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Das kollektive Unbewusste: was Jung behauptete, und was seine Belege tragen

Was ist das kollektive Unbewusste? Jungs Definition, die Archetypen, sein wichtigster Fall und was Studien und Kritiker heute dazu sagen, einfach erklärt.

Psychodynamik15 Min. Lesezeit
Von Psychology World

Das kollektive Unbewusste ist nach Carl Gustav Jung die tiefste Schicht des Unbewussten. Jung nahm an, dass ihre Inhalte nicht aus dem eigenen Leben stammen. Sie sollen allen Menschen gemeinsam und angeboren sein. Die Grundmuster dieser Schicht nannte er Archetypen. Davon trennte er das persönliche Unbewusste: Vergessenes, Verdrängtes und unterschwellig Wahrgenommenes aus der eigenen Lebensgeschichte. Bewiesen ist das kollektive Unbewusste bis heute nicht. Jungs Belege waren Fallgeschichten und Parallelen zu alten Mythen, und auch jungianische Forscher halten die biologische Vererbung heute für unbegründet.

Jung schrieb auf Deutsch. Dieser Artikel liest deshalb seine Originaltexte von 1902, 1912 und 1921 und vergleicht sie mit dem, was über seinen bekanntesten Fall erzählt wird. Zitate aus englischen Quellen stehen hier in eigener Übersetzung.

  • 1921 erklärte Jung die Archetypen als Niederschlag der „durch millionenfache Wiederholung aufgehäuften“ Erfahrungen der Vorfahren. Später schrieb er, dass nur die Form vererbt wird, nicht das Bild. Das APA Dictionary und das Dorsch Lexikon folgen bis heute verschiedenen Fassungen.
  • Jungs bekanntester Beleg ist ein Patient, der an der Sonne einen Penis sah, aus dem der Wind kommt. Nach Jungs eigenem Text von 1912 hat nicht er selbst, sondern Honegger diese Wahnidee entdeckt. Die antike Parallele fand Jung in einem Buch, dessen deutsche Übersetzung schon seit 1903 gedruckt vorlag.
  • Jung beschrieb schon 1902 die Kryptomnesie: Ein früher aufgenommenes Bild kehrt zurück, ohne dass man es als Erinnerung erkennt. Genau diese Erklärung lässt sich bei seinen Fällen nicht ausschließen.
  • In einem Gedächtnisversuch mit 402 Studierenden aus der Deutschschweiz behielten die Teilnehmenden „archetypische“ Symbol-Wort-Paare zu 67 Prozent, andere Paare zu 60 Prozent. Der Versuch trennt aber nicht zwischen Vererbung und gemeinsamer Kultur.
  • Auch Freud nahm 1939 ererbte Inhalte an, „Erinnerungsspuren an das Erleben früherer Generationen“. Der übliche Gegensatz „Freud persönlich, Jung kollektiv“ ist deshalb zu einfach.

Was das kollektive Unbewusste ist

Jung verglich die Archetypen mit dem Instinkt. Ein Instinkt ist eine angeborene Art zu handeln. Ein Archetyp ist nach Jung eine angeborene Art, etwas wahrzunehmen und aufzufassen. In seinem Buch „Psychologische Typen“ von 1921 schreibt er:

Seit Alters wird die angeborne Art des Handelns als Instinkt bezeichnet, die Art der psychischen Erfassung des Objektes habe ich als Archetypus zu bezeichnen vorgeschlagen.
— C. G. Jung, Psychologische Typen, 1921

Das kollektive Unbewusste ist die Schicht, in der diese Archetypen liegen sollen. Das Lexikon der Psychologie von Spektrum beschreibt es so: Es enthält die Gesamtheit aller Archetypen als Niederschlag allgemeinmenschlicher Erfahrungen. Das APA Dictionary of Psychology nennt es den tiefsten und am wenigsten zugänglichen Teil des Unbewussten.

Die Wörter kamen nacheinander. In seinem Buch „Wandlungen und Symbole der Libido“ von 1912 sprach Jung von „urtümlichen Bildern“. Diesen Ausdruck übernahm er nach eigener Angabe von dem Historiker Jakob Burckhardt. Das Wort Archetypus benutzte Jung nach dem Jungianer Christian Roesler zum ersten Mal 1919. Jung selbst verweist 1921 dafür auf seinen Aufsatz „Instinct and the Unconscious“ im British Journal of Psychology von 1919. In „Psychologische Typen“ setzt er außerdem das kollektive Unbewusste mit dem gleich, was der Zoologe Richard Semon „Mneme“ nannte. Diese Gleichsetzung ist wichtig, und sie kommt im Abschnitt über die Vererbung wieder.

Persönliches und kollektives Unbewusstes: der Unterschied

Jung teilte das Unbewusste in zwei Schichten. Das Dorsch Lexikon der Psychologie fasst es im Eintrag Analytische Psychologie so zusammen: Das persönliche Unbewusste enthält Vergessenes, Verdrängtes, unterschwellig Wahrgenommenes und Abgesunkenes. Das kollektive Unbewusste ist der „Mutterboden allen Bewusstseins“ und enthält „ererbte Möglichkeiten des psych. Funktionierens überhaupt“.

Die zwei Schichten des Unbewussten bei Jung, nach dem Dorsch Lexikon und dem APA Dictionary.
MerkmalPersönliches UnbewusstesKollektives Unbewusstes
Herkunft der Inhaltedas eigene Lebennach Jung angeboren und allen Menschen gemeinsam
Typische InhalteVergessenes, Verdrängtes, unterschwellig Wahrgenommenes, KomplexeArchetypen wie Schatten, Persona, Anima und Held
Kann es bewusst werden?teilweise, durch Erinnernnur indirekt, über Bilder in Träumen, Fantasien und Mythen
Verteilungbei jedem Menschen andersallen Menschen gemeinsam

Das APA Dictionary ergänzt beim persönlichen Unbewussten, dass ein Teil seiner Inhalte wieder ins Bewusstsein kommen kann, ähnlich wie bei Freuds Vorbewusstem. Andere Inhalte bleiben wirklich unbewusst. Freud hatte zwei eigene Modelle: das ältere aus der „Traumdeutung“ und das Strukturmodell. Beide erklärt unser Artikel über Es, Ich und Über-Ich.

Ein Unterschied geht in vielen Erklärungen verloren. Das persönliche Unbewusste lässt sich im Prinzip prüfen, denn man kann nach der Herkunft einer Erinnerung fragen. Beim kollektiven Unbewussten ist das schwer. Jung musste zeigen, dass ein Bild nicht aus dem eigenen Leben stammt. Genau an dieser Stelle hängt die ganze Theorie, wie die Abschnitte über seinen bekanntesten Fall zeigen.

Archetypen: was Jung darunter verstand

Ein Archetyp ist nach Jung kein fertiges Bild, sondern ein Muster, das Bilder ordnet. Das Dorsch Lexikon beschreibt den Archetyp als einen „a priori vorhandenen unanschaulichen typischen Anordner formaler Natur“. Den Inhalt liefern die archetypischen Bilder einer Kultur und eines einzelnen Menschen. Das Lexikon vergleicht ihn mit dem Achsensystem eines Kristalls. Das Achsensystem legt fest, welche Kristalle möglich sind. Es besteht aber selbst aus keinem Stoff.

Die bekanntesten Archetypen erklärt das APA Dictionary so:

  • Schatten: die „dunklere Seite“ der Psyche, also alles, was das bewusste Ich nicht annehmen kann. Das kann eine Eigenschaft, ein Wunsch oder ein Gefühl sein, auch ein positives.
  • Persona: das öffentliche Gesicht, das ein Mensch der Außenwelt zeigt. Der Begriff kommt von der Maske der Schauspieler im alten Rom.
  • Anima und Animus: Archetypen für allgemein weibliche und allgemein männliche Eigenschaften, oder die unbewusste weibliche Seite im Mann und die unbewusste männliche Seite in der Frau.
  • Weitere Beispiele des APA Dictionary sind ein höchstes Wesen und der Held.

Woher die 12 Archetypen kommen

Viele Seiten nennen „12 Archetypen nach C. G. Jung“: den Krieger, den Weisen, den Narren, den Herrscher und so weiter. Diese Zwölferliste stammt nicht von Jung. Sie stammt von der US-Autorin Carol S. Pearson. Auf ihrer Website schreibt sie, dass sie zuerst in „The Hero Within“ ein Modell mit sechs Archetypen entwickelte. In „Awakening the Heroes Within“ erweiterte sie es auf zwölf. Auf diesem Modell beruht der Test Pearson-Marr Archetype Indicator. Pearson beruft sich auf Jung, aber auch auf James Hillman, Joseph Campbell und Erik Erikson. Wer einen „Archetypen-Test“ macht, prüft also Pearsons Modell, nicht Jungs Theorie.

Was vererbt sein soll: Bilder oder nur Formen?

Die Frage nach der Vererbung ist der Kern der Theorie, und Jung beantwortete sie nicht immer gleich. 1921 klingt seine Erklärung wie eine Theorie des ererbten Gedächtnisses. In „Psychologische Typen“ schreibt er über die Archetypen:

Diese Archetypen, deren innerstes Wesen der Erfahrung unzugänglich ist, stellen den Niederschlag des psychischen Funktionierens der Ahnenreihe dar, d. h. die durch millionenfache Wiederholung aufgehäuften und zu Typen verdichteten Erfahrungen des organischen Daseins überhaupt.
— C. G. Jung, Psychologische Typen, 1921

Im Kapitel mit den Definitionen nennt Jung das urtümliche Bild „ein mnemischer Niederschlag, ein Engramm (Semon)“. Ein Engramm ist bei Richard Semon eine Gedächtnisspur. Semon vertrat aber eine besondere Idee: Gedächtnis und Vererbung sollten nach demselben Mechanismus arbeiten. Nach den Gedächtnisforschern Daniel Schacter, James Eich und Endel Tulving war diese Gleichsetzung Semons „entscheidender wissenschaftlicher Fehler“. Sie führte ihn zur Lehre von der Vererbung erworbener Eigenschaften. Wer also Jungs Wortlaut von 1921 folgt, folgt einer Vererbungslehre, die schon zu Semons Lebzeiten scharf kritisiert wurde.

Später formulierte Jung vorsichtiger. In seinem Aufsatz über die psychologischen Aspekte des Mutterarchetypus, heute im Band 9/1 der Gesammelten Werke, nennt er die Archetypen „leer und rein formal“, eine „a priori gegebene Möglichkeit der Vorstellung“. Die Vorstellungen selbst werden nach dieser Fassung nicht vererbt. Diese Stellen zitiert eine Studie von 2013 aus der englischen Ausgabe, hier in eigener Übersetzung. Das Dorsch Lexikon folgt dieser späten Fassung: „Die Formen der archetypischen Vorstellungen (nicht ihr Inhalt) sind vererbbar.“

Das APA Dictionary folgt dagegen eher dem frühen Jung. Dort enthält das kollektive Unbewusste die „ererbte Ansammlung urzeitlicher menschlicher Erfahrungen in Form von Ideen und Bildern“. Die beiden Lexika beschreiben also zwei Versionen derselben Theorie. Für eine Prüfung heißt das: Sag dazu, welchen Jung du meinst. Der Jung von 1921 sprach von ererbten Erfahrungen, der spätere Jung nur noch von ererbten Formen.

Jungs bekanntester Beleg: der Patient mit dem Sonnenphallus

Jung suchte Fälle, in denen ein Mensch ein Bild aus einem alten Mythos erzeugt, das er nicht kennen konnte. Der bekannteste Fall ist ein Patient der Zürcher Klinik Burghölzli. Jung beschreibt ihn 1912 in „Wandlungen und Symbole der Libido“ auf Seite 94:

Honegger hat bei einem Geisteskranken (paranoide Demenz) folgende Wahnidee entdeckt: Der Kranke sieht an der Sonne einen sogenannten „Aufwärts-Schwanz“ (d. h. soviel wie erigierten Penis). Wenn der Kranke mit dem Kopfe hin- und herwackelt, so schwankt auch der Sonnenpenis hin und her und daraus entsteht der Wind. Diese sonderbare Wahnidee blieb uns so lange unverständlich, bis ich die Visionen der Mithrasliturgie kennen lernte.
— C. G. Jung, Wandlungen und Symbole der Libido, 1912

Paranoide Demenz ist ein alter Name für eine Psychose. Die Parallele fand Jung in einem Zauberpapyrus aus dem frühen 4. Jahrhundert, der heute in Paris liegt. Der Philologe und Religionshistoriker Albrecht Dieterich hatte den Text als „Mithrasliturgie“ herausgegeben und ins Deutsche übersetzt. Jung zitiert Dieterichs Übersetzung: Von der Sonne aus werde „die sogenannte Röhre, der Ursprung des diensttuenden Windes“ sichtbar, „wie eine herabhängende Röhre“.

Zwei Details in Jungs Text von 1912 werden in späteren Nacherzählungen oft anders erzählt:

  1. 1.Entdeckt hat die Wahnidee nach Jungs eigenem Wortlaut Honegger, nicht Jung. Der Jungianer Christian Roesler schreibt 2012 dagegen, der Patient habe Jung davon erzählt, und Jung habe den antiken Text gerade übersetzt. Jung selbst schreibt nur, dass er die Visionen der Mithrasliturgie „kennen lernte“.
  2. 2.Jung nennt in seinen Anmerkungen „Dieterich: Eine Mithrasliturgie, 1910“. Das ist die zweite Auflage. Die erste Auflage erschien schon 1903 bei Teubner in Leipzig, mit derselben deutschen Übersetzung der Röhren-Stelle. Auch eine Rezension in der Bryn Mawr Classical Review nennt 1903 als Erscheinungsjahr.

Für Jung blieb der Fall wichtig. 1921 verweist er in „Psychologische Typen“ auf genau diese Seite und nennt sie „ein bemerkenswertes Beispiel eines archaïschen Bildes“. Roesler nennt ihn den „wichtigsten Fall“ für Jungs Weg zum Archetyp. Der Historiker Sonu Shamdasani betont aber, dass der Fall die Beweislast „zusammen mit anderen Figuren“ trug. Er weist in einem Leserbrief auch auf ein BBC-Interview von 1959 hin. Dort wurde Jung nach dem Wendepunkt seines Denkens gefragt, und er nannte zuerst eine Reise nach Washington. In einer psychiatrischen Klinik hatte er dort die Träume afroamerikanischer Patienten untersucht. Schon 1921 behauptete Jung, er habe in den Träumen und Fantasien schwarzer Psychiatriepatienten Motive der griechischen Mythologie gefunden. Er benutzte dabei eine rassistische Bezeichnung seiner Zeit.

Das Problem der Kryptomnesie

Ein Mythos-Bild im Traum oder im Wahn beweist nur dann etwas Ererbtes, wenn der Mensch das Motiv nie gesehen, gelesen oder gehört hat. Sonst kann er sich an etwas erinnern, ohne es zu merken. Dieses Phänomen heißt Kryptomnesie. Jung kannte es genau. In seiner Doktorarbeit von 1902 beschreibt er es als das Bewusstwerden eines Gedächtnisbildes, das nicht als Erinnerung erkannt wird. Er fügt hinzu:

Wie oft verführt sie den Forscher, den Schriftsteller oder den Komponisten, an die Originalität seiner Einfälle zu glauben, und hinterher weist der Kritiker die Quelle nach!
— C. G. Jung, Zur Psychologie und Pathologie sogenannter occulter Phänomene, 1902

Für seine Theorie musste Jung also bei jedem Fall zeigen, dass keine Kryptomnesie vorlag. Roesler schreibt in seinem Aufsatz von 2012, dass Jung für alle Fälle behaupten musste, die Person habe das Bild vorher nicht gekannt. Belegen konnte er das „natürlich nicht in jedem Fall“. Beim Sonnenphallus-Patienten zeigen die Jahreszahlen das Problem. Dieterichs Übersetzung war seit 1903 gedruckt. Was der Patient vor seiner Erkrankung gelesen oder gehört hatte, geht aus Jungs Text nicht hervor. Mit dem Erscheinungsjahr allein lässt sich eine Kryptomnesie deshalb nicht ausschließen.

Roesler nennt noch einen zweiten Einwand, von Raya Jones aus dem Jahr 2007. Wäre die Fantasie wirklich archetypisch, müsste sie viel öfter vorkommen als bei einem einzigen Patienten und in einem einzigen antiken Text.

Gibt es das kollektive Unbewusste? Was Experimente zeigen

Experimente zum kollektiven Unbewussten sind selten. Das schreibt auch das Forschungsteam um Milena Sotirova-Kohli in seiner Studie von 2013. Die Studie wiederholt einen Versuch von 1991, den ein US-Team um David Rosen entwickelt hatte. Die Idee: Wenn ein Symbol eine angeborene Bedeutung hat, lernt man das Symbol mit dieser Bedeutung leichter als mit einer anderen.

In Rosens Versuch konnten die Teilnehmenden die „archetypische“ Bedeutung der Symbole nicht bewusst benennen. Sie lernten aber Paare aus Symbol und passendem Wort besser als Paare mit einem fremden Wort. Sotirova-Kohli und ihr Team prüften das mit einer deutschen Fassung der Wörter an 402 Studierenden aus der Deutschschweiz. Die Teilnehmenden lernten Paare aus einem Symbol und einem Wort wie „Aufstieg“ oder „Seele“. Später mussten sie die Wörter wiedergeben.

Erinnerte Wörter im Schweizer Versuch von 2013, in Prozent der möglichen richtigen Antworten.
GruppeTeilnehmendepassendes Paarfremdes Paar
Reihenfolge 122170,0 %60,3 %
Reihenfolge 218164,7 %59,5 %
Gesamt40267,5 %59,9 %

Der Unterschied war statistisch deutlich, und er blieb auch, als die Paare herausgenommen wurden, die Teilnehmende schon kannten. Die Autoren sehen darin einen Hinweis auf eine universelle Natur der Archetypen. Sie nennen aber auch Grenzen. Deutsch und Englisch sind eng verwandte Sprachen, und ein Test in Japanisch, Chinesisch, Türkisch oder Arabisch fehlt. Einige Paare waren bekannte kulturelle Symbole. Und ein Gutachter fragte, ob manche Wörter einfach beschreiben, wie das Symbol aussieht.

Eine weitere Grenze folgt aus dem Aufbau. Die Teilnehmenden waren Studierende aus einer europäischen Kultur. Wenn sie ein Symbol mit seiner traditionellen Bedeutung leichter lernen, passt das zu einer angeborenen Bedeutung. Es passt aber genauso zu einer Bedeutung, die sie in ihrer Kultur gelernt haben, ohne sich daran zu erinnern. Der Versuch kann diese zwei Erklärungen nicht trennen.

Auch für die Therapie, die auf Jungs Theorie beruht, ist die Datenlage dünn. Das Dorsch Lexikon schreibt im Eintrag Analytische Psychologie, eindeutige Belege für die Wirkung seien „bisher in bemerkenswert geringem Umfang vorgelegt worden“.

Was die Kritik heute sagt

Eine deutliche Kritik kommt aus der jungianischen Forschung selbst. Christian Roesler ist selbst Jungianer und arbeitet in Freiburg. In seinem Aufsatz von 2012 im Journal of Analytical Psychology prüft er die Vererbungsthese mit dem Wissen der Genetik. Sein Ergebnis: Es gibt „noch immer keine feste wissenschaftliche Grundlage“ für eine bestimmte Behauptung. Gemeint ist die Behauptung, dass komplexe symbolische Muster wie der Heldenmythos so weitergegeben werden, dass jeder Mensch Zugang zu ihnen hat.

Roesler stützt sich dabei auf die Epigenetik. Gene wirken nach diesem Forschungsfeld nicht wie ein fester Bauplan. Sie werden je nach Umwelt an- und abgeschaltet, besonders durch die Erfahrungen mit den ersten Bezugspersonen. Daraus folgert Roesler, dass sich universelle Muster nicht mehr durch die Genetik erklären lassen. Er fragt deshalb, ob Archetypen nicht viel stärker durch Kultur und Erziehung weitergegeben werden, etwa durch Erzähltraditionen und religiöse Formen. Er schließt so:

In diesem Sinn werden wir nicht mit einem kollektiven Unbewussten geboren, sondern wir wachsen in es hinein.
— Christian Roesler, 2012, in eigener Übersetzung

2023 ging Roesler weiter. Nach der Beschreibung seines Buchs „Deconstructing Archetype Theory“ ist Jungs Archetypenlehre keine einheitliche Theorie, sondern vier Theorien: eine biologische, eine anthropologische, eine transzendentale und eine psychologische. Das Buch prüft die Behauptungen der Theorie mit dem Wissen aus Biologie, Anthropologie, Religions- und Mythenforschung. Sein Schluss: Diese Behauptungen haben keine Stütze und sollten aufgegeben werden. Behalten will Roesler nur einen Teil: Jungs Beschreibung eines allgemeinen Prozesses der psychischen Wandlung, als Landkarte für die Psychotherapie.

Jung und Freud: wer an ererbte Inhalte glaubte

Oft wird der Gegensatz so erklärt: Freud kannte nur das persönliche Unbewusste, Jung fügte das kollektive hinzu. Das stimmt für den Aufbau der Theorien. Bei der Frage der Vererbung ist es zu einfach. Freud schrieb 1939 in „Der Mann Moses und die monotheistische Religion“:

Seine Beweiskraft erscheint mir stark genug, um den weiteren Schritt zu wagen und die Behauptung aufzustellen, daß die archaische Erbschaft des Menschen nicht nur Dispositionen, sondern auch Inhalte umfaßt, Erinnerungsspuren an das Erleben früherer Generationen.
— Sigmund Freud, Der Mann Moses und die monotheistische Religion, 1939

Freud wusste, dass die Biologie seiner Zeit „von der Vererbung erworbener Eigenschaften auf die Nachkommen nichts wissen will“. Er hielt trotzdem daran fest. Damit ging Freud 1939 weiter als der späte Jung, der nur noch Formen für ererbt hielt. Der Unterschied liegt woanders. Freud dachte an Erinnerungsspuren bestimmter Ereignisse, etwa an einen urzeitlichen Vatermord. Jung dachte an eine allgemeine Schicht von Mustern, die in allen Menschen gleich angelegt ist.

Die Begriffe auseinanderhalten

Rund um das kollektive Unbewusste gibt es mehrere Begriffe, die sich leicht verwechseln lassen. Jung und Freud schreiben vom Unbewussten. Das Wort „Unterbewusstsein“ ist populär, aber kein Fachbegriff, wie unser Artikel über Fachbegriffe zwischen Deutsch und Englisch zeigt. Jungs Schule heißt analytische Psychologie. Das ist nicht dasselbe wie die analytische Psychotherapie, eines der vier Richtlinienverfahren in Deutschland, die aus der psychoanalytischen Tradition kommt. Und der Archetyp selbst ist bei Jung unsichtbar. Sichtbar sind nur die archetypischen Bilder einer Kultur.

Kollektives Unbewusstes, persönliches Unbewusstes, Archetyp, archetypisches Bild, Persona, Schatten und Kryptomnesie stammen aus derselben Theorie, und in einer Prüfung verwechselt man sie leicht. Psychology World ist eine Wörterbuch-App mit mehr als 18.000 psychologischen Fachbegriffen. Du kannst Begriffe wie diese in einer eigenen Liste speichern. Dann übst du die Liste als Karteikarten, als Multiple Choice oder per Tippen. Der Multiple-Choice-Modus braucht eine Liste mit mindestens vier Wörtern. Was die einzelnen Lernmodi tun, zeigt die Startseite. Welche Lernmethoden die stärksten Belege haben, erklärt unser Artikel psychologische Fachbegriffe lernen.

Häufige Fragen

Was ist ein Beispiel für das kollektive Unbewusste?

Jungs eigenes Standardbeispiel ist der Patient, der an der Sonne einen Penis sah, aus dem der Wind kommt. Jung fand dasselbe Bild in einem antiken Zauberpapyrus, der „Mithrasliturgie“. Ein Beispiel für einen Archetyp ist der Held, der in vielen Mythen vorkommt. Solche Beispiele zeigen, was Jung meinte. Ein Beweis sind sie nicht, denn die Bilder können auch gelernt sein.

Ist das kollektive Unbewusste dasselbe wie der Zeitgeist?

Nein. Jung meinte etwas Angeborenes, das nach seinen Worten „jedem Wesen wieder aufs Neue angeboren ist“. Der Zeitgeist ist dagegen das, was Menschen von ihrer Zeit und ihrer Umgebung lernen. Roeslers Vorschlag, Archetypen würden durch Kultur weitergegeben, bringt die Theorie allerdings näher an diese Idee heran.

Was heißt kollektives Unbewusstes auf Englisch?

Der englische Fachbegriff ist collective unconscious. Das persönliche Unbewusste heißt personal unconscious, der Archetyp archetype. Wer „kollektives Unterbewusstsein“ sagt, meint meist dasselbe. Der Ausdruck ist aber ungenau, weil Jung vom Unbewussten schrieb.

In welchem Buch erklärt Jung das kollektive Unbewusste?

Jungs Aufsätze zum Thema sammelt der Band 9/1 seiner Gesammelten Werke, „Die Archetypen und das kollektive Unbewusste“. Er enthält nach Angabe des Verlags Patmos Arbeiten aus den Jahren 1933 bis 1955. Frei lesbar ist Jungs Buch „Psychologische Typen“ von 1921 beim Projekt Gutenberg. Es enthält seine frühe Erklärung der Archetypen und eine Liste mit Definitionen.

Quellen

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  2. 2.Jung, C. G. (1912). Wandlungen und Symbole der Libido. Beiträge zur Entwicklungsgeschichte des Denkens. Leipzig und Wien: Franz Deuticke.
  3. 3.Jung, C. G. (1919). Instinct and the unconscious. British Journal of Psychology, 10(1), 15–23.
  4. 4.Jung, C. G. (1921). Psychologische Typen. Zürich: Rascher & Cie. Projekt Gutenberg.
  5. 5.Dieterich, A. (1903). Eine Mithrasliturgie. Leipzig: B. G. Teubner.
  6. 6.Dieterich, A. (1910). Eine Mithrasliturgie (2. Aufl.). Leipzig und Berlin: B. G. Teubner.
  7. 7.Freud, S. (1939). Der Mann Moses und die monotheistische Religion. Projekt Gutenberg.
  8. 8.Rosen, D. H., Smith, S. M., Huston, H. L., & Gonzalez, G. (1991). Empirical study of associations between symbols and their meanings: Evidence of collective unconscious (archetypal) memory. Journal of Analytical Psychology, 36(2), 211–228.
  9. 9.Sotirova-Kohli, M., Opwis, K., Roesler, C., Smith, S. M., Rosen, D. H., Vaid, J., & Djonov, V. (2013). Symbol/meaning paired-associate recall: An "archetypal memory" advantage? Behavioral Sciences, 3(4), 541–561.
  10. 10.Roesler, C. (2012). Are archetypes transmitted more by culture than biology? Questions arising from conceptualizations of the archetype. Journal of Analytical Psychology, 57(2), 223–246.
  11. 11.Roesler, C. (2023). Deconstructing Archetype Theory: A Critical Analysis of Jungian Ideas. Routledge.
  12. 12.Schacter, D. L., Eich, J. E., & Tulving, E. (1978). Richard Semon's theory of memory. Journal of Verbal Learning and Verbal Behavior, 17, 721–743.
  13. 13.Shamdasani, S. (1997). Cult fictions. Letter to The New Republic, published by the Jung Center of Houston.
  14. 14.Lisdorf, A. (2006). Review of H. D. Betz, The "Mithras Liturgy": Text, Translation, and Commentary. Bryn Mawr Classical Review 2006.07.41.
  15. 15.American Psychological Association (2018). Collective unconscious. APA Dictionary of Psychology.
  16. 16.American Psychological Association (2023). Personal unconscious. APA Dictionary of Psychology.
  17. 17.American Psychological Association (2018). Shadow. APA Dictionary of Psychology.
  18. 18.American Psychological Association (2018). Persona. APA Dictionary of Psychology.
  19. 19.American Psychological Association (2018). Anima. APA Dictionary of Psychology.
  20. 20.American Psychological Association (2018). Animus. APA Dictionary of Psychology.
  21. 21.Dorsch – Lexikon der Psychologie. Analytische Psychologie.
  22. 22.Dorsch – Lexikon der Psychologie. Archetyp.
  23. 23.Spektrum Lexikon der Psychologie (2000). Kollektives Unbewußtes.
  24. 24.Pearson, C. S. The Pearson 12-Archetype System.

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