Burnout ist keine Diagnose. Die Weltgesundheitsorganisation führt es in der ICD-11 unter dem Code QD85 als Berufsphänomen — in einem Kapitel, das Gründe für den Kontakt mit dem Gesundheitswesen sammelt, die selbst keine Krankheiten sind. Burnout ist ein reales, definiertes, verschlüsseltes Phänomen. Eine Krankheit ist es nicht, und diagnostizieren kann es dir niemand.
- Der ICD-11-Code QD85 heißt „Burnout“ und steht in Kapitel 24, „Faktoren, die den Gesundheitszustand beeinflussen oder zur Inanspruchnahme des Gesundheitswesens führen“.
- Die WHO schreibt ausdrücklich, Burnout sei „nicht als medizinischer Zustand klassifiziert“.
- Die ICD-11 definiert es als Syndrom infolge chronischen, nicht erfolgreich bewältigten Stresses am Arbeitsplatz, mit drei Dimensionen.
- Die ICD-11 schließt affektive Störungen, Angststörungen, Anpassungsstörung und belastungsassoziierte Störungen ausdrücklich aus QD85 aus.
- In der deutschen ICD-10-GM gibt es kein Z73.0: Burnout steht dort unter dem dreistelligen Z73 als „Ausgebranntsein [Burn-out]“.
- Seit der Fassung von September 2020 lautet die dritte Dimension „ein Gefühl der Ineffektivität und des Mangels an Leistung“ — nicht mehr „verringerte berufliche Leistungsfähigkeit“.
Was die ICD-11 unter QD85 wirklich einordnet
QD85 ist ein echter Code in einer echten Klassifikation, und wo er steht, ist bereits die ganze Antwort. Im ICD-11-Browser findet er sich in Kapitel 24, „Faktoren, die den Gesundheitszustand beeinflussen oder zur Inanspruchnahme des Gesundheitswesens führen“, im Block „Problematik in Verbindung mit Berufstätigkeit oder Arbeitslosigkeit“. Dieses Kapitel gibt es für Umstände, die jemanden ins Gesundheitswesen führen, ohne selbst eine Krankheit zu sein.
Ein ICD-Code ist also nicht dasselbe wie eine Diagnose. In Kapitel 24 stehen auch Codes für Wohn- und Beschäftigungsprobleme — es sind Anlässe für den Kontakt, die neben dem eigentlichen Befund dokumentiert werden.
Was QD85 ausschließt
Die Ausschlussliste entscheidet die Frage, und sie ist kurz. Die ICD-11 nimmt vier Dinge ausdrücklich aus QD85 heraus:
- Affektive Störungen (6A60–6A8Z) — dort steht die Depression.
- Angst- oder furchtbezogene Störungen (6B00–6B0Z).
- Spezifisch belastungsassoziierte Störungen (6B40–6B4Z).
- Anpassungsstörung (6B43).
Ein Ausschluss heißt: Trifft eines davon zu, wird das verschlüsselt und nicht QD85. Burnout ist kein freundlicheres Wort für Depression, und die ICD-11 sagt das über den Aufbau des Eintrags und nicht in einer Fußnote.
Die drei Dimensionen — und eine Änderung, die niemand zitiert
Die ICD-11 definiert Burnout als Syndrom, „das als Folge von chronischem Stress am Arbeitsplatz konzeptualisiert wird, der nicht erfolgreich bewältigt wurde“, gekennzeichnet durch drei Dimensionen. Die ersten beiden stehen seit 2019 unverändert. Die dritte nicht — und fast jeder Text zitiert noch die alte.
| Dimension | ICD-11 heute | WHO-Mitteilung, 28. Mai 2019 |
|---|---|---|
| Erschöpfung | Gefühle der Energieerschöpfung oder Erschöpfung | Gefühle der Energieerschöpfung oder Erschöpfung |
| Mentale Distanz | Erhöhte mentale Distanz zur Arbeit oder Gefühle von Negativismus oder Zynismus in Bezug auf die Arbeit | Erhöhte mentale Distanz zur Arbeit oder Gefühle von Negativismus oder Zynismus in Bezug auf die Arbeit |
| Ineffektivität | Ein Gefühl der Ineffektivität und des Mangels an Leistung | Verringerte berufliche Leistungsfähigkeit |
Geändert wurde das mit der ICD-11-Fassung vom September 2020, zusammen mit der Schreibweise: Der Eintrag heißt heute „Burnout“, in den Fassungen von 2019 hieß er „Burn-out“. Die WHO-Mitteilung vom 28. Mai 2019 steht weiterhin online und nennt weiterhin die alte Formulierung — eine Pressemitteilung von 2019 ist ein Dokument von 2019. Wer die Klassifikation zitieren will und nicht die Ankündigung, zitiert den Browser.
Ein Satz der Definition wird regelmäßig weggelassen und ist wichtig: Burnout „bezieht sich speziell auf Phänomene im beruflichen Kontext und sollte nicht zur Beschreibung von Erfahrungen in anderen Lebensbereichen verwendet werden“. Eltern-Burnout, Beziehungs-Burnout und Studien-Burnout sind nicht QD85. Sie können reale Erfahrungen sein; dieser Code sind sie nicht.
In Deutschland heißt der ICD-10-Code Z73, nicht Z73.0
Auch das ist eine verbreitete Ungenauigkeit. In der WHO-Fassung der ICD-10 trägt Burnout den Code Z73.0. Die in Deutschland verbindliche ICD-10-GM kennt unter Z73 keine vierte Stelle: Dort steht die dreistellige Kategorie Z73, „Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung“, und „Ausgebranntsein [Burn-out]“ ist eines ihrer Inklusiva — neben „Zustand der totalen Erschöpfung“, „Stress, anderenorts nicht klassifiziert“ und weiteren.
Praktisch heißt das zweierlei. Wer auf einer Bescheinigung Z73 liest, liest keine Burnout-Diagnose, sondern eine Sammelkategorie für Belastungssituationen. Und wer Z73.0 schreibt, meint die internationale ICD-10 und nicht die deutsche Fassung.
Neu war 2019 im Übrigen nichts. Burnout stand bereits in der ICD-10 — die WHO schreibt selbst, es sei „auch in der ICD-10 enthalten, in derselben Kategorie wie in der ICD-11, aber die Definition ist jetzt ausführlicher“. Dieselbe Feststellung trafen Berger, Falkai und Maier 2012 im Deutschen Ärzteblatt, sieben Jahre bevor die Schlagzeilen das Gegenteil meldeten.
Woher das Wort kam, bevor die WHO es benutzte
In die Fachliteratur kam der Begriff 1974, als der Psychologe Herbert Freudenberger „Staff burn-out“ im Journal of Social Issues veröffentlichte und darin beschrieb, was er bei Freiwilligen einer kostenlosen Klinik beobachtet hatte. Es war die Schilderung eines Arbeitsplatzes — dort beginnt die berufliche Rahmung.
Die drei Dimensionen stammen aus der Forschung von Christina Maslach und aus dem daraus gebauten Instrument: dem Maslach Burnout Inventory, 1981 gemeinsam mit Susan Jackson vorgestellt. Maslach und Michael Leiter bezeichnen das MBI als das Standardinstrument der Forschung in diesem Feld. Legt man die ICD-11-Definition neben die drei Subskalen des MBI, ist die Herkunft offensichtlich: Erschöpfung, Zynismus beziehungsweise Depersonalisation und verringerte persönliche Leistungsfähigkeit.
Burnout und Depression werden mit verschiedenen Instrumenten gemessen
Burnout und Depression werden mit unterschiedlichen Werkzeugen auf Grundlage unterschiedlicher Definitionen erfasst: Burnout mit arbeitsbezogenen Instrumenten wie dem MBI, Depression mit allgemeinen klinischen Kriterien und Skalen, die an keinen Kontext gebunden sind. Das ist ein echter methodischer Unterschied — und zugleich der Ort, an dem gestritten wird.
Es wäre unredlich, die Abgrenzung als geklärt darzustellen. Bianchi, Schonfeld und Laurent werteten 2015 92 Studien aus und kamen zu dem Schluss, die Unterscheidung zwischen Burnout und Depression sei „konzeptuell fragil“ und die Belege für die Eigenständigkeit des Burnouts uneinheitlich. Maslach und Leiter antworteten 2016 und hielten dagegen, beide seien sehr wohl verschieden: Burnout sei arbeitsbezogen und situationsgebunden, Depression allgemein und kontextfrei.
Beide Positionen stehen in begutachteten Zeitschriften, und die Debatte läuft. Unstrittig ist die Klassifikation: Die ICD-11 führt affektive Störungen als Ausschluss zu QD85, die beiden sind also in der Verschlüsselung nicht austauschbar — unabhängig davon, wie der Forschungsstreit ausgeht.
„Keine Krankheit“ heißt nicht „nicht echt“
Das ist eine Aussage darüber, wo ein Begriff in einer Klassifikation steht. Es ist kein Urteil darüber, ob es jemandem schlecht geht, und es ist keine Beruhigung. Man kann so erschöpft sein, dass Arbeiten nicht mehr geht, und das ist vollständig real, während das Wort dafür in Kapitel 24 abgelegt ist und nicht in Kapitel 6.
Es gilt auch andersherum. Weil Burnout keine Diagnose ist, ist jemand, der bei sich Burnout festgestellt hat, auf gar nichts untersucht worden — und Depressionen, Angststörungen und mehrere körperliche Erkrankungen erzeugen überlappende Erschöpfung. Die Einordnung ist ein Grund, sich untersuchen zu lassen, und keiner, es nicht zu tun.
Wenn du überlegst, an wen du dich wendest: Auch die drei Berufsbezeichnungen sind nicht austauschbar, und die Unterschiede zwischen Psychologe, Psychotherapeut und Psychiater sind rechtlicher Natur und keine Geschmacksfrage. Die Namen der Verfahren sind noch einmal ein eigenes Kapitel — in Deutschland zugleich die Kategorien, die die Kasse bezahlt oder eben nicht.
Burnout, Depersonalisation, emotionale Erschöpfung und Depression sind vier eigene Wörterbucheinträge, und sie lassen sich viel leichter auseinanderhalten, wenn man sie einmal nebeneinander gesehen hat — genau dafür lernt man Beinahe-Synonyme gegeneinander statt einzeln. In dieselbe Falle führt die erlernte Hilflosigkeit, die einen Mechanismus beschreibt, der sich mit der Arbeitsvariante aller drei überschneidet.
Häufige Fragen
Ist Burnout eine anerkannte Diagnose?
Nein. Die WHO führt Burnout in der ICD-11 unter QD85 als Berufsphänomen und hält fest, es sei nicht als medizinischer Zustand klassifiziert. Der Code steht in Kapitel 24, das Anlässe für den Kontakt mit dem Gesundheitswesen sammelt, die selbst keine Krankheiten sind.
Welcher ICD-Code steht für Burnout?
In der ICD-11 ist es QD85, „Burnout“. In der deutschen ICD-10-GM ist es Z73, „Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung“, mit „Ausgebranntsein [Burn-out]“ als Inklusivum. Das häufig genannte Z73.0 stammt aus der internationalen ICD-10 der WHO, nicht aus der deutschen Fassung.
Kann mich meine Ärztin wegen Burnout krankschreiben?
Nicht mit Burnout als Diagnose, weil es keine ist. In der Praxis wird untersucht, was vorliegt, und der zutreffende Befund verschlüsselt — das kann eine affektive Störung, eine Anpassungsstörung oder etwas Körperliches sein. Z73 kann daneben stehen, trägt eine Arbeitsunfähigkeit aber nicht allein.
Was ist der Unterschied zwischen Burnout und Depression?
Burnout ist ausschließlich in Bezug auf Arbeit definiert und als Berufsphänomen eingeordnet; eine Depression ist eine klinische Diagnose und an keinen Kontext gebunden. Die ICD-11 führt affektive Störungen als Ausschluss zu QD85. Ob beide wirklich trennscharf sind, wird in der Forschung weiter diskutiert.
Gibt es Burnout auch außerhalb der Arbeit?
Im Sinne der ICD-11 nicht. Die Definition sagt, Burnout beziehe sich speziell auf den beruflichen Kontext und solle nicht für Erfahrungen in anderen Lebensbereichen verwendet werden. Begriffe wie Eltern-Burnout kommen in Forschung und Alltagssprache vor, sind aber nicht das, was QD85 abdeckt.
Wurde Burnout 2019 neu in die ICD aufgenommen?
Nein — es stand bereits in der ICD-10, international als Z73.0 und in Deutschland unter Z73. Neu war in der ICD-11 die ausführlichere Definition mit drei Dimensionen und einer Ausschlussliste. Die WHO selbst schreibt, es sei in der ICD-10 in derselben Kategorie enthalten gewesen.
Quellen
- 1.Weltgesundheitsorganisation (2019, 28. Mai). Burn-out an “occupational phenomenon”: International Classification of Diseases. Mitteilung.
- 2.Weltgesundheitsorganisation. ICD-11 für Mortalitäts- und Morbiditätsstatistik, QD85 Burnout, deutsche Fassung (Vorabübersetzung). Definition, Kapitel und Ausschlüsse geprüft am 14. August 2026.
- 3.BfArM. ICD-10-GM Version 2026, Z73 „Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung“, Inklusivum „Ausgebranntsein [Burn-out]“.
- 4.Berger, M., Falkai, P., & Maier, W. (2012). Arbeitswelt und psychische Belastungen: Burn-out ist keine Krankheit. Deutsches Ärzteblatt, 109(14), A 700–702.
- 5.Freudenberger, H. J. (1974). Staff burn-out. Journal of Social Issues, 30(1), 159–165.
- 6.Maslach, C., & Jackson, S. E. (1981). The measurement of experienced burnout. Journal of Occupational Behaviour (heute Journal of Organizational Behavior), 2(2), 99–113.
- 7.Maslach, C., & Leiter, M. P. (2016). Understanding the burnout experience: recent research and its implications for psychiatry. World Psychiatry, 15(2), 103–111. Volltext frei bei PubMed Central.
- 8.Bianchi, R., Schonfeld, I. S., & Laurent, E. (2015). Burnout–depression overlap: A review. Clinical Psychology Review, 36, 28–41.