Lernen am Modell heißt: Du lernst ein Verhalten, indem du es bei einer anderen Person beobachtest. Du musst das Verhalten dabei nicht selbst ausführen, und niemand muss dich dafür belohnen. Der Psychologe Albert Bandura beschrieb dafür vier Teilprozesse: Aufmerksamkeit, Behalten, motorische Reproduktion und Motivation. Ein zweiter Punkt gehört zur Definition: Gelernt ist nicht gezeigt. Ob du ein beobachtetes Verhalten ausführst, hängt von den Folgen des Verhaltens ab: für das Modell und für dich.
Der Begriff ist schnell definiert. Schwieriger ist die Studienlage, denn unter dem Namen Bobo-Doll-Experiment laufen drei Studien aus den Jahren 1961, 1963 und 1965. Dieser Artikel trennt die drei Studien, nennt ihre Zahlen und zeigt, was sie nicht belegen.
- Lernen am Modell und Modelllernen bedeuten dasselbe. Der breitere Begriff heißt Beobachtungslernen.
- Bandura nannte 1971 vier Teilprozesse. Die zwei Phasen aus vielen deutschsprachigen Zusammenfassungen fassen diese vier zusammen.
- 1961 ahmten Kinder ein aggressives Modell nach, obwohl niemand belohnt wurde.
- 1963 wirkte ein Modell im Film ähnlich stark wie ein Modell im selben Raum.
- 1965 zeigte Bandura: Die Folgen für das Modell ändern das Ausführen, nicht das Lernen.
Was Lernen am Modell bedeutet
Das Dorsch-Lexikon der Psychologie führt Modelllernen als Synonym für Lernen am Modell. Nach diesem Eintrag erwirbt eine Person „durch das Beobachten von Modellen“ neue, komplexe Verhaltensdispositionen. Das Modell ist das Vorbild, also die Person, deren Verhalten du beobachtest.
Der Eintrag ordnet auch die Begriffe. Lernen am Modell war in der frühen Phase von Banduras Theorie, von 1960 bis 1980, der Name für das Beobachtungslernen. Später zählte die Forschung auch Texte, Ideen und Denksysteme zu den beobachteten Objekten. Deshalb hat sich laut Dorsch der allgemeinere Begriff Beobachtungslernen mehrheitlich durchgesetzt.
Ein Modell muss nicht im selben Raum stehen. Das Lehrbuch Psychology 2e von OpenStax nennt drei Arten von Modellen:
- Ein Live-Modell zeigt das Verhalten direkt vor dir.
- Ein verbales Modell führt das Verhalten nicht aus. Es erklärt oder beschreibt das Verhalten.
- Ein symbolisches Modell ist eine reale oder erfundene Person in Büchern, Filmen, Fernsehsendungen, Videospielen oder im Internet.
Die vier Teilprozesse nach Bandura und die zwei Phasen
In seiner Schrift Social Learning Theory von 1971 schreibt Bandura, dass vier miteinander verbundene Teilprozesse das Lernen am Modell steuern. Er nennt dort auch die Gründe, aus denen die Nachahmung ausbleiben kann.
| Teilprozess | Was passiert | Warum die Nachahmung ausbleiben kann |
|---|---|---|
| Aufmerksamkeit | Du beachtest das Modell und erkennst die wichtigen Merkmale des Verhaltens. | Du hast das Verhalten nicht genau beobachtet. |
| Behalten | Du speicherst das Verhalten als Bild und in Worten. | Du hast das Verhalten schlecht gespeichert oder wieder vergessen. |
| Motorische Reproduktion | Du setzt die gespeicherte Vorstellung in eigene Handlungen um. | Dir fehlen die nötigen Teilfertigkeiten. |
| Verstärkung und Motivation | Du führst das Verhalten aus, wenn die Folgen günstig sind. | Das Verhalten hat für dich ungünstige Folgen, zum Beispiel eine Strafe. |
Viele deutschsprachige Lernseiten und Zusammenfassungen sprechen von zwei Phasen. Die Aneignungsphase umfasst Aufmerksamkeit und Behalten. Die Ausführungsphase umfasst Reproduktion und Motivation. Diese Einteilung passt zu Banduras Unterscheidung zwischen Aneignung und Ausführung. In der Schrift von 1971 stehen aber vier Teilprozesse, keine zwei Phasen. Wenn eine Prüfungsfrage nach den Phasen fragt, ordnest du die vier Teilprozesse so zu.
Drei Studien, ein Name: das Bobo-Doll-Experiment
Die Bobo-Puppe ist eine aufblasbare Puppe, die sich nach einem Schlag wieder aufrichtet. Zusammenfassungen erzählen oft von einem einzigen Experiment mit dieser Puppe. In der Fachliteratur stehen drei Studien mit drei verschiedenen Fragen.
| Studie | Kinder | Bedingungen | Kernbefund |
|---|---|---|---|
| Bandura, Ross und Ross (1961) | 72 | Aggressives Modell, nicht aggressives Modell, kein Modell | Kinder ahmen neue aggressive Handlungen nach, obwohl niemand belohnt wird. |
| Bandura, Ross und Ross (1963) | 96 | Modell im Raum, Modell im Film, Film mit Katzenfigur, kein Modell | Modelle im Film wirken ähnlich stark wie Modelle im Raum. |
| Bandura (1965) | Zahl im Abstract nicht genannt | Das Modell im Film wird belohnt, bestraft oder erlebt keine Folgen | Die Folgen für das Modell ändern das Ausführen, nicht das Lernen. |
1961: Nachahmung ohne Belohnung
An der Studie von Bandura, Ross und Ross (1961) nahmen 36 Jungen und 36 Mädchen aus dem Kindergarten der Stanford University teil. Die Kinder waren zwischen 37 und 69 Monate alt, im Mittel 52 Monate. Je 24 Kinder sahen ein aggressives Modell, ein nicht aggressives Modell oder kein Modell.
Das Modell war eine erwachsene Person, je nach Gruppe ein Mann oder eine Frau. Das aggressive Modell setzte sich auf eine rund 1,50 Meter große Bobo-Puppe und schlug sie mehrmals auf die Nase. Dann schlug das Modell die Puppe mit einem Holzhammer auf den Kopf, warf sie in die Luft und trat sie durch den Raum. Dazu rief das Modell Sätze wie „Sock him in the nose“ und „Pow“. Die Sitzung dauerte zehn Minuten.
Danach durften alle Kinder mit attraktivem Spielzeug spielen. Nach etwa zwei Minuten nahm die Versuchsleiterin ihnen dieses Spielzeug wieder weg. Dieser Schritt sollte die Kinder leicht reizen. Im Testraum war das Modell nicht mehr dabei. Dort standen eine kleinere Bobo-Puppe, ein Holzhammer, Pfeilpistolen und friedliches Spielzeug wie Malstifte und ein Teeservice. Beobachter werteten 20 Minuten Spiel durch einen Einwegspiegel aus, in Abschnitten von fünf Sekunden.
| Gruppe | Jungen | Mädchen |
|---|---|---|
| Aggressives männliches Modell | 25,8 | 7,2 |
| Aggressives weibliches Modell | 12,4 | 5,5 |
| Kein Modell | 2,0 | 1,2 |
Rund 70 Prozent der Kinder ohne aggressives Modell zeigten gar keine nachgeahmte Aggression.
Ein Detail fehlt in vielen Zusammenfassungen: Einfache Faustschläge gegen die Puppe trennten die Gruppen nicht. Kinder ohne Modell schlugen die Puppe im Mittel ähnlich oft wie Kinder mit aggressivem Modell. Die Autoren hatten damit gerechnet. Das Modell zeigte deshalb zusätzlich auffällige Handlungen, die Kinder selten von allein ausführen. Der Befund betrifft also die Nachahmung dieser neuen Handlungen.
Weder das Modell noch die Kinder bekamen eine Belohnung. Die Kinder lernten die Handlungen allein durch Beobachten.
1963: Modelle im Film
Die Studie von 1963 fragte, ob ein Modell im Film ähnlich wirkt wie ein Modell im Raum. 48 Jungen und 48 Mädchen bildeten vier Gruppen mit je 24 Kindern. Die erste Gruppe sah ein aggressives Modell im Raum, die zweite Gruppe dieselben Modelle im Film. Die dritte Gruppe sah einen Film mit einer Katzenfigur namens „Herman the Cat“. Die vierte Gruppe sah kein Modell.
Zwei Details sind wichtig. Die Daten der ersten und der vierten Gruppe stammten aus der Studie von 1961. Außerdem war die Katzenfigur keine gezeichnete Figur: Das weibliche Modell trug ein Katzenkostüm und spielte vor einer bunten Kulisse.
| Gruppe | Mittelwert |
|---|---|
| Modell im Raum | 83 |
| Modell im Film | 92 |
| Film mit Katzenfigur | 99 |
| Kein Modell | 54 |
Die Kinder der beiden Filmgruppen zeigten fast doppelt so viel Aggression wie die Kinder ohne Modell. Die drei Gruppen mit Modell unterschieden sich in der Gesamtaggression nicht signifikant. In den Gruppen mit menschlichem Modell ahmten 88 Prozent der Kinder mindestens einen Teil der Handlungen nach. In der Gruppe mit Katzenfigur waren es 79 Prozent.
Schon in dieser Studie trennten die Autoren Lernen und sichtbares Ausführen. Nach ihrer informellen Beobachtung führen Kinder das Verhalten von Fernsehfiguren in der Regel nicht wahllos aus.
1965: Gelernt ist nicht gezeigt
Diese Unterscheidung prüfte Bandura 1965 direkt. Kinder sahen einen Film mit einem aggressiven Modell. Der Film endete auf drei Arten: Das Modell wurde belohnt, bestraft oder erlebte keine Folgen.
Im ersten Test führten die Kinder der Bestrafungsgruppe signifikant weniger der gezeigten Handlungen aus als die beiden anderen Gruppen. Dann bot Bandura allen Kindern attraktive Belohnungen an, wenn sie die Handlungen des Modells nachahmten. Dieser Anreiz hob die Unterschiede vollständig auf. Die Kinder aller drei Gruppen hatten gleich viel gelernt.
Zu dieser Studie gehören zwei Fachbegriffe, die das Lehrbuch von OpenStax so definiert. Stellvertretende Verstärkung heißt: Du siehst, dass ein Modell für ein Verhalten verstärkt wird, und deine Motivation zur Nachahmung steigt. Stellvertretende Bestrafung heißt: Du siehst, dass ein Modell bestraft wird, und deine Motivation sinkt. Die Begriffe bauen auf Verstärkung und Bestrafung aus der operanten Konditionierung auf. Der Unterschied: Die Folge trifft das Modell, nicht dich.
Zwei Verwechslungen kommen vor. Manche deutschsprachigen Zusammenfassungen schreiben die Studie Bandura und Walters zu. Der Aufsatz von 1965 nennt Bandura als einzigen Autor. Außerdem gehören die Bedingungen mit Belohnung und Strafe nicht zur Studie von 1961. Auch das Lehrbuch von OpenStax beschreibt diese Bedingungen unter der Quellenangabe von 1961.
Vier Wirkungen eines Modells, mit Beispielen
Ein Modell kann mehr, als neues Verhalten zu zeigen. Ein Beitrag im Deutschen Ärzteblatt PP zu Banduras 100. Geburtstag beschreibt vier Wirkungen. Auf Lernseiten heißen sie oft modellierender, hemmender, enthemmender und auslösender Effekt. Die Beispiele in der Tabelle sind eigene Beispiele aus Kita, Schule und Pflegeausbildung.
| Wirkung | Was sie bedeutet | Beispiel |
|---|---|---|
| Erwerb neuen Verhaltens | Du lernst ein Verhalten, das du vorher nicht konntest. | Ein Kind in der Kita sieht, wie die Erzieherin eine Schleife bindet, und bindet später selbst eine. |
| Hemmung | Du zeigst ein Verhalten seltener, weil das Modell dafür bestraft wird. | Ein Schüler sieht, dass ein Mitschüler für das Abschreiben eine Sechs bekommt, und schreibt nicht ab. |
| Enthemmung | Du zeigst ein verbotenes Verhalten eher, weil das Modell keine negativen Folgen erlebt. | Ein Kind rennt über den Flur, niemand greift ein, und ein zweites Kind rennt mit. |
| Auslösung | Du zeigst ein vorhandenes Verhalten häufiger, weil andere es gerade zeigen. | Eine Pflegeschülerin desinfiziert sich die Hände, sobald die Praxisanleiterin es vor dem Zimmer tut. |
Was die Studien nicht zeigen
Die drei Studien belegen, dass Kinder durch Beobachten lernen. Vier Grenzen gehören dazu.
- Die Kinder schlugen eine Puppe, keinen Menschen. Ein Überblick von EBSCO Research Starters nennt den Schluss von der Puppe auf Schläge gegen Menschen problematisch.
- Die Bobo-Puppe richtet sich nach jedem Schlag wieder auf. Kinder können sie laut demselben Überblick als Ziel sehen, das zum Schlagen gedacht ist.
- Die Studien von 1961 und 1963 maßen das Spiel direkt nach der Beobachtung. Über langfristige Folgen sagen diese Messungen nichts.
- Die Studien setzten kleine Kinder gezielt aggressivem Verhalten aus. Galanaki und Malafantis (2022) nennen das ein ethisches Problem und stellen die Studien neben das Milgram-Experiment.
Auch die Frage nach Gewalt in Medien bleibt offen. OpenStax fasst den Stand so zusammen: Craig Anderson und Kollegen sehen Belege für einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Mediengewalt und aggressiven Gedanken und Verhaltensweisen. Christopher Ferguson und andere wenden ein, dass die Forschung weitere Risikofaktoren wie psychische Gesundheit und Familienleben nicht berücksichtigt hat. Die Bobo-Doll-Studien allein entscheiden diese Debatte nicht.
Die Begriffe sicher auseinanderhalten
Zum Lernen am Modell gehören viele ähnliche Fachbegriffe: Modell, Aneignung, Ausführung, stellvertretende Verstärkung, Hemmung und Enthemmung. In einer Prüfung ordnest du jeden Begriff einem Teilprozess oder einer Studie zu. Fachbegriffe, die sich ähneln, kannst du als Gruppe lernen.
Speichere die Begriffe, die du im Wörterbuch von Psychology World findest, in einer Lernliste. Übe die Liste als Karteikarte, als Multiple Choice oder per Tippen. Der Modus Multiple Choice braucht mindestens vier Wörter in der Liste. Was die drei Lernmodi tun, steht auf der Startseite.
Häufige Fragen
Ist Lernen am Modell Behaviorismus?
Nein, nicht im strengen Sinn. Nach der operanten Erklärung lernt eine Person ein Verhalten, indem sie es ausführt und dafür verstärkt wird. Bandura widersprach 1971: Das Lernen geschieht über symbolische Prozesse schon beim Beobachten, bevor die Person eine Reaktion ausführt oder verstärkt wird. Seine Theorie heißt sozial-kognitive Lerntheorie.
Was ist der Unterschied zwischen Modelllernen und Beobachtungslernen?
Modelllernen und Lernen am Modell sind Synonyme. Beobachtungslernen ist der allgemeinere Begriff. Er schließt laut Dorsch-Lexikon auch nicht personale Quellen ein, zum Beispiel Texte, Ideen und Denksysteme. Dieser Begriff hat sich in der Fachsprache mehrheitlich durchgesetzt.
Was ist stellvertretende Verstärkung?
Stellvertretende Verstärkung liegt vor, wenn du siehst, dass ein Modell für ein Verhalten verstärkt wird. Deine Motivation steigt, das Verhalten nachzuahmen. Du selbst bekommst dabei keine Verstärkung. Das Gegenstück ist die stellvertretende Bestrafung: Das Modell wird bestraft, und deine Motivation zur Nachahmung sinkt.
Wer war Albert Bandura?
Albert Bandura wurde 1925 in Mundare in Kanada geboren. Er promovierte 1952 an der University of Iowa und kam im folgenden Jahr an die Stanford University. Sein Buch „Lernen am Modell“ erschien 1976 auf Deutsch im Ernst Klett Verlag. Bandura starb 2021 im Alter von 95 Jahren in Stanford.
Quellen
- 1.Bandura, A. (1965). Influence of models' reinforcement contingencies on the acquisition of imitative responses. Journal of Personality and Social Psychology, 1(6), 589–595.
- 2.Bandura, A. (1971). Social learning theory. General Learning Press.
- 3.Bandura, A., Ross, D., & Ross, S. A. (1961). Transmission of aggression through imitation of aggressive models. Journal of Abnormal and Social Psychology, 63(3), 575–582.
- 4.Bandura, A., Ross, D., & Ross, S. A. (1963). Imitation of film-mediated aggressive models. Journal of Abnormal and Social Psychology, 66(1), 3–11.
- 5.Dillon, R. F., & Dillon, A. D. (2024). Bobo doll experiment. EBSCO Research Starters.
- 6.Dorsch – Lexikon der Psychologie. Modelllernen.
- 7.Galanaki, E., & Malafantis, K. D. (2022). Albert Bandura's experiments on aggression modeling in children: A psychoanalytic critique. Frontiers in Psychology, 13, 988877.
- 8.Goddemeier, C. (2025). Albert Bandura (1925–2021): Lernen am Modell. Deutsches Ärzteblatt PP, 5/2025.
- 9.Spielman, R. M., Jenkins, W. J., & Lovett, M. D. (2020). Psychology 2e, 6.4 Observational learning (modeling). OpenStax.