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Der Cocktailparty-Effekt: was Cherry und Moray wirklich fanden, und warum die meisten ihren Namen überhören

Der Cocktailparty-Effekt: wie du im Lärm einer Stimme folgst, was Cherry und Moray fanden und warum nur rund ein Drittel den eigenen Namen hört.

Kognition19 Min. Lesezeit
Von Psychology World

Der Cocktailparty-Effekt ist die Fähigkeit, in einem Gewirr aus Stimmen einer einzigen Stimme zu folgen und die anderen auszublenden. Das Dorsch Lexikon der Psychologie nennt ihn Cocktailparty-Phänomen und gibt ihm eine zweite Bedeutung: Fällt in einem Gespräch in der Nähe der eigene Name, wendet sich die Aufmerksamkeit diesem Gespräch zu. Colin Cherry beschrieb 1953 das „Cocktailparty-Problem“. Neville Moray prüfte 1959 die Sache mit dem Namen. In kontrollierten Studien bemerkt seitdem nur etwa jede dritte Person ihren Namen.

Die deutschen Nachschlagewerke klingen sicherer. Laut Dorsch wechselt die Aufmerksamkeit beim eigenen Namen „unmittelbar“ zur benachbarten Unterhaltung. Das Lexikon der Neurowissenschaft von Spektrum schreibt, der Name werde sich „schnell den Weg ins Bewußtsein bahnen“. Die Originalstudien zeigen ein genaueres Bild. Zitate aus englischen Quellen stehen hier in eigener Übersetzung.

  • Cherry testete keine Namen. Seine Versuchspersonen bemerkten fast nichts aus dem ignorierten Ohr. Einen Wechsel vom Englischen ins Deutsche bemerkten sie nicht, einen Wechsel von einer Männer- zu einer Frauenstimme fast immer.
  • In Morays Studie gab es zwei Anweisungen, die ohne Vorwarnung mit dem Namen der Person begannen. Jede davon hörten 4 von 12 Personen. Zwei spätere Wiederholungen fanden 34,6 und 29 Prozent.
  • Die Wiederholung mit 29 Prozent lief auf Deutsch, mit 80 Teilnehmenden. Der Erstautor forscht an der Universität Witten/Herdecke.
  • In einer Studie von 2001 bemerkten Personen mit geringer Arbeitsgedächtniskapazität ihren Namen öfter: 65 Prozent gegenüber 20 Prozent. Die deutsche Wiederholung fand diesen Unterschied nicht zuverlässig.
  • Den Namen zu hören hat einen Preis. Wer ihn bemerkte, machte bei den Wörtern direkt danach mehr Fehler in der eigentlichen Aufgabe.

Was der Cocktailparty-Effekt ist

Der Cocktailparty-Effekt ist eine Form der selektiven Aufmerksamkeit. Der Dorsch beschreibt selektive Aufmerksamkeit als Auswahl der Sinnesinformationen, die für zielgerichtetes Denken und Handeln wichtig sind, und als Abwahl der unwichtigen. Auf einer Party sind diese Informationen Stimmen. Du folgst einem Gespräch, und die anderen Gespräche werden zum Hintergrundrauschen.

Der Begriff hat zwei Teile, und der Dorsch nennt beide. Teil 1 ist die Fähigkeit, aus vielen akustischen Signalfolgen eine auszuwählen, obwohl sie sich physikalisch nur schwer trennen lassen. Ein Beispiel ist das Zuhören bei einem Gespräch auf einer Cocktailparty. Teil 2 ist der Wechsel der Aufmerksamkeit, wenn in Hörweite der eigene Name fällt. Das APA Dictionary of Psychology beginnt ebenfalls mit der Auswahl einer Stimme. Den eigenen Namen nennt es als Beispiel dafür, dass die Bedeutung einer ignorierten Stimme zumindest in manchen Fällen erkannt wird.

Wer eine Prüfung schreibt, sollte beide Teile kennen. Sie stammen aus verschiedenen Studien.

Die zwei Teile des Cocktailparty-Effekts.
TeilDie FrageErste StudieHauptergebnis
Auswahl: das Cocktailparty-ProblemWie folgt man einer Stimme, wenn andere gleichzeitig sprechen?Cherry, 1953Die Versuchspersonen sprachen eine Nachricht leicht nach und bemerkten fast nichts von der anderen
Durchbruch: der Effekt des eigenen NamensKann eine ignorierte Stimme trotzdem die Aufmerksamkeit gewinnen?Moray, 1959Anweisungen mit dem eigenen Namen wurden 20-mal von 39 gehört, ohne Namen 4-mal von 36

Woher der Name kommt: Cherrys Experimente von 1953

Colin Cherry veröffentlichte seine Studie 1953 im Journal of the Acoustical Society of America. Er arbeitete am Imperial College in London und führte die Versuche als Gastprofessor am MIT durch. Seine Frage lautete: „Wie erkennen wir, was eine Person sagt, wenn andere gleichzeitig sprechen (das ‚Cocktailparty-Problem‘)?“ Nur an dieser Stelle kommt das Wort „cocktail“ im Aufsatz vor.

Cherry nannte Faktoren, die beim Trennen der Stimmen helfen könnten:

  • Die Stimmen kommen aus verschiedenen Richtungen.
  • Lippenlesen, Gesten und Ähnliches.
  • Verschiedene Stimmen: eine andere mittlere Tonhöhe, ein anderes Tempo, männlich oder weiblich.
  • Verschiedene Akzente.
  • Übergangswahrscheinlichkeiten: wie wahrscheinlich ein Wort auf das vorige folgt, je nach Thema und Satzbau.

Test 1: zwei Nachrichten, eine Stimme, ein Band

Im ersten Teil schaltete Cherry die ersten vier Faktoren aus. Er nahm zwei Nachrichten auf dasselbe Magnetband auf, gesprochen von derselben Person. Die Versuchsperson hörte die Mischung mit beiden Ohren und sollte eine der Nachrichten Wort für Wort oder Satzteil für Satzteil wiederholen. Sie durfte das Band so oft abspielen, wie sie wollte.

Die Versuchspersonen trennten die Nachrichten „fast vollständig“. Die Aufgabe war aber schwer. Eine Versuchsperson schloss die Augen, um sich zu konzentrieren, und spielte manche Satzteile 10- bis 20-mal ab. Mit Papier und Bleistift wurde die Aufgabe „sehr viel leichter“.

Dann baute Cherry zwei Reden aus 150 Floskeln, die er aus Zeitungsberichten über Reden nahm, zum Beispiel „I am happy to be here today“ (Ich freue mich, heute hier zu sein). Diese beiden Reden ließen sich nicht trennen. Innerhalb einer Floskel waren die Wörter sehr vorhersagbar. Eine Floskel sagte aber die nächste nicht voraus. Nach ein, zwei Wörtern ergänzte die Versuchsperson eine ganze Floskel, und sie nahm die Floskeln etwa gleich oft aus beiden Reden. Bei nur einer Stimme blieb als Hinweis nur, wie gut ein Wort zum vorigen passt. Die Floskeln machten diesen Hinweis wertlos.

Test 2: in jedem Ohr eine andere Nachricht

Im zweiten Teil bekam jedes Ohr über Kopfhörer eine andere Nachricht. Diese Methode heißt heute dichotisches Hören. Die Versuchsperson sprach die Nachricht in einem Ohr laut nach, während sie sie hörte. Diese Aufgabe heißt Shadowing, im Deutschen auch Beschatten. Der Dorsch führt die Technik auf Cherry zurück.

Cherry schrieb: „So überraschend es scheinen mag, das erweist sich als leicht.“ Die Stimme der Versuchsperson wurde dabei monoton, und oft wusste sie kaum, worum es in der Nachricht ging. Das ignorierte Ohr nannte Cherry das „abgewiesene“ Ohr. Fragte man nach dessen Inhalt, konnte die Versuchsperson „fast nichts darüber sagen, außer vielleicht, dass Geräusche da waren“.

Dann veränderte Cherry den Ton im ignorierten Ohr, während die Person nachsprach. Er setzte jede Versuchsperson nur in einem Test ein und sagte niemandem vorher, was kommen würde.

Was Cherrys Versuchspersonen im ignorierten Ohr bemerkten (Cherry, 1953).
Ton im ignorierten OhrBemerkt?
Normales EnglischImmer als Sprache erkannt, aber kein Wort und kein Satzteil
Englisch, das ins Deutsche wechselte, gesprochen von einem EngländerNein. Die erste Versuchsperson „wusste es überhaupt nicht, nahm aber an, es sei Englisch“
Eine Männerstimme, die zu einer hohen Frauenstimme wechselteFast immer
Ein gleichbleibender Ton von 400 HertzImmer
Rückwärts abgespielte MännerstimmeEinige fanden „etwas Seltsames daran“, andere hielten sie für normale Sprache

Cherrys Fazit: Einige „statistische Eigenschaften“ des ignorierten Signals werden erkannt, etwa ob es Sprache ist und ob die Stimme wechselt. „Details wie die Sprache, einzelne Wörter oder der Inhalt“ bleiben aber unbemerkt.

Ganz dicht war die Sperre nicht. In einem weiteren Test hörten beide Ohren dieselbe Nachricht, das ignorierte Ohr mit Verzögerung, und die Verzögerung wurde nach und nach kürzer. Fast alle Versuchspersonen erkannten irgendwann Wörter wieder, meist bei einer Verzögerung zwischen 6 und 2 Sekunden. In den Tests mit zwei verschiedenen Texten hatte dagegen niemand ein einziges Wort aus dem ignorierten Ohr erkannt.

Namen testete Cherry gar nicht. Der Effekt des eigenen Namens stammt aus einer späteren Studie.

Morays Experimente von 1959: Kommt der eigene Name durch?

Neville Moray vom Institute of Experimental Psychology in Oxford veröffentlichte 1959 drei Experimente zum dichotischen Hören. Seine Versuchspersonen waren Studierende und Forschende. Moray griff eine verbreitete Annahme auf: „Mütter hören Kinder weinen, und es heißt immer, eine Versuchsperson reagiere auf ihren eigenen Namen, auch wenn das Verhältnis von Signal zu Rauschen ungünstig ist, wie auf einer Cocktailparty.“ Er wollte das im Experiment prüfen und die Grenzen der Aufmerksamkeitssperre finden.

Experiment 1: eine Wortliste, 35-mal abgespielt

Die Versuchspersonen sprachen einen Prosatext in einem Ohr nach. Im anderen Ohr lief eine kurze Liste einfacher Wörter, 35-mal hintereinander. Etwa 30 Sekunden nach dem Ende folgte ein Wiedererkennungstest. Im Mittel erkannten die Personen 4,9 von 7 Wörtern aus dem nachgesprochenen Text. Aus der wiederholten Liste erkannten sie nur 1,9 von 7. Bei neuen Wörtern, die erst im Test vorkamen, gaben sie im Mittel 2,6 von 7 als bekannt an. Moray schrieb: „Es gibt keine Spur davon, dass Material aus der abgewiesenen Nachricht wiedererkannt wurde.“

Experiment 2: Anweisungen mit und ohne Namen

Zwölf Personen sprachen zehn kurze Abschnitte leichter Unterhaltungsliteratur nach. In einigen Abschnitten kam über das ignorierte Ohr eine Anweisung, etwa „you may stop now“ (du kannst jetzt aufhören) oder „change to your other ear“ (wechsle zum anderen Ohr). Die Hälfte dieser Anweisungen begann mit dem Namen der Person, wie in „John Smith, change to your other ear“. Nur vor zwei Abschnitten erfuhren die Personen, dass Anweisungen kommen würden.

Morays Namensexperiment: wie oft Anweisungen im ignorierten Ohr gehört wurden (12 Personen, zusammengefasst).
Anweisung im ignorierten OhrWie oft dargebotenWie oft gehört
Begann mit dem eigenen Namen3920
Begann nicht mit dem Namen364

Der Unterschied war statistisch signifikant (t = 3,05). Für jede der beiden Anweisungen mit Namen ohne Vorwarnung lag der Mittelwert bei 0,33 pro Person. Das heißt: 4 der 12 Personen hörten sie. Daher stammen die oft zitierten 33 Prozent. In einem Abschnitt kündigte Moray vorher an, dass Anweisungen zum Ohrwechsel kommen würden. Der Mittelwert stieg dann auf 0,80. Diesen Unterschied fand Moray statistisch nicht signifikant.

Den Namen zu hören hieß nicht, der Anweisung zu folgen. Nur bei 4 der 20 gehörten Anweisungen mit Namen wechselten die Personen tatsächlich das Ohr. Meist berichteten sie die Anweisung erst, als Moray zwischen den Abschnitten oder am Ende danach fragte.

Experiment 3: Zahlen im ignorierten Ohr

Zwei Gruppen mit je 14 Personen sprachen Nachrichten nach, in die gegen Ende Ziffern eingestreut waren. Nur eine Gruppe sollte sich die Zahlen merken. Diese Anweisung machte keinen signifikanten Unterschied. Die Zahlen wurden nicht „wichtig“ genug, um durch die Sperre zu kommen.

Den Widerspruch in seinen Ergebnissen nannte Moray das „Identifikationsparadox“: Der Inhalt der ignorierten Nachricht schien unterhalb der bewussten Wahrnehmung blockiert, und trotzdem konnte eine Person auf ihren Namen reagieren. In der Zusammenfassung steht sein Schluss: „Der einzige bisher gefundene Reiz, der diese Sperre durchbricht, ist der eigene Name der Versuchsperson.“

Wie oft Menschen ihren eigenen Namen wirklich hören

Morays Namensexperiment hatte 12 Teilnehmende. Drei spätere Studien prüften den Effekt mit mehr Kontrolle. Die Tabelle stellt die vier Studien nebeneinander.

Studien zum Effekt des eigenen Namens beim dichotischen Hören.
StudieTeilnehmendeWer den eigenen Namen bemerkte
Moray, 195912 Studierende und Forschende, Oxford4 von 12 (33 %) pro Anweisung mit Namen ohne Vorwarnung
Wood und Cowan, 199534 Studierende34,6 %
Conway, Cowan und Bunting, 200140 Studierende aus dem oberen und dem unteren Viertel eines Arbeitsgedächtnistests20 % mit hoher, 65 % mit geringer Kapazität
Röer und Cowan, 2021 (präregistriert)80 Personen mit Deutsch als Muttersprache23 von 80 (29 %)

Die Behauptung, jeder höre seinen Namen, stimmt also nicht. In typischen Stichproben bemerken ihn etwa zwei von drei Personen nicht. Conway und seine Kollegen schreiben es direkt: „Entgegen der verbreiteten Annahme zeigen nicht alle Versuchspersonen diesen ‚Cocktailparty-Effekt‘.“

Wood und Cowan (1995): die erste direkte Wiederholung

Noelle Wood und Nelson Cowan stellten fest, dass Morays Befund nie direkt wiederholt worden war. Sie wiederholten die Studie mit besseren Kontrollen. Nur 34,6 Prozent ihrer Teilnehmenden erinnerten sich, ihren Namen gehört zu haben. Nur bei diesen Personen zeigte sich während des Nachsprechens eine Verschiebung der Aufmerksamkeit, und nur bei den zwei Wörtern nach dem Namen. Die Autoren schlossen daraus, dass Personen, die ihren Namen bemerkten, danach kurz den ignorierten Kanal mithörten.

Conway, Cowan und Bunting (2001): die Rolle des Arbeitsgedächtnisses

Warum bemerken manche Menschen ihren Namen und andere nicht? Andrew Conway, Nelson Cowan und Michael Bunting untersuchten die Kapazität des Arbeitsgedächtnisses. Sie maßen sie mit der Operation-Span-Aufgabe: Man prüft einfache Rechenaufgaben und merkt sich gleichzeitig Wörter. Die Studie nahm 20 Personen aus dem obersten und 20 aus dem untersten Viertel der Testwerte. Alle sprachen eine Nachricht im rechten Ohr nach. Nach 4 oder 5 Minuten kam ihr Vorname im linken Ohr.

Von der Gruppe mit hoher Kapazität berichteten 20 Prozent ihren Namen, von der Gruppe mit geringer Kapazität 65 Prozent. Den Kontrollnamen, also den Namen einer anderen Versuchsperson in derselben Nachricht, berichtete niemand. Die Gruppe mit geringer Kapazität machte über die ganze Aufgabe auch etwa doppelt so viele Fehler beim Nachsprechen: im Mittel 20,88 gegenüber 10,00. Wer den Namen bemerkte, machte bei den zwei Wörtern danach deutlich mehr Fehler.

Die Autoren vermuten, dass Personen mit geringerer Kapazität „Schwierigkeiten haben, ablenkende Informationen auszublenden oder zu hemmen“. Sie verbinden das mit früheren Experimenten, in denen Personen mit hoher Kapazität weniger proaktive Interferenz zeigten: Älteres Lernen störte bei ihnen seltener den Abruf von Neuem. Einen Störreiz zu hemmen ist auch beim Stroop-Effekt nötig, wenn man die Schriftfarbe eines Farbworts nennen soll. Conways Gruppen wurden nach ihren Testwerten ausgewählt, nicht zufällig eingeteilt. Die Autoren schreiben selbst, dass ihr Ergebnis nicht klärt, ob die Kapazität die Fähigkeit zum Hemmen bestimmt oder umgekehrt.

Röer und Cowan (2021): eine präregistrierte Wiederholung auf Deutsch

Jan Philipp Röer und Nelson Cowan legten Methode und Auswertung fest und registrierten sie, bevor sie Daten sammelten. Röer forscht an der Universität Witten/Herdecke, und die Studie lief auf Deutsch. 80 Personen mit Deutsch als Muttersprache sprachen eine Frauenstimme im rechten Ohr nach und ignorierten eine Männerstimme im linken Ohr. Beide Stimmen kamen aus der Sprachausgabe von Mac OS: „Anna“ sollte man nachsprechen, „Markus“ sollte man ignorieren. In der ignorierten Nachricht kamen Sätze wie „… trinkt an heißen Tagen meistens Limonade“ vor. Am Anfang stand der eigene Vorname oder der Vorname einer anderen Versuchsperson.

23 der 80 Personen (29 Prozent) berichteten, ihren Namen gehört zu haben. Wer ihn hörte, machte um diesen Zeitpunkt mehr Fehler beim Nachsprechen. Personen mit geringerer Arbeitsgedächtniskapazität machten nach dem Namen häufiger Fehler, wie bei Conway. Sie bemerkten ihren Namen auch häufiger, aber dieser Unterschied war statistisch nicht zuverlässig. Als wahrscheinlichen Grund nennen die Autoren: Selbst das unterste Viertel ihrer Stichprobe hatte im Test deutlich höhere Werte als das unterste Viertel bei Conway.

Die Studie prüfte noch eine zweite Idee: Dringt jedes überraschende Wort durch? In manchen Sätzen der ignorierten Nachricht war das letzte Wort durch ein unpassendes ersetzt, etwa bei Sprichwörtern wie „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“. Nur eine Person berichtete ein solches Wort. Die unpassenden Wörter führten auch nicht zu mehr Fehlern beim Nachsprechen. Das Fazit der Autoren: Der eigene Name kann die Aufmerksamkeit „für kurze Zeit“ an sich ziehen, unerwartete Wörter in Sätzen können das nicht.

Frühe oder späte Selektion: was der eigene Name über die Theorien verrät

Der Effekt des eigenen Namens wurde zum Prüfstein für Theorien der Aufmerksamkeit. Die Frage ist, wo die Auswahl stattfindet: bevor das Gehirn die Bedeutung eines Lauts erkennt oder danach.

Drei klassische Theorien der auditiven selektiven Aufmerksamkeit, und was jede über den eigenen Namen im ignorierten Ohr sagt.
TheorieKernaussageDer eigene Name im ignorierten Ohr
Filtertheorie, Broadbent (1958): frühe SelektionNicht beachtete Kanäle werden gefiltert, bevor ihr Inhalt erkannt wird, nach physikalischen Merkmalen wie Stimme und OrtEr dürfte nicht durchkommen, weil seine Bedeutung nicht verarbeitet wird
Attenuationstheorie, Treisman (1960)Nicht beachtete Nachrichten werden abgeschwächt, nicht blockiert, und wichtige Wörter haben eine niedrige ErkennungsschwelleEr kann durchkommen, weil der eigene Name schon bei einem schwachen Signal erkannt wird
Späte Selektion, Deutsch und Deutsch (1963)Alle Reize werden bis zur Bedeutung verarbeitet, und ausgewählt wird erst danachEr wird erkannt wie jedes andere Wort, und seine Wichtigkeit entscheidet, ob er ausgewählt wird

Die Definitionen stammen aus den Einträgen des APA Dictionary zu filter theory, attenuation theory und late-selection theory. Conway und seine Kollegen beschreiben Broadbents Filter als Auswahl nach oberflächlichen Merkmalen wie Stimme, Farbe oder Ort.

Die Studien oben setzen jeder Theorie Grenzen:

  • Ein strenger früher Filter kann nicht erklären, warum überhaupt jemand seinen Namen hört. Conway und Kollegen schreiben, Broadbents Modell sei „ernsthaft infrage gestellt“ worden, weil nicht beachtete Information nach ihrer Bedeutung verarbeitet wird, etwa in Morays Ergebnis. Laut APA Dictionary bleibt die Filtertheorie in Form ihrer Nachfolgerin, der Attenuationstheorie, einflussreich.
  • Treismans eigene Studie von 1960 zeigte eine andere Lücke. Mitten im Text tauschte sie die beiden Nachrichten zwischen den Ohren. Die Versuchspersonen wiederholten an dieser Stelle manchmal ein oder zwei Wörter aus dem falschen Ohr, häufiger bei gut vorhersagbaren Texten. Treisman vermutete, dass der Filter die Schwellen für ignorierte Quellen anhebt, „statt als Alles-oder-nichts-Sperre zu wirken“.
  • Die volle späte Selektion hat ein anderes Problem. Etwa zwei von drei Personen überhören ihren Namen, und unerwartete Wörter kommen fast nie durch. In einem zweiten Aufsatz von 1995 machten Wood und Cowan diesen Punkt. Ihre Ergebnisse widersprechen Modellen, nach denen Zuhörende aufgabenfremde Information umfassend verarbeiten, ohne dafür Ressourcen vom Nachsprechen abzuziehen.

Dieser zweite Aufsatz griff auch Cherrys rückwärts abgespielte Sprache wieder auf. Nur Personen, deren Aufmerksamkeit während der Rückwärtssprache zum ignorierten Ohr wanderte, erinnerten sich später daran. Das könnte erklären, warum nur einige von Cherrys Versuchspersonen „etwas Seltsames“ bemerkten.

Ein Überblicksartikel von Adelbert Bronkhorst aus dem Jahr 2015 nimmt eine mittlere Position ein. Auch Wörter und Bedeutungen können ohne Aufmerksamkeit verarbeitet werden. Wie tief diese Verarbeitung geht, hängt davon ab, wie wichtig ein Laut für die Aufgabe ist. Die Debatte ist nicht abgeschlossen. Eine sichere Zusammenfassung für Prüfungen lautet: Der Effekt des eigenen Namens zeigt, dass ignorierte Sprache zum Teil nach ihrer Bedeutung verarbeitet wird. Die niedrige Trefferquote zeigt, dass diese Verarbeitung begrenzt ist.

Was hilft, einer Stimme zu folgen

Cherrys erster Test nahm fast alle Hinweise weg, außer dem Zusammenhang der Wörter. Die Aufgabe wurde dadurch langsam und schwer. Laut einem Überblick von Shinn-Cunningham und Best (2008) helfen Hinweise wie Ort, Tonhöhe und Klangfarbe normal hörenden Menschen, eine Schallquelle aus einer Mischung auszuwählen. Bronkhorst nennt zwei frühe Schritte. Beim Hören mit beiden Ohren wird ein Teil der Überdeckung durch andere Laute wieder aufgehoben. Außerdem gruppiert das Gehör Laute nach einfachen Merkmalen wie ihrem Ort und der Grundfrequenz der Stimme.

Die deutsche Wikipedia nennt den Cocktailparty-Effekt einen binauralen Effekt, der „nur bei beidohrigem Hören“ auftrete. Das ist zu stark. In Cherrys erstem Test kamen beide Nachrichten vom selben Band und von derselben Stimme, und beide Ohren hörten dieselbe Mischung. Einen Unterschied zwischen den Ohren gab es also nicht. Die Versuchspersonen trennten die Nachrichten trotzdem fast vollständig, wenn auch mühsam und mit vielen Wiederholungen des Bandes. Zwei Ohren helfen, sie sind aber nicht der einzige Hinweis.

Neuere Forschung prüft diese Hinweise mit Computermodellen. 2026 veröffentlichten Ian Griffith, R. Preston Hess und Josh McDermott vom MIT ein Modell des selektiven Hörens in der Fachzeitschrift Nature Human Behaviour. Der Bericht des MIT über die Studie beschreibt, wie es arbeitet. Das Modell verstärkt die Aktivität von Einheiten, die auf Merkmale einer Zielstimme reagieren, etwa auf ihre Tonhöhe. Eine kurze Hörprobe der Zielstimme legt fest, welche Merkmale es verstärkt.

Das Modell machte ähnliche Fehler wie Menschen. Es scheiterte manchmal an einer von zwei Männerstimmen oder einer von zwei Frauenstimmen, weil solche Stimmen oft eine ähnliche Tonhöhe haben. Es fand die Zielstimme viel besser, wenn die Stimmen waagerecht voneinander getrennt waren, als wenn sie senkrecht getrennt waren. Ein ähnliches Experiment mit Menschen zeigte dasselbe Ergebnis. Cherry beobachtete 1953 etwas Verwandtes: Wer in einem vollen, lauten Raum einer Person folgen will, dreht ihr „instinktiv ein Ohr zu“.

Der Cocktailparty-Effekt und verwandte Begriffe

In Prüfungen geht es oft darum, wie der Cocktailparty-Effekt mit selektiver Aufmerksamkeit oder einem ähnlichen Begriff zusammenhängt. Die Tabelle stellt die Begriffe nebeneinander.

Der Cocktailparty-Effekt und Begriffe, die oft mit ihm verwechselt werden.
BegriffWas er bedeutetBezug zum Cocktailparty-Effekt
Selektive AufmerksamkeitAuswahl der wichtigen Informationen und Abwahl der anderenDie allgemeine Fähigkeit. Der Cocktailparty-Effekt ist ein Beispiel beim Hören
Dichotisches HörenJedes Ohr bekommt gleichzeitig eine andere NachrichtDie Methode von Cherry und Moray
ShadowingEine Nachricht Wort für Wort laut nachsprechen, während man sie hörtDie Aufgabe, die die Aufmerksamkeit auf einem Ohr hält
FiltertheorieNicht beachtete Reize werden gefiltert, bevor ihre Bedeutung erkannt wirdBroadbents Erklärung, die den Effekt des eigenen Namens nicht erklären kann
AttenuationstheorieNicht beachtete Reize werden abgeschwächt, und wichtige Wörter haben eine niedrige SchwelleTreismans Erklärung, warum der eigene Name durchkommen kann
UnaufmerksamkeitstaubheitEin auffälliges Geräusch wird nicht wahrgenommen, weil die Aufmerksamkeit woanders istDie Forschung dazu ging laut Dorsch aus dem dichotischen Hören hervor. Sie untersucht, was unbemerkt bleibt, der Cocktailparty-Effekt dagegen, was trotzdem durchdringt
UnaufmerksamkeitsblindheitEin unerwarteter, aber sichtbarer Reiz bleibt unbemerkt, weil die Aufmerksamkeit woanders istDas Gegenstück beim Sehen. Der Dorsch nennt die Unaufmerksamkeitstaubheit ihr akustisches Pendant

Die Definitionen stammen aus den oben verlinkten Einträgen im Dorsch und im APA Dictionary, dazu aus den Einträgen Unaufmerksamkeitstaubheit im Dorsch und inattentional blindness im APA Dictionary.

Die Begriffe auseinanderhalten

Verbinde jeden Begriff mit einer Studie und einer Zahl:

  • Cherry, 1953: das Cocktailparty-Problem. Der Wechsel ins Deutsche blieb unbemerkt.
  • Moray, 1959: der Name, der durchkommt, bei 4 von 12 Personen pro Anweisung mit Namen.
  • Conway, Cowan und Bunting, 2001: Arbeitsgedächtnis, 65 gegenüber 20 Prozent.
  • Röer und Cowan, 2021: die Wiederholung auf Deutsch, 29 Prozent.
  • Broadbent, Treisman, Deutsch und Deutsch: frühe Selektion, Abschwächung, späte Selektion.

Prüf dich dann selbst. Deck Namen und Zahlen ab und ruf sie über den Begriff ab. Warum Abfragen mehr bringt als erneutes Lesen, erklärt unser Artikel psychologische Fachbegriffe lernen. Lern dabei auch die englischen Begriffe mit: cocktail party effect, dichotic listening, shadowing, filter theory und attenuation theory. So heißen sie in der englischen Fachliteratur.

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Häufige Fragen

Was ist ein Beispiel für den Cocktailparty-Effekt?

Du unterhältst dich auf einer vollen Party mit einer Freundin und folgst nur ihrer Stimme, während die anderen Gespräche zu Rauschen werden. Dann sagt jemand am anderen Ende des Raums deinen Namen, und du drehst dich um. Der erste Teil ist selektives Hören, der zweite der Effekt des eigenen Namens. In Studien, in denen Personen eine andere Stimme nachsprechen, bemerkt aber nur etwa ein Drittel den eigenen Namen.

Warum heißt es Cocktailparty-Effekt?

Colin Cherry nannte die Aufgabe, einer Person zu folgen, während andere sprechen, 1953 das „Cocktailparty-Problem“. Eine Cocktailparty ist ein bekanntes Beispiel für viele Stimmen gleichzeitig. Neville Moray nutzte 1959 dasselbe Beispiel für die Annahme, dass Menschen im Lärm auf ihren Namen reagieren. Spätere Forschende wie Wood und Cowan sprachen vom „cocktail party phenomenon“, und der Dorsch führt den Begriff als Cocktailparty-Phänomen.

Ist der Cocktailparty-Effekt dasselbe wie selektives Hören?

Fast. Die deutsche Wikipedia nennt selektives Hören als zweiten Namen für den Effekt. Im engeren Sinn meint selektives Hören aber den ersten Teil: einer Stimme folgen und die anderen ausblenden. Der Cocktailparty-Effekt umfasst oft auch den zweiten Teil, den eigenen Namen, der aus einer ignorierten Stimme durchdringt. Beides sind Formen der selektiven Aufmerksamkeit beim Hören.

Funktioniert der Cocktailparty-Effekt auch bei anderen Wörtern als dem eigenen Namen?

Die Belege aus kontrollierten Studien sind für den eigenen Namen am stärksten. In Morays Studie kamen Zahlen nicht häufiger durch, wenn die Personen sich Zahlen merken sollten. In der Studie von Röer und Cowan kamen unpassende Wörter am Satzende fast nie durch. Moray nannte als bekanntes Beispiel auch Mütter, die ihr Kind weinen hören, prüfte das aber nicht.

Warum fällt Zuhören im Lärm mit Hörverlust schwerer?

Laut einem Überblick von Barbara Shinn-Cunningham und Virginia Best klagen Menschen mit Hörverlust häufig, dass sie sich in geselligen Runden schwer verständigen können. Um einer Stimme zu folgen, muss das Gehirn die Mischung zuerst in einzelne Schallquellen zerlegen. Ein Hörverlust schwächt wahrscheinlich Hinweise wie Ort, Tonhöhe und Klangfarbe und macht es langsamer, die Aufmerksamkeit umzulenken. Wenn du in lauter Umgebung oft keiner Stimme mehr folgen kannst, lass dein Gehör in einer HNO-Praxis testen.

Quellen

  1. 1.Dorsch – Lexikon der Psychologie. Cocktailparty-Phänomen.
  2. 2.Dorsch – Lexikon der Psychologie. Aufmerksamkeit, selektive.
  3. 3.Dorsch – Lexikon der Psychologie. Shadowing.
  4. 4.Dorsch – Lexikon der Psychologie. Unaufmerksamkeitstaubheit.
  5. 5.Spektrum Akademischer Verlag (2000). Cocktail-Party-Effekt. Lexikon der Neurowissenschaft.
  6. 6.Wikipedia. Cocktailparty-Effekt.
  7. 7.American Psychological Association (2018). Cocktail-party effect. APA Dictionary of Psychology.
  8. 8.American Psychological Association (2018). Dichotic listening. APA Dictionary of Psychology.
  9. 9.American Psychological Association (2018). Filter theory. APA Dictionary of Psychology.
  10. 10.American Psychological Association (2018). Attenuation theory. APA Dictionary of Psychology.
  11. 11.American Psychological Association (2018). Late-selection theory. APA Dictionary of Psychology.
  12. 12.American Psychological Association (2018). Inattentional blindness. APA Dictionary of Psychology.
  13. 13.Cherry, E. C. (1953). Some experiments on the recognition of speech, with one and with two ears. Journal of the Acoustical Society of America, 25(5), 975–979.
  14. 14.Moray, N. (1959). Attention in dichotic listening: Affective cues and the influence of instructions. Quarterly Journal of Experimental Psychology, 11(1), 56–60.
  15. 15.Treisman, A. M. (1960). Contextual cues in selective listening. Quarterly Journal of Experimental Psychology, 12(4), 242–248.
  16. 16.Wood, N. L., & Cowan, N. (1995). The cocktail party phenomenon revisited: Attention and memory in the classic selective listening procedure of Cherry (1953). Journal of Experimental Psychology: General, 124(3), 243–262.
  17. 17.Wood, N., & Cowan, N. (1995). The cocktail party phenomenon revisited: How frequent are attention shifts to one's name in an irrelevant auditory channel? Journal of Experimental Psychology: Learning, Memory, and Cognition, 21(1), 255–260.
  18. 18.Conway, A. R. A., Cowan, N., & Bunting, M. F. (2001). The cocktail party phenomenon revisited: The importance of working memory capacity. Psychonomic Bulletin & Review, 8(2), 331–335.
  19. 19.Röer, J. P., & Cowan, N. (2021). A preregistered replication and extension of the cocktail party phenomenon: One's name captures attention, unexpected words do not. Journal of Experimental Psychology: Learning, Memory, and Cognition, 47(2), 234–242.
  20. 20.Bronkhorst, A. W. (2015). The cocktail-party problem revisited: Early processing and selection of multi-talker speech. Attention, Perception, & Psychophysics, 77(5), 1465–1487.
  21. 21.Shinn-Cunningham, B. G., & Best, V. (2008). Selective attention in normal and impaired hearing. Trends in Amplification, 12(4), 283–299.
  22. 22.Trafton, A. (2026). How the brain handles the "cocktail party problem". McGovern Institute for Brain Research at MIT.

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