Die Vergessenskurve beschreibt, wie das Behalten von frisch Gelerntem zuerst schnell und dann immer langsamer nachlässt. Hermann Ebbinghaus hat sie 1879 und 1880 an sich selbst gemessen und 1885 in „Über das Gedächtnis“ veröffentlicht: Er lernte Reihen aus 13 sinnlosen Silben auswendig und lernte dieselben Reihen nach 19 Minuten bis 31 Tagen erneut. Gemessen hat er dabei nicht, wie viel er noch erinnerte, sondern wie viel Lernarbeit er beim zweiten Mal sparte — nach 19 Minuten 58,2 Prozent, nach einem Tag 33,7 Prozent, nach einem Monat 21,1 Prozent.
Genau dieser Unterschied geht in fast jeder Zusammenfassung verloren. Aus der Ersparnis wird eine Erinnerungsleistung, und aus der Erinnerungsleistung wird eine Verlustzahl: „40 Prozent nach 20 Minuten“. Diese Zahl hat Ebbinghaus nie erhoben.
- Die Vergessenskurve stammt aus Ebbinghaus’ Buch „Über das Gedächtnis“ von 1885; die Versuche liefen 1879 und 1880, mit ihm selbst als einziger Versuchsperson.
- Sein Maß war die Arbeitsersparnis beim Wiederlernen — nicht freies Erinnern und nicht Wiedererkennen. Ersparnis zeigt Behalten auch dort noch an, wo nichts mehr erinnerbar ist.
- Die kursierenden Prozentzahlen entstehen, indem man die Ersparnis als Behaltensleistung liest und dann von 100 abzieht.
- Der Verlauf ist repliziert: Murre und Dros wiederholten den Versuch 2015 mit denselben Intervallen und fanden dieselbe Form — mit einem Sprung nach oben bei 24 Stunden.
- Ebbinghaus selbst nannte seine Formel nur eine „kurze Notierung“ einmaliger Resultate, ausdrücklich kein allgemeines Gesetz.
Der Versuchsaufbau: 13 sinnlose Silben, eine Versuchsperson
Ebbinghaus war seine eigene und einzige Versuchsperson. Aus Konsonanten, Vokalen und Diphthongen bildete er einen Vorrat von etwa 2.300 sinnlosen Silben — Kombinationen aus Konsonant, Vokal, Konsonant, die kein Wort ergeben —, mischte sie und zog daraus zufällig Reihen von 13 Silben.
Eselsbrücken schloss er ausdrücklich aus. Er verband die Silben nicht durch eigens erfundene Assoziationen, sondern lernte allein durch die Wirkung der bloßen Wiederholung auf das natürliche Gedächtnis. Das war kein Versäumnis, sondern der Zweck des Materials: Sinnlose Silben sollten messbar machen, was Wiederholung leistet, wenn Vorwissen und Bedeutung nicht mithelfen.
Als gelernt galt eine Reihe, wenn er sie zweimal hintereinander fehlerfrei hersagen konnte. Nach einem festgelegten Intervall lernte er dieselben Reihen erneut bis zum selben Kriterium und maß die dafür nötige Zeit. 163 solcher Doppelversuche führte er 1879 und 1880 durch, jeder aus acht Reihen zu 13 Silben, mit Intervallen von 19 Minuten, 63 Minuten, 525 Minuten, einem Tag, zwei Tagen, sechs Tagen und 31 Tagen.
Was die Vergessenskurve misst: Ersparnis, nicht Erinnerung
Die Zahl, die Ebbinghaus für jedes Intervall angibt, ist die Arbeitsersparnis: der Anteil der ursprünglichen Lernzeit, den er beim Wiederlernen nicht noch einmal aufwenden musste. Dauerte das Wiederlernen genauso lange wie das erste Lernen, betrug die Ersparnis null Prozent. Diese Ersparnisse sollten, wie er schreibt, „je ein Maß sein für das nach Ablauf der betreffenden Zeit noch Behaltene“. (Zitate folgen der Erstausgabe von 1885, die Schreibweise ist behutsam modernisiert.)
| Intervall | Ersparnis | Ebbinghaus’ eigene Worte |
|---|---|---|
| 19 Minuten | 58,2 % | — |
| 63 Minuten | 44,2 % | „über die Hälfte der ursprünglich aufgewandten Arbeit“ musste erneuert werden |
| 525 Minuten | 35,8 % | das zu Ersetzende betrug „fast ⅔ des ersten Aufwandes“ |
| 1 Tag | 33,7 % | „haftete immer noch etwa ein Drittel“ |
| 2 Tage | 27,8 % | — |
| 6 Tage | 25,4 % | „nach 6 Tagen ein Viertel“ |
| 31 Tage | 21,1 % | „ein reichliches Fünftel der erstverwandten Arbeit“ |
In dieser Tabelle stecken zwei Fallen, und beide sind der Grund, warum die Kurve so oft falsch wiedergegeben wird.
Die erste ist ein Wechsel der Blickrichtung. Für die kurzen Intervalle beschreibt Ebbinghaus, wie viel Arbeit neu aufzuwenden war; ab 24 Stunden beschreibt er, wie viel haften blieb. Nach 525 Minuten waren „fast ⅔“ nachzuholen — die Ersparnis lag also bei gut einem Drittel, nicht bei zwei Dritteln. Wer die beiden Satzhälften nicht auseinanderhält, dreht den Wert um.
Die zweite Falle ist die Gleichsetzung von Ersparnis und Erinnerung. Die Tabelle sagt nicht, dass Ebbinghaus nach einem Tag noch ein Drittel der Reihe aufsagen konnte. Sie sagt, dass das Wiederlernen ein Drittel weniger Zeit kostete. Ersparnis zeigt sich auch dort, wo bewusst nichts mehr erinnerbar ist: Eine halb vertraute Silbenreihe geht schneller wieder hinein als eine fremde. Das ist echtes Behalten — nur nicht die Art, die man in einer Prüfung abrufen kann.
Woher die 40 Prozent nach 20 Minuten stammen
Im deutschsprachigen Netz kursiert meist eine Variante dieses Satzes: In den ersten zwanzig Minuten gehen rund 40 Prozent des Gelernten wieder verloren. Die Zahl ist kein eigener Befund. Sie ist Ebbinghaus’ Ersparnis von 58,2 Prozent nach 19 Minuten, von hundert abgezogen und neu beschriftet. Aus „58 Prozent der Lernarbeit gespart“ wird „42 Prozent der Information verloren“ — zwei verschiedene Größen, die sich nur einen Zahlenwert teilen. Die englischsprachigen Varianten arbeiten genauso, nur mit runderen Zahlen: 90 Prozent in wenigen Stunden, 75 Prozent an einem Tag.
Dazu kommen drei Einschränkungen, die entweder Ebbinghaus selbst benennt oder direkt im Aufbau stecken.
Die Tageszeit. Die Werte für 63 und 525 Minuten musste er korrigieren, weil das Wiederlernen zu einer anderen Tageszeit stattfand als das Lernen — um 5 beziehungsweise 12 Prozent ihres Betrages. Er rechnet diese Korrektur offen vor; sie ist aus den Mittelwerten getrennter Versuchsreihen geschätzt und geht als Schätzung in die beiden Zahlen ein.
Das Material. Sinnlose Silben, gelernt ohne jede Merkhilfe. Was diesen Aufbau stark macht, macht ihn zugleich eng: Psychologische Fachbegriffe kommen mit Definition, Beispiel und Zusammenhang und verhalten sich schon deshalb anders.
Der Umfang. Eine Person, ein Arbeitszimmer, zwei Jahre. Ebbinghaus zieht die Grenze selbst, unmittelbar nachdem er seine Formel angegeben hat:
Natürlich hat dieser Satz und die ihm zu Grunde liegende Formel hier keinen anderen Wert, als den einer kurzen Notierung der obigen, unter den beschriebenen Umständen gefundenen, einmaligen Resultate.
Wer die Vergessenskurve als Naturgesetz des Lernens zitiert, zitiert gegen ihren Urheber.
Die Form der Kurve: exponentiell oder Potenzfunktion
Viele Darstellungen nennen den Verlauf einen exponentiellen Abfall. Die Datenlage gibt das nicht her. Wixted und Ebbesen verglichen 1991 sechs Funktionsformen an drei Experimenten und fanden das Vergessen durchweg am besten durch eine einfache Potenzfunktion der Zeit beschrieben — linear, exponentiell, exponentiell-potenziell, hyperbolisch und logarithmisch schnitten schlechter ab. Eine Neuauswertung von Ebbinghaus’ eigener Ersparnisfunktion fiel ebenso aus: auch sie fällt als Potenzfunktion.
Rubin und Wenzel gingen 1996 breiter vor und passten 210 veröffentlichte Behaltensdatensätze an 105 Funktionen mit je zwei Parametern an. Einige Formen passten durchgehend gut, ließen sich aber kaum voneinander trennen. Die Frage nach der einen richtigen Funktion ist damit nicht entschieden.
Belastbar bleibt deshalb die qualitative Beschreibung: Das Behalten fällt zuerst schnell und dann immer langsamer, und es erreicht in Ebbinghaus’ Daten auch nach einem Monat nicht die Nulllinie.
Die Replikation von 2015 und der Sprung bei 24 Stunden
Murre und Dros veröffentlichten 2015 eine Replikation nach derselben Ersparnismethode: eine Versuchsperson, rund 70 Stunden Lernen und Wiederlernen über 75 Tage, dieselben sieben Intervalle wie bei Ebbinghaus. Ihr Ergebnis fällt deutlich aus — die Vergessenskurve sei repliziert.
Eine Stelle passt allerdings nicht in einen glatten Verlauf. In der Replikation lag die Ersparnis nach neun Stunden bei 0,276 und nach einem Tag bei 0,317: Sie stieg also wieder, statt weiter zu fallen. Die Autoren halten fest, dass die Schlafforschung einen solchen Sprung erwarten ließe, ziehen den Schluss aber ausdrücklich nicht:
Die aktuelle Forschung zur Wirkung des Schlafs auf das Gedächtnis würde einen solchen Sprung vorhersagen; für diese besondere Art von Versuch bleibt das aber erst noch zu zeigen.
Wer also liest, der Knick bei 24 Stunden komme vom Schlaf, liest mehr heraus, als die Replikation zeigt.
Was das Vergessen verlangsamt
Die Gegenmaßnahme steht in Ebbinghaus’ eigenem Buch, nur in einem Kapitel, das die populären Zusammenfassungen überspringen. Verteilte er seine Wiederholungen über drei Tage, statt sie an einem Tag zu häufen, hatten 38 verteilte Wiederholungen „einen ebenso günstigen Einfluss wie 68 Wiederholungen, die unmittelbar nacheinander am Tage vorher vorgenommen wurden“. Knapp die Hälfte des Aufwands, dieselbe Wirkung. Er schränkt im selben Satz ein, das Resultat sei „hier nur für sehr beschränkte Bedingungen“ gewonnen — ein Beleg für verteiltes Lernen, kein Beweis für alle Lernstoffe.
Zweitens zählt, was gelernt wird. Strophen aus Byrons „Don Juan“ lernte Ebbinghaus am ersten Tag „mit weniger als der Hälfte der Wiederholungen, die für die kürzesten der untersuchten Silbenreihen nötig waren“. Bedeutungsvolles Material startet also nicht auf derselben Kurve wie sinnlose Silben.
Und über lange Zeiträume sieht Behalten ganz anders aus, als die 31 Tage nahelegen. Bahrick prüfte 1984 bei 733 Personen, wie viel Spanisch aus der Schule über bis zu 50 Jahre erhalten blieb. Die Behaltenskurven fielen in den ersten drei bis sechs Jahren, blieben danach bis zu 30 Jahre lang unverändert und sanken erst dann noch einmal. Vorhergesagt wurde das Behalten nicht davon, wie lange es her war, sondern davon, wie gründlich ursprünglich gelernt worden war.
Damit verschiebt sich die praktische Frage weg von der Kurve und hin zur Methode. Die zwei Lernmethoden mit der besten Evidenz — sich abfragen statt wiederlesen, und die Versuche über mehrere Tage verteilen — behandelt unser Leitfaden zum Lernen von Fachbegriffen ausführlicher, als hier hineinpasst.
Vergessen ist die Voreinstellung
Für alles, was man einmal nachschlägt und dann liegen lässt, ist Vergessen der Normalfall — bei sinnlosen Silben im Jahr 1880 wie bei Fachbegriffen heute. Was zählt, ist die Wiederbegegnung, bevor die Spur verblasst. In Psychology World lassen sich Definitionen in eigenen Listen sammeln und als Karteikarte, als Multiple Choice ab vier Wörtern in der Liste oder durch Tippen abfragen; die tägliche Wortmitteilung bringt einen gespeicherten Begriff zurück, ohne dass man ihn suchen muss. Die vier Schritte der Lernschleife und was die einzelnen Lernmodi tun stehen auf der Startseite.
Häufige Fragen
Was ist die Vergessenskurve einfach erklärt?
Sie ist das Muster, das Hermann Ebbinghaus fand, als er prüfte, wie viel schneller er eine bereits gelernte Silbenreihe erneut lernen konnte. In den ersten Stunden nach dem Lernen sank dieser Vorteil stark, danach nur noch wenig. Die Kurve ist am Anfang steil und wird mit wachsendem Abstand immer flacher.
Wie viel vergisst man nach 24 Stunden?
Ebbinghaus’ Wert für 24 Stunden ist eine Ersparnis von 33,7 Prozent: Das Wiederlernen kostete rund ein Drittel weniger Zeit als das erste Lernen. Das heißt nicht, dass zwei Drittel des Inhalts weg waren. Ersparnis kann sich auch zeigen, wenn bewusst nichts mehr erinnerbar ist, und ist deshalb kein Maß dafür, wie viel man in einer Prüfung noch abrufen könnte.
Wie lange dauert die Vergessenskurve?
In Ebbinghaus’ Daten sank die Ersparnis bis zum längsten geprüften Intervall von 31 Tagen weiter, nach den ersten ein bis zwei Tagen allerdings nur noch langsam. Ein festes Ende hat die Kurve nicht: Sie flacht ab, statt die Nulllinie zu erreichen. Die Replikation von 2015 prüfte denselben Bereich und fand denselben Verlauf.
Wie lautet die Formel der Vergessenskurve?
Ebbinghaus gibt b = 100k / ((log t)^c + k) an, mit k = 1,84 und c = 1,25, wobei t die Zeit in Minuten ist und mit dekadischen Logarithmen gerechnet wird. Er bestimmte die beiden Konstanten nach eigener Angabe nur näherungsweise und ohne Methode der kleinsten Quadrate — und wertete die Formel ausdrücklich nur als Kurznotierung seiner einmaligen Ergebnisse.
Was ist die 2-7-30-Regel?
Das ist ein verbreiteter Wiederholungsplan — meist als Wiederholung nach 2 Tagen, 7 Tagen und 30 Tagen angegeben —, der so weitergereicht wird, als stamme er aus Ebbinghaus’ Forschung. Eine Studie, die genau diesen Abstandsplan begründet, gibt es in der Literatur zur Vergessenskurve nicht. Er ist besser als grobe Merkhilfe fürs Verteilen zu verstehen denn als belegter Befund.
Wie überwinde ich die Vergessenskurve?
Ebbinghaus’ eigene Daten zeigen die Richtung: Verteilen schlägt Häufen, 38 verteilte Wiederholungen wirkten so gut wie 68 an einem Tag. Die breitere und stärkere Evidenz hat das aktive Abrufen, also sich abfragen statt wiederlesen. Unser Leitfaden zum Lernen psychologischer Fachbegriffe geht beide Methoden durch.
Quellen
- 1.Ebbinghaus, H. (1885). Über das Gedächtnis. Untersuchungen zur experimentellen Psychologie. Duncker und Humblot, Leipzig. Volltext im Deutschen Textarchiv.
- 2.Ebbinghaus, H. (1885/1913). Memory: A contribution to experimental psychology (H. A. Ruger und C. E. Bussenius, Übers.), Kapitel VII. Englische Übersetzung, frei bei Classics in the History of Psychology.
- 3.Murre, J. M. J., und Dros, J. (2015). Replication and analysis of Ebbinghaus’ forgetting curve. PLOS ONE, 10(7), e0120644.
- 4.Wixted, J. T., und Ebbesen, E. B. (1991). On the form of forgetting. Psychological Science, 2(6), 409–415.
- 5.Rubin, D. C., und Wenzel, A. E. (1996). One hundred years of forgetting: A quantitative description of retention. Psychological Review, 103(4), 734–760.
- 6.Bahrick, H. P. (1984). Semantic memory content in permastore: Fifty years of memory for Spanish learned in school. Journal of Experimental Psychology: General, 113(1), 1–29.