderung, die die eigenen Mittel beansprucht.Bewältigung — lebt weiter, meist als Krankheitsbewältigung
das PrimingVorherige Darbietung verändert, wie schnell oder wie leicht etwas verarbeitet wird.Bahnung — älter, heute eher neurophysiologisch
der FlowVölliges Aufgehen in einer Tätigkeit, die zum eigenen Können passt.Schaffensrausch — war nie ernsthaft im Rennen
der BiasEine systematische Abweichung, im Urteil wie im Studiendesign.Verzerrung — quicklebendig und im Lehrbuch die Regel
das BurnoutErschöpfung, Distanzierung und verringerte Wirksamkeit aus chronischem Arbeitsstress.Ausgebranntsein — gebräuchlich, aber das Lehnwort gewann
das ArousalKörperliche und psychische Aktivierung.Aktivierung — in älteren Lehrbüchern der Normalfall
das CravingDer starke Drang, eine Substanz zu nehmen oder ein Verhalten zu wiederholen.Suchtdruck — in der Praxis verbreitet
das FramingDer Einfluss der Darstellung einer Wahl auf die getroffene Entscheidung.Rahmung — in der Soziologie üblich, hier selten
das ItemEine einzelne Frage in einem Test oder Fragebogen.Aufgabe — mehrdeutig, deshalb ist das Lehnwort sicherer
das ScreeningDie Untersuchung einer unausgelesenen Gruppe, um wahrscheinliche Fälle zu finden.Reihenuntersuchung — behördlich und auf dem Rückzug

Das Gegenbeispiel lohnt sich zu kennen, weil es zeigt, dass die Übernahme kein Automatismus ist: Aus mindfulness wurde Achtsamkeit, ein deutsches Wort mit eigener Geschichte, und der englische Begriff hat sich nie durchgesetzt.

Sechs Begriffe, bei denen beide Sprachen dasselbe Feld anders teilen

Die schwierigen Fälle sind nicht die Wörter ohne Gegenstück. Es sind die Stellen, an denen beide Sprachen dasselbe Gebiet zerlegen — nur an anderen Nahtstellen.

Angst und Furcht gegen anxiety und fear

Beide Sprachen haben zwei Wörter, und sie liegen fast übereinander. Furcht richtet sich auf etwas Bestimmtes, Angst nicht; fear und anxiety trennen an derselben Naht. Der Unterschied liegt im Gebrauch: Im Alltagsdeutsch hat die Angst die Furcht praktisch verschluckt, weshalb „Ich habe Angst vor Spinnen“ der natürliche Satz ist, obwohl es der Sache nach Furcht wäre. Die Unterscheidung lebt im Lehrbuch, nicht auf der Straße.

Zwang gegen obsession und compulsion

Das Englische trennt den aufgedrängten Gedanken von der wiederholten Handlung: obsession und compulsion. Das Deutsche nutzt einen Stamm für beides und markiert den Unterschied im zweiten Wortteil — Zwangsgedanken sind obsessions, Zwangshandlungen compulsions, das Störungsbild ist die Zwangsstörung. Das Deutsche macht die Verwandtschaft sichtbar und den Unterschied leicht übersehbar. Das Englische macht es umgekehrt.

Erlebnis und Erfahrung gegen experience

Hier hat das Deutsche zwei Wörter und das Englische eines. Ein Erlebnis ist die einzelne durchlebte Episode, Erfahrung das, was sich aus vielen davon ansammelt. Im Englischen muss ein Adjektiv die Arbeit tun — lived experience gegen prior experience —, und Übersetzungen phänomenologischer Texte behalten das deutsche Wort oft einfach bei.

Geist gegen mind

Für mind gibt es kein sauberes deutsches Wort. Geist reicht ins Geistige und Intellektuelle, Seele ins Seelische, Psyche ist aus dem Griechischen geliehen, Verstand meint eher die Vernunft. Philosophy of mind heißt Philosophie des Geistes — und ein deutsches Ohr hört darin auch das Geistige mit. Wo Freud von der Seele schrieb, steht bei seinen Übersetzern mental, und etwas ist dabei verloren gegangen.

Wer Freud auf Englisch liest, liest Strachey

Das größte Übersetzungsereignis der Psychologie ist die Standard Edition, die zwischen 1953 und 1974 unter James Strachey entstand. Sie ist eine monumentale Leistung und zugleich eine Reihe von Entscheidungen — und diese Entscheidungen gelten englischsprachigen Lesern bis heute als Freuds Vokabular.

Vier Begriffe Freuds und das, was in der Standard Edition daraus wurde.
Freud schriebStrachey druckteDer Unterschied
TriebinstinctDer Trieb hat Quelle, Drang und Ziel. Für das feste tierische Muster hatte Freud ein eigenes Wort: Instinkt.
BesetzungcathexisBesetzung ist Alltagssprache — etwas einnehmen, eine Stelle besetzen. Cathexis ist eine griechische Neuschöpfung, die es nur in dieser Literatur gibt.
das Ich, das Es, das Über-Ichthe ego, the id, the super-egoDas Deutsche sind gewöhnliche Pronomen. Das Lateinische klingt nach Apparat.
FehlleistungparapraxisIn der Fehlleistung steckt die Leistung, und darin liegt die Pointe. In parapraxis steckt keine mehr.

Bruno Bettelheim hat daraus 1983 ein ganzes Buch gemacht. Ob man seiner These folgt — der englische Freud lese sich als Naturwissenschaftler, der deutsche als Geisteswissenschaftler —, bleibt Geschmackssache; die Beobachtung dahinter lässt sich in jeder zweisprachigen Ausgabe nachprüfen. Sie erklärt auch eine wiederkehrende Verwirrung: mehrere Abwehrmechanismen tragen im Deutschen Namen, die sagen, was der Mechanismus tut, und im Englischen Namen, die nichts sagen.

Dasselbe Muster zeigt sich überall dort, wo ein Begriff eine Grenze überquert. Berufsbezeichnungen sind der Extremfall: Psychologe, Psychotherapeut und Psychiater bedeuten von Land zu Land Verschiedenes, weil das Recht dahinter verschieden ist, und die Namen der Verfahren selbst sind eine Mischung aus Marken, Familien und Abrechnungskategorien. Wer beide Wortschätze gleichzeitig lernt, lernt am besten die Paare zusammen statt die Sprachen nacheinander — eine Lernmethode mit Belegen dahinter, nicht bloß ein guter Vorsatz.

Häufige Fragen

Heißt Angst auf Englisch angst?

Nur zur Hälfte. Das englische angst meint die diffuse, existenzielle Beklemmung. Für die Angst vor etwas Bestimmtem steht fear, für die klinische Angst anxiety. Wer im englischen Text angst schreibt, sagt etwas Literarisches und kein Fachwort.

Warum stehen deutsche Wörter wie Gestalt in englischen Lehrbüchern?

Weil die Begriffe zuerst auf Deutsch definiert wurden und das Englische kein Gegenstück hatte. Gestalt, Prägnanz, Ganzfeld, Einstellung und Aha-Erlebnis kamen zwischen 1890 und 1942 mit der Forschung, die sie benannt hat. Eine Übersetzung hätte die Definition gekostet.

Was ist der Unterschied zwischen Verdrängung und Unterdrückung?

Verdrängung geschieht ohne Entscheidung: Der Inhalt verschwindet aus dem Bewusstsein, ohne dass du ihn wegschiebst. Unterdrückung ist der bewusste Verzicht, jetzt daran zu denken. Das Englische kennt dasselbe Paar als repression und suppression — und verwechselt es genauso oft.

Hat Freud wirklich Ich, Es und Über-Ich geschrieben?

Ja. Die lateinischen Wörter ego, id und super-ego stammen von James Strachey und stehen erst in der englischen Standard Edition, die zwischen 1953 und 1974 erschien. Freud selbst benutzte gewöhnliche deutsche Pronomen.

Wie heißt Proband richtig auf Englisch?

Participant, in älteren Texten subject. Das englische proband ist ein falscher Freund: In der Humangenetik bezeichnet es die erste auffällige Person einer Familie, über die die Familie überhaupt erst gefunden wurde.

Gibt es ein deutsches Wort für mindfulness?

Ja, und es hat sich durchgesetzt: Achtsamkeit ist in deutscher Forschung und Praxis Standard. Anders als bei Coping oder Priming ist der englische Begriff hier nie heimisch geworden — das beste Gegenbeispiel zu der Annahme, das Deutsche übernehme ohnehin alles.

Quellen

  1. 1.Ehrenfels, C. von (1890). Über Gestaltqualitäten. Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, 14, 249–292.
  2. 2.Bühler, K. (1907). Tatsachen und Probleme zu einer Psychologie der Denkvorgänge. Archiv für die gesamte Psychologie, 9, 297–365.
  3. 3.Wertheimer, M. (1923). Untersuchungen zur Lehre von der Gestalt II. Psychologische Forschung, 4(1), 301–350.
  4. 4.Metzger, W. (1930). Optische Untersuchungen am Ganzfeld. Psychologische Forschung, 13(1), 6–29.
  5. 5.Luchins, A. S. (1942). Mechanization in problem solving: The effect of Einstellung. Psychological Monographs, 54(6), i–95.
  6. 6.Uexküll, J. von (1934). Streifzüge durch die Umwelten von Tieren und Menschen. Springer.
  7. 7.Schneider, K. (1923). Die psychopathischen Persönlichkeiten. Deuticke.
  8. 8.Bettelheim, B. (1983). Freud and Man’s Soul. Alfred A. Knopf. Deutsch: Freud und die Seele des Menschen.
  9. 9.Strachey, J. (Hrsg.) (1953–1974). The Standard Edition of the Complete Psychological Works of Sigmund Freud. Hogarth Press. Siehe das General Preface zur Übersetzung von Trieb, Besetzung und Fehlleistung.
  10. 10.DIN EN ISO 10075-1, Ergonomische Grundlagen bezüglich psychischer Arbeitsbelastung — Teil 1: Allgemeines und Begriffe. Quelle der Unterscheidung von Belastung und Beanspruchung.

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