Verarbeitungstiefe beschreibt, wie weit du eine Information beim Wahrnehmen analysierst: nur nach ihrem Aussehen, nach ihrem Klang oder nach ihrer Bedeutung. Fergus Craik und Robert Lockhart schlugen 1972 vor, dass eine Gedächtnisspur umso länger hält, je tiefer diese Analyse war. Tiefer heißt bei ihnen: stärker nach der Bedeutung. Der Ansatz heißt auf Englisch levels of processing und war ein Gegenentwurf zum Mehrspeichermodell.
Die meisten Zusammenfassungen nennen drei Ebenen und geben ein Beispiel. Dieser Artikel zeigt die Versuche, auf denen der Ansatz beruht, mit ihren Zahlen. Er gibt dir eine Frage, mit der du jede Aufgabe einer Ebene zuordnest. Und er erklärt die Kritik, die den Ansatz von Anfang an begleitet hat. Zitate aus den englischen Originalarbeiten stehen hier in eigener Übersetzung.
- Die Kernaussage: Je stärker du eine Information nach ihrer Bedeutung verarbeitest, desto länger behältst du sie.
- In den Versuchen von Craik und Tulving aus dem Jahr 1975 gab es drei Ebenen: das Aussehen, den Klang und die Bedeutung eines Wortes.
- In einem Experiment erkannten die Versuchspersonen nach einer Frage zur Schrift 15 % der Ja-Wörter wieder, nach einer Satzfrage zur Bedeutung 81 %.
- Nicht die Zeit oder die Mühe entschied, sondern die Art der Aufgabe. Auch eine Belohnung für das Behalten änderte das Muster nicht.
- Zwei zentrale Kritikpunkte: Es gibt kein unabhängiges Maß für Tiefe. Und es hängt vom Test ab, welche Verarbeitung am besten ist.
Die drei Ebenen in einer Tabelle
Craik und Lockhart beschrieben 1972 keine festen Stufen, sondern ein Kontinuum. In den Versuchen, die Fergus Craik und Endel Tulving 1975 veröffentlichten, stehen drei Arten von Fragen für drei Ebenen. Die Tabelle zeigt sie mit Beispielfragen aus dem Artikel. Die Fragen und Wörter waren englisch.
| Strukturell | Phonemisch | Semantisch | |
|---|---|---|---|
| Worauf du achtest | Das Aussehen des Wortes | Den Klang des Wortes | Die Bedeutung des Wortes |
| Beispielfrage | Ist das Wort in Großbuchstaben gedruckt? | Reimt sich das Wort auf „train“? | Ist das Wort ein Tiername? Passt das Wort in den Satz „The girl placed the … on the table“? |
| Tiefe | Flach | Mittel | Tief |
| Wiedererkennen der Ja-Wörter in Experiment 2 | 15 % | Zwischen den beiden anderen Werten | 81 % nach der Satzfrage |
Das Dorsch-Lexikon der Psychologie führt den Ansatz unter dem englischen Namen levels of processing. Als deutsche Bezeichnungen nennt es „Verarbeitungsebenen“ und „Theorie der Verarbeitungstiefe“. Unterschiede im Behalten gehen danach auf verschiedene Verarbeitungstiefen zurück, „von oberflächlicher sensorischer Analyse bis zu verschiedenen Graden der semantischen Elaboration“.
Die eine Frage, die jede Aufgabe einordnet
Prüfungsfragen beschreiben oft eine Aufgabe und fragen nach der Verarbeitungsebene. Um sie zu benennen, fragst du: Worauf musste die Person achten, um die Aufgabe zu lösen? Geh in vier Schritten vor.
- 1.Finde die Aufgabe, die die Person mit dem Material erledigt.
- 2.Wenn sie nur das Aussehen prüfen musste, zum Beispiel Buchstaben oder Schrift, ist die Verarbeitung strukturell und flach.
- 3.Wenn sie den Klang prüfen musste, zum Beispiel einen Reim, ist die Verarbeitung phonemisch.
- 4.Wenn sie die Bedeutung nutzen musste, zum Beispiel eine Kategorie oder einen Satz, ist die Verarbeitung semantisch und tief.
Achte auf eine Falle. Eine schwere Aufgabe ist nicht automatisch tief. Die dritte Zeile der nächsten Tabelle zeigt eine schwierige Aufgabe, die trotzdem flach ist. Alle sieben Aufgaben stammen aus den Originalarbeiten.
| Aufgabe | Worauf die Person achtet | Ebene |
|---|---|---|
| Entscheiden, ob ein Wort in Großbuchstaben gedruckt ist (Craik und Tulving, 1975) | Aussehen | Strukturell |
| In Wörtern die Vokale durchstreichen (Tresselt und Mayzner, 1960) | Aussehen | Strukturell |
| Prüfen, ob ein Wort zu einem Muster aus Konsonanten (C) und Vokalen (V) passt, zum Beispiel brain = CCVVC (Craik und Tulving, 1975) | Aussehen | Strukturell, obwohl die Aufgabe lange dauert |
| Entscheiden, ob sich ein Wort auf ein anderes Wort reimt (Craik und Tulving, 1975) | Klang | Phonemisch |
| Entscheiden, ob ein Wort in einen Satz passt (Craik und Tulving, 1975) | Bedeutung | Semantisch |
| Einschätzen, wie sehr ein Wort ein Beispiel für den Begriff „wirtschaftlich“ ist (Tresselt und Mayzner, 1960) | Bedeutung | Semantisch |
| Ein Eigenschaftswort in Bezug auf dich selbst beurteilen (Rogers, Kuiper und Kirker, 1977) | Bedeutung, bezogen auf die eigene Person | Semantisch, mit Selbstbezug |
Was Craik und Lockhart 1972 vorschlugen
In den 1960er-Jahren erklärten die führenden Gedächtnismodelle das Behalten mit Speichern. Information gelangt nach diesen Modellen aus einem sensorischen Speicher in einen Kurzzeitspeicher und von dort in einen Langzeitspeicher. Craik und Lockhart von der Universität Toronto stellten diese Sicht 1972 in Frage. Sie fragten nicht, in welchem Speicher eine Information liegt. Sie fragten, was der Mensch mit ihr tut.
Ihr Vorschlag hat drei Teile.
- Die Gedächtnisspur ist ein Nebenprodukt der Wahrnehmung. Wenn du einen Reiz analysierst, bleibt eine Spur dieser Analyse zurück.
- Die Analyse beginnt bei einfachen Merkmalen wie Linien, Helligkeit oder Tonhöhe. Spätere Schritte erkennen Muster und erfassen die Bedeutung. Größere Tiefe bedeutet nach Craik und Lockhart „ein höheres Maß an semantischer oder kognitiver Analyse“.
- Wie lange eine Spur hält, hängt von der Tiefe der Analyse ab. Tiefere Analysen erzeugen nach ihren Worten „ausführlichere, länger anhaltende und stärkere Spuren“.
Die Ebenen sind keine festen Stufen. Craik und Lockhart beschrieben die Verarbeitung als Kontinuum. Sie schrieben sogar, das Wort „Ausbreitung“ (spread) beschreibe die späteren Schritte vielleicht genauer als „Tiefe“. Sie behielten das Wort „Tiefe“, weil es ihre Idee gut vermittelte.
Typ-I- und Typ-II-Verarbeitung
Craik und Lockhart unterschieden zwei Arten, eine Information zu wiederholen. Bei der Typ-I-Verarbeitung hält die Person eine Information auf derselben Ebene aktiv, zum Beispiel durch inneres Nachsprechen. Das nannten sie primäres Gedächtnis. Die Information bleibt dann gut verfügbar, aber nach ihrer Annahme entsteht keine dauerhafte Spur. Bei der Typ-II-Verarbeitung analysiert die Person die Information tiefer. Nur diese zweite Art sollte das Gedächtnis verbessern.
Ein Jahr später gaben Craik und Michael Watkins den beiden Arten die Namen maintenance rehearsal und elaborative rehearsal. Das erste Wiederholen hält eine Information nur fest, das zweite verbindet sie mit Bedeutung. Ihr Fazit lautete: „Erhaltendes Wiederholen verbessert die Gedächtnisleistung nicht.“ Diese Aussage blieb nicht unwidersprochen, wie der Abschnitt zur Kritik zeigt.
Die Belege von 1972
Craik und Lockhart stützten sich vor allem auf Versuche zum inzidentellen Lernen. Die Versuchspersonen erledigen dabei eine Aufgabe mit Wörtern und wissen nicht, dass später ein Gedächtnistest kommt. Die Aufgabe bestimmt dann, wie sie die Wörter verarbeiten.
- Tresselt und Mayzner gaben 1960 drei Gruppen verschiedene Aufgaben: Vokale durchstreichen, Wörter abschreiben oder einschätzen, wie sehr ein Wort zum Begriff „wirtschaftlich“ passt. Die dritte Gruppe erinnerte viermal so viele Wörter wie die erste und doppelt so viele wie die zweite.
- In Versuchen von Hyde, Jenkins und Kollegen erinnerten Personen mit einer Bedeutungsaufgabe so viel wie eine Gruppe, die bewusst lernen sollte. Beide Gruppen waren deutlich besser als eine Gruppe, die nur bestimmte Buchstaben suchte oder die Anzahl der Buchstaben schätzte.
Daraus zogen Craik und Lockhart einen Schluss: Die Absicht zu lernen hilft nur dann, wenn sie zu einer wirksameren Verarbeitung führt.
Ein Rahmen, keine Theorie
Craik und Lockhart schrieben selbst: „Unser Ansatz ist keine Theorie des Gedächtnisses.“ Er sei ein „begrifflicher Rahmen“, in dem die Gedächtnisforschung arbeiten könne. Ihre Position nannten sie „offensichtlich spekulativ und bei Weitem nicht vollständig“. Sie hatten nur das Einprägen betrachtet, nicht den Abruf. Die Bezeichnung „Theorie der Verarbeitungstiefe“ ist trotzdem im Gebrauch, aber die Autoren selbst sprachen von einem Rahmen.
Verarbeitungstiefe und Mehrspeichermodell
Das Dorsch-Lexikon nennt die Verarbeitungstiefe einen Begriff, „der zunächst der Mehrspeicher-Hypothese entgegengesetzt wurde“. Die Tabelle zeigt, wo sich die beiden Sichtweisen unterscheiden.
| Mehrspeichermodell | Verarbeitungstiefe | |
|---|---|---|
| Was das Behalten erklärt | In welchem Speicher die Information liegt | Wie tief die Information verarbeitet wurde |
| Kurzzeitgedächtnis | Ein eigener Speicher mit kleiner Kapazität | Eine Information, die auf einer Ebene aktiv bleibt (primäres Gedächtnis) |
| Was Wiederholen bewirkt | Information gelangt nach und nach in den Langzeitspeicher | Wiederholen hilft nur, wenn es die Analyse vertieft (Typ II) |
| Bekannte Vertreter | Atkinson und Shiffrin, 1968 | Craik und Lockhart, 1972 |
Atkinson und Shiffrin schrieben 1968, dass jede Information im Kurzzeitspeicher „in gewissem Maß“ in den Langzeitspeicher übertragen wird, solange sie dort bleibt. Nach dieser Annahme sollte langes Wiederholen immer helfen. Craik und Lockhart bestritten genau diesen Punkt.
Was Craik und Tulving 1975 zeigten
Craik und Endel Tulving testeten den Ansatz 1975 in zehn Experimenten. Von Tulving stammt auch die Unterscheidung zwischen episodischem und semantischem Gedächtnis. Der Titel des Artikels spricht vom Behalten von Wörtern im episodischen Gedächtnis.
Die Versuchspersonen hielten die Versuche für Studien über Wahrnehmung und Reaktionszeit. Zu jedem Wort beantworteten sie eine Frage mit Ja oder Nein. In den meisten Experimenten erwarteten sie keinen Gedächtnistest.
Experiment 2: 15 % gegen 81 %
In Experiment 2 bearbeiteten 24 Studierende 60 Fragen, auf jeder Ebene 10 Ja-Fragen und 10 Nein-Fragen. Sie hörten die Frage, 2 Sekunden später erschien das Wort für 200 Millisekunden, und sie drückten eine Taste für Ja oder Nein. Alle Wörter waren häufige, konkrete Substantive mit fünf Buchstaben. Danach bekamen die Versuchspersonen eine Liste mit 180 Wörtern: die 60 gezeigten Wörter und 120 neue. Sie kreuzten alle Wörter an, die sie gesehen hatten.
Die Fragen zur Bedeutung dauerten länger als die Fragen zur Schrift. Die Frage zur Schrift lautete hier, ob das Wort in Groß- oder Kleinbuchstaben gedruckt war. Bei den Ja-Wörtern stieg das Wiedererkennen von 15 % nach der Frage zur Schrift auf 81 % nach der Satzfrage. Die Autoren nannten das „mehr als eine Verfünffachung“, bei denselben Personen im selben Experiment. Bei den Nein-Wörtern stieg es weniger stark, von 19 % auf 49 %.
Zeit oder Tiefe?
Die tiefen Fragen dauerten länger. Vielleicht erklärte also die Zeit das bessere Behalten und nicht die Tiefe. Experiment 5 prüfte das mit einer schweren, aber flachen Aufgabe. Die Versuchspersonen entschieden, ob ein Wort zu einem Muster aus Konsonanten und Vokalen passt. Diese Entscheidung dauerte 1,7 Sekunden, die Satzfrage 0,85 Sekunden. Trotzdem erkannten die Versuchspersonen die Wörter aus der Satzfrage besser wieder.
Craik und Tulving schlossen daraus: Die Art der Aufgabe bestimmt die Gedächtnisleistung, nicht die Zeit. In ihren Worten nützt „eine minimale semantische Analyse dem Gedächtnis mehr als eine aufwendige strukturelle Analyse“.
Absicht und Belohnung
Einer der beiden Autoren war nach Aussage des Artikels „von Natur aus skeptischer als der andere“. Er vermutete, dass die strengen Regeln der Versuche nicht nötig waren. Experiment 9 brach deshalb mehrere dieser Regeln. Die 12 Versuchspersonen saßen als Gruppe in einem Kurs über Lernen und Gedächtnis, und sie wussten vom Gedächtnistest. Alle 6 Sekunden kam ein neues Wort: Es war 1 Sekunde sichtbar, dann blieben 5 Sekunden für die Antwort. Das Muster war dasselbe wie in Experiment 2. Eine Wiederholung mit 12 anderen Personen bestätigte es.
In Experiment 10 bekamen die Versuchspersonen Geld für jedes erkannte Wort: 1, 3 oder 6 Cent, je nach Art der Frage. Die Belohnung hatte keinen Effekt. Auch gut bezahlte Wörter aus der Frage zur Schrift erreichten nicht die Werte der Reim- oder Kategoriewörter. Die Versuchspersonen berichteten, die Kategoriewörter seien „einfach leichter“ wiederzuerkennen.
Warum die Ja-Wörter besser hafteten
Bei Reim- und Bedeutungsfragen erkannten die Versuchspersonen Ja-Wörter besser als Nein-Wörter, obwohl beide Antworten gleich schnell kamen. Craik und Tulving erklärten das mit dem Prinzip der Kongruenz von Schulman. Wenn Frage und Wort zusammenpassen, bilden sie eine Einheit, und die Gedächtnisspur wird ausführlicher. Bei einem Nein-Wort fehlt diese Einheit.
Deshalb hielten Craik und Tulving die Begriffe Elaboration und Ausbreitung für eine vielleicht bessere Beschreibung als Tiefe. Ihr Fazit: Was das Erinnern bestimmt, ist weder die Absicht zu lernen noch die Mühe, die Zeit oder die Menge des Wiederholens. Es ist die Art der Verarbeitung.
Was die Kritik sagt
In den Versuchen von Craik und Tulving hielt der Kernbefund allen Kontrollen der Autoren stand: Fragen zur Bedeutung führten zu besserem Behalten als Fragen zur Schrift oder zum Klang. Umstritten ist, wie viel der Begriff Tiefe davon erklärt, und ob flache Verarbeitung wirklich so wenig bewirkt.
- Die Gefahr der Zirkularität: Craik und Tulving schrieben 1975 selbst, der Ansatz brauche „ein unabhängiges Maß für Tiefe“. Sonst lasse sich jedes gut erinnerte Ereignis „zu leicht“ als tief verarbeitet bezeichnen. Die Bearbeitungszeit war ihr erstes Maß, aber Experiment 5 zeigte, dass Zeit nicht gleich Tiefe ist.
- Drei Probleme nach Baddeley: Alan Baddeley urteilte 1978, der Ansatz sei theoretisch nicht ergiebig. Es fehle ein unabhängiges Maß für Tiefe. Innerhalb der Klang- und der Bedeutungsebene ließen sich keine weiteren Ebenen bestimmen. Und Hilfsbegriffe wie Kongruenz und Elaboration ließen sich ebenfalls nicht unabhängig messen.
- Drei Annahmen, die nach Baddeley falsch sein könnten: Mechanisches Wiederholen des Klangs erzeugt doch Lernen. Auch flache Verarbeitung kann dauerhafte Spuren hinterlassen. Und eine feste Abfolge von immer tieferen Stufen ist unwahrscheinlich. Baddeley schlug vor, die Annahme von Ebenen aufzugeben.
- Transfer-angemessene Verarbeitung: Morris, Bransford und Franks ließen 1977 Wörter nach ihrer Bedeutung oder nach einem Reim beurteilen. Laut einem Überblick von Ekuni, Vaz und Bueno war die Bedeutungsaufgabe nur dann besser, wenn der Test nach der Bedeutung fragte. Bei einem Test, der das Wiedererkennen von Reimen verlangte, war die Reimaufgabe besser. Die beste Verarbeitung ist also die, die zu den Anforderungen des Tests passt.
Craik und Lockhart antworteten 1990 in einem Rückblick auf ihren Ansatz. Sie beschrieben, wie die Forschung seit 1972 den Begriff Tiefe verfeinert hatte, zum Beispiel mit den Begriffen Elaboration und Unverwechselbarkeit (distinctiveness) der Kodierung. Ihr Fazit: Viele der ursprünglichen Ideen hätten überlebt, und als Forschungsrahmen sei der Ansatz „weitgehend erfolgreich“ gewesen. Sie schrieben auch, der Artikel von 1972 habe „viele Missverständnisse“ über ihre Aussagen ausgelöst. 2002 ging Craik erneut auf häufige Kritikpunkte ein, darunter die Messung von Tiefe und das Zusammenspiel von Einprägen und Abruf. Nach dem Überblick von Ekuni und Kollegen behandelte Craik die transfer-angemessene Verarbeitung dort als Ergänzung, nicht als Widerlegung.
Selbstbezug: tiefer als die Bedeutung?
Rogers, Kuiper und Kirker nutzten 1977 dieselbe Methode mit Eigenschaftswörtern. Ihre Versuchspersonen beurteilten die Wörter in vier Aufgaben: strukturell, phonemisch, semantisch und mit Bezug auf die eigene Person. In zwei Experimenten erinnerten sie die Wörter aus der Selbstbezugsaufgabe am besten. Die Autoren nannten den Selbstbezug einen „reichen und wirksamen“ Kodierungsprozess.
Eine Metaanalyse von Symons und Johnson aus dem Jahr 1997 bestätigte diesen Selbstbezugseffekt. Selbstbezug war besser als semantische Kodierung und besser als der Bezug auf eine andere Person. Gegenüber dem Bezug auf eine andere Person war der Vorteil kleiner. Die Autoren erklären den Effekt mit Elaboration und Organisation: Das Selbst ist ein gut entwickeltes und oft genutztes Konstrukt. Der Selbstbezug gehört nicht zu den Ebenen aus den Arbeiten von 1972 und 1975. Er ist ein späterer Befund mit derselben Methode.
Was das für das Lernen von Fachbegriffen bedeutet
Neu Gelerntes vergisst du ohne Übung schnell, wie die Vergessenskurve zeigt. Die Forschung zur Verarbeitungstiefe zeigt, welche Art der Beschäftigung mit einem neuen Begriff eine stärkere Gedächtnisspur hinterlässt. Die Versuche nutzten Wortlisten, nicht Fachbegriffe. Die folgenden Schritte übertragen ihre Befunde auf das Lernen.
- 1.Verarbeite die Bedeutung, nicht nur die Form. Frag dich, zu welcher Kategorie der Begriff gehört und in welchen Satz er passt. Diese Fragen entsprechen den tiefen Aufgaben bei Craik und Tulving.
- 2.Verbinde den Begriff mit dir selbst. Such ein Beispiel aus deinem eigenen Alltag. Das ähnelt der Aufgabe, die bei Rogers und Kollegen am besten abschnitt.
- 3.Übe in der Form, in der du geprüft wirst. Wenn die Prüfung eine Definition verlangt, übe das Definieren. Das folgt aus der transfer-angemessenen Verarbeitung.
- 4.Sprich eine Definition nicht nur innerlich nach. Nach Craik und Lockhart hält das die Information nur kurz fest. Prüfe dich stattdessen selbst. Unser Leitfaden zum Lernen psychologischer Fachbegriffe erklärt, warum Abfragen mehr bringt als ein zweites Lesen.
Psychology World ist eine Wörterbuch-App mit mehr als 18.000 psychologischen Fachbegriffen, und sie unterstützt diese Art des Übens. Suche im Wörterbuch nach Verarbeitungstiefe und nach verwandten Begriffen wie Mehrspeichermodell, Elaboration oder inzidentelles Lernen. Speichere die Begriffe, die du findest, in einer eigenen Liste. Übe die Liste dann als Karteikarten, als Multiple Choice oder per Tippen. Der Multiple-Choice-Modus braucht eine Liste mit mindestens vier Wörtern. Die Startseite zeigt die vier Schritte der Lernschleife und was die einzelnen Lernmodi tun.
Häufige Fragen
Was ist Verarbeitungstiefe einfach erklärt?
Verarbeitungstiefe gibt an, wie gründlich du eine Information beim Wahrnehmen analysierst. Eine flache Verarbeitung achtet nur auf das Aussehen, zum Beispiel auf die Schrift. Eine tiefe Verarbeitung erfasst die Bedeutung. Nach Craik und Lockhart behältst du eine Information umso länger, je tiefer du sie verarbeitet hast.
Wie heißt Verarbeitungstiefe auf Englisch?
Auf Englisch heißt der Ansatz levels of processing, so lautet auch der Titel des Artikels von Craik und Lockhart aus dem Jahr 1972. Die Tiefe selbst heißt depth of processing. Das Dorsch-Lexikon der Psychologie führt den Eintrag unter levels of processing und nennt die deutschen Bezeichnungen Verarbeitungsebenen und Theorie der Verarbeitungstiefe.
Wer hat das Modell der Verarbeitungstiefe entwickelt?
Fergus Craik und Robert Lockhart von der Universität Toronto schlugen den Ansatz 1972 vor. Zehn Experimente dazu veröffentlichten Craik und Endel Tulving 1975. Craik und Lockhart nannten ihren Ansatz keine Theorie, sondern einen Rahmen für die Gedächtnisforschung.
Ist das Modell der Verarbeitungstiefe widerlegt?
Nein, aber es ist umstritten. In den Experimenten von Craik und Tulving führten Fragen zur Bedeutung zu besserem Behalten als Fragen zur Schrift. Auch die Absicht zu lernen und eine Belohnung beseitigten diesen Vorteil nicht. Kritiker bemängeln, dass ein unabhängiges Maß für Tiefe fehlt und dass die beste Verarbeitung vom Test abhängt. Lockhart und Craik verteidigten den Ansatz 1990 als erfolgreichen Forschungsrahmen.
Was ist transfer-angemessene Verarbeitung?
Transfer-angemessene Verarbeitung bedeutet: Eine Verarbeitung ist am besten, wenn sie zu den Anforderungen des späteren Tests passt. Morris, Bransford und Franks zeigten 1977, dass eine Bedeutungsaufgabe nur dann besser war, wenn der Test nach der Bedeutung fragte. Bei einem Test, der das Wiedererkennen von Reimen verlangte, war die Reimaufgabe besser.
Hilft lautes Wiederholen beim Lernen?
Weniger, als viele denken. Craik und Watkins fanden 1973, dass bloßes Festhalten durch Wiederholen das spätere Erinnern nicht verbesserte. Baddeley wandte 1978 ein, dass mechanisches Wiederholen doch ein gewisses Lernen erzeugt. Die Versuche von Craik und Tulving zeigen aber, dass eine Verarbeitung nach der Bedeutung deutlich mehr bringt.
Was ist der Unterschied zwischen Verarbeitungstiefe und Elaboration?
Tiefe beschreibt, wie weit eine Analyse in Richtung Bedeutung geht. Elaboration beschreibt, wie stark eine Information angereichert wird, zum Beispiel durch Verbindungen zu vorhandenem Wissen. Craik und Tulving hielten Elaboration 1975 für eine vielleicht bessere Beschreibung ihrer Befunde. Lockhart und Craik nahmen den Begriff 1990 in ihren Rückblick auf, und Craik trennte die beiden Begriffe 2002.
Quellen
- 1.Craik, F. I. M., & Lockhart, R. S. (1972). Levels of processing: A framework for memory research. Journal of Verbal Learning and Verbal Behavior, 11(6), 671–684.
- 2.Craik, F. I. M., & Watkins, M. J. (1973). The role of rehearsal in short-term memory. Journal of Verbal Learning and Verbal Behavior, 12(6), 599–607.
- 3.Craik, F. I. M., & Tulving, E. (1975). Depth of processing and the retention of words in episodic memory. Journal of Experimental Psychology: General, 104(3), 268–294.
- 4.Rogers, T. B., Kuiper, N. A., & Kirker, W. S. (1977). Self-reference and the encoding of personal information. Journal of Personality and Social Psychology, 35(9), 677–688.
- 5.Baddeley, A. D. (1978). The trouble with levels: A reexamination of Craik and Lockhart's framework for memory research. Psychological Review, 85(3), 139–152.
- 6.Lockhart, R. S., & Craik, F. I. M. (1990). Levels of processing: A retrospective commentary on a framework for memory research. Canadian Journal of Psychology, 44(1), 87–112.
- 7.Symons, C. S., & Johnson, B. T. (1997). The self-reference effect in memory: A meta-analysis. Psychological Bulletin, 121(3), 371–394.
- 8.Craik, F. I. M. (2002). Levels of processing: Past, present … and future? Memory, 10(5–6), 305–318.
- 9.Ekuni, R., Vaz, L. J., & Bueno, O. F. A. (2011). Levels of processing: The evolution of a framework. Psychology & Neuroscience, 4(3), 333–339.
- 10.Dorsch – Lexikon der Psychologie. levels of processing.