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Der Stroop-Effekt: was Stroop 1935 wirklich getestet hat

Warum das Benennen der Druckfarbe schwerfällt, wenn das Wort etwas anderes sagt: Stroops Experimente von 1935 und der klinische Test.

Kognition8 Min. Lesezeit
Von Psychology World

Beim Stroop-Effekt dauert es länger und geht häufiger schief, wenn die Schriftfarbe eines Wortes nicht zu dem passt, was das Wort bedeutet. Das Wort GRÜN in roter Schrift soll mit „rot“ benannt werden — genau das fällt schwerer als bei einem Reiz, der keinen Widerspruch enthält. Der Stroop-Effekt ist damit die Verzögerung in der Reaktionszeit zwischen neutralen und widersprüchlichen Reizen, und er gehört zu den robustesten Befunden der kognitiven Psychologie.

Benannt ist der Effekt nach John Ridley Stroop, der ihn 1935 als Erster auf Englisch beschrieb. Zum ersten Mal veröffentlicht wurde er aber schon 1929 in Deutschland, und die Experimente, die heute als klassischer Nachweis gelten, hatten nichts mit einem Computer zu tun: Stroop arbeitete mit gedruckten Karten. Dieser Beitrag zeigt, was er in seinen drei Experimenten wirklich getestet hat, wie die Korrektur um Jaensch aussieht, welche Erklärungen heute konkurrieren und was der Stroop-Test in Forschung und Klinik leistet.

Was der Stroop-Effekt ist

Der Stroop-Effekt ist die Verzögerung in der Reaktionszeit zwischen neutralen und inkongruenten Reizen. Inkongruent heißt: Der Reiz widerspricht sich selbst. Im klassischen Fall ist das ein Farbwort, das in einer anderen Farbe gedruckt ist. Das Benennen der Schriftfarbe wird dadurch langsamer und fehleranfälliger — obwohl beide Informationen klar sichtbar sind.

Die Forschung unterscheidet drei Arten von Reizen:

  • Kongruent: Wort und Schriftfarbe stimmen überein, etwa das Wort BLAU in blauer Schrift.
  • Inkongruent: Wort und Schriftfarbe widersprechen sich, etwa das Wort BLAU in roter Schrift.
  • Neutral: Der Reiz trägt nur eine Information, etwa ein blaues Farbfeld oder ein Wort ohne Farbbedeutung, das in Blau gedruckt ist.
Die drei Reizarten und ihre typische Wirkung auf die Reaktionszeit.
ReizartBeispielAufgabeReaktionszeit
kongruentBLAU in BlauSchriftfarbe benennenschneller als beim neutralen Reiz
inkongruentBLAU in RotSchriftfarbe benennenlangsamer und fehleranfälliger als beim neutralen Reiz
neutralblaues FarbfeldFarbe benennenVergleichsbasis

Gemessen wird kein absoluter Wert, sondern die Differenz: Der Interferenzwert ist der Zeitunterschied zwischen den Bedingungen. Aus den Experimenten sind drei Befunde wiederholt hervorgegangen:

  • Semantische Interferenz: Inkongruente Reize werden langsamer benannt als neutrale.
  • Semantische Fazilitation: Kongruente Reize werden schneller benannt als neutrale.
  • Asynchronie: Beide Effekte verschwinden, sobald die Aufgabe nicht Farbbenennen, sondern Lesen ist.

Dass die Verzögerung beim Lesen verschwindet, ist ein wichtiger Hinweis: Das Problem ist offenbar nicht die Farbe selbst, sondern der Konflikt mit dem Wort, das automatisch gelesen wird. Verwandte Phänomene beim Wahrnehmen von Menschen — Halo-Effekt, Primacy-Effekt, Pygmalion-Effekt — sammelt der Beitrag über Wahrnehmungsfehler.

Was Stroop 1935 wirklich getestet hat

Die Arbeit erschien 1935 im Journal of Experimental Psychology unter dem Titel Studies of interference in serial verbal reactions und enthält drei Experimente. Alle arbeiteten mit gedruckten Karten: Die Teilnehmenden lasen oder benannten Farbreihen von einer Vorlage, ein Computer kam nicht vor. Stroop verwendete drei Arten von Reizen — Farbnamen in schwarzer Schrift, Farbnamen in einer abweichenden Schriftfarbe und Farbfelder.

Experiment 1, Lesen: Die Teilnehmenden sollten die geschriebenen Farbnamen vorlesen, unabhängig von der Schriftfarbe. Eine Verzögerung entstand dabei nicht, auch dann nicht, wenn die Schriftfarbe dem Wort widersprach.

Experiment 2, Farben benennen: Jetzt sollten die Teilnehmenden die Schriftfarbe der Wörter nennen — also die Information des Wortes unterdrücken — und zusätzlich die Farbe von Farbfeldern benennen. Hier trat die Verzögerung auf: Die widersprüchlichen Farbwörter wurden deutlich langsamer benannt als die Farbfelder.

Experiment 3, Üben: Stroop testete seine Teilnehmenden zu verschiedenen Zeitpunkten des Übens mit den Aufgaben und Reizen der ersten beiden Experimente und untersuchte die Lerneffekte.

Stroop dokumentierte nur wenige Grundwerte; die abgeleiteten Punktesysteme, mit denen heutige Testversionen arbeiten, stammen aus späterer Zeit. Auch das Verfahren selbst ist heute ein anderes: Moderne Stroop-Aufgaben zeigen die Reize einzeln und in zufälliger Reihenfolge auf einem Bildschirm und unterscheiden die drei Bedingungen kongruent, inkongruent und neutral.

Erstmals veröffentlicht wurde er nicht von Stroop

Wer heute vom Stroop-Effekt spricht, meint die Arbeit, die seinen Namen trägt. Der Befund selbst wurde aber erstmals 1929 in Deutschland veröffentlicht: Der Psychologe Erich Rudolf Jaensch beschrieb in seinem Buch Grundformen menschlichen Seins denselben Widerstreit zwischen Lesen und Farbbenennen. Die Vorgeschichte reicht noch weiter zurück — ihre Wurzeln lassen sich bis zu Arbeiten von James McKeen Cattell und Wilhelm Wundt im 19. Jahrhundert verfolgen.

Stroop veröffentlichte also die erste englischsprachige Arbeit zum Effekt, nicht die erste überhaupt. Dass der Effekt trotzdem seinen Namen trägt, liegt daran, dass Stroops Arbeit im englischsprachigen Raum zum klassischen Nachweis wurde und heute zu den meistzitierten Arbeiten der experimentellen Psychologie zählt. Die vorsichtige Formulierung lautet deshalb: Erstmals auf Englisch beschrieben hat den Effekt John Ridley Stroop 1935.

Warum der Effekt auftritt: drei Erklärungen und ein Netzwerkmodell

Der Psychologe Colin MacLeod hat den Forschungsstand 1991 in einer viel beachteten Übersichtsarbeit zusammengefasst. Die dort diskutierten Erklärungen gehören zur Familie der Race-Modelle: Sie nehmen an, dass relevante und irrelevante Information parallel verarbeitet werden und darum wetteifern, zuerst die zentrale Entscheidungsinstanz zu erreichen. Drei Ansätze stehen dabei nebeneinander:

  • Verarbeitungsgeschwindigkeit: Wörter werden schneller verarbeitet als Farben. Beim Farbbenennen erreicht die Wortinformation die Entscheidung früher als die Farbinformation und stiftet Verwirrung. Beim Lesen entsteht deshalb kein Konflikt, weil die Farbinformation ohnehin nachrangig ist.
  • Selektive Aufmerksamkeit: Eine Farbe zu benennen verlangt mehr Aufmerksamkeit als ein Wort zu lesen. Die Aufmerksamkeit muss auf die Aufgabe gelenkt und der ablenkende Wortreiz gehemmt werden.
  • Automatizität: Lesen läuft automatisch und gewohnheitsmäßig ab, Farbbenennen nicht. Der automatisch erfasste Wortinhalt muss unterdrückt werden, und das bindet Ressourcen, die für die Farbbenennung fehlen.
Die drei Erklärungen im Überblick.
ErklärungKernaussage
VerarbeitungsgeschwindigkeitWörter werden früher verarbeitet als Farben; die Wortinformation kommt der Farbinformation zuvor.
Selektive AufmerksamkeitFarbbenennen braucht mehr Aufmerksamkeit als Lesen; der Störreiz muss gehemmt werden.
AutomatizitätLesen ist ein automatisierter Prozess, der sich kaum unterdrücken lässt.

Dazu kommt ein Modell, das nicht auf einen Wettlauf setzt, sondern auf die Stärke von Verarbeitungswegen: Cohen und Kollegen (1990) beschreiben den Effekt in ihrem Parallel-Distributed-Processing-Modell damit, dass sich für das Lesen stärkere Verarbeitungswege ausgebildet haben als für das Farbbenennen. Werden beide Wege gleichzeitig aktiviert, stört der stärkere den schwächeren.

Die Erklärungen schließen sich nicht vollständig aus, und keine von ihnen gilt als endgültig bewiesen. Der Stroop-Effekt selbst ist ein sehr robuster Befund; warum genau er auftritt, ist weiterhin Gegenstand der Forschung. Einen verwandten Überblick über Denk- und Urteilsphänomene gibt der Beitrag über kognitive Verzerrungen.

Der Stroop-Test in Forschung und Klinik

Aus dem Experiment wurde ein Test: Der Stroop Color and Word Test (SCWT) ist ein neuropsychologisches Verfahren, das die Fähigkeit misst, kognitive Interferenz zu hemmen. Er dient als Maß für selektive Aufmerksamkeit, kognitive Flexibilität und Verarbeitungsgeschwindigkeit und wird als Baustein der Untersuchung exekutiver Funktionen eingesetzt.

Die Bildgebung mit fMRT und PET zeigt eine Beteiligung des anterioren cingulären Kortex (ACC) und des dorsolateralen präfrontalen Kortex (DLPFC). Dem ACC werden eher die Auswahl einer passenden Antwort und die Verteilung von Aufmerksamkeitsressourcen zugeschrieben, dem DLPFC die Unterstützung exekutiver Funktionen. Ein verstärkter Interferenzeffekt wird unter anderem bei Hirnschädigungen, Demenzen, ADHS, Schizophrenie, Sucht und Depression berichtet, und die Versionen des Tests unterscheiden sich in Aufbau und Auswertung erheblich — laut der Übersichtsarbeit von 2017 erfasst keine der üblichen Auswertungen den Stroop-Effekt vollständig.

Ein einzelner Testwert ist jedoch keine Diagnose: Der Stroop-Test ist ein Baustein einer neuropsychologischen Untersuchung, und seine Ergebnisse werden zusammen mit anderen Befunden bewertet. Wer bei sich über längere Zeit Konzentrations- oder Aufmerksamkeitsprobleme bemerkt, die den Alltag beeinträchtigen, sollte das ärztlich oder psychotherapeutisch abklären lassen.

Begriffe, die oft durcheinandergehen

  • Stroop-Effekt und Stroop-Test: Der Effekt ist das Phänomen, der Test ist das Instrument, mit dem es gemessen wird.
  • Kongruent, inkongruent und neutral: Kongruent heißt übereinstimmend, inkongruent widersprüchlich; neutral ist ein Reiz ohne Störinformation und dient als Vergleichsbasis.
  • Interferenz, Fazilitation und Asynchronie: Interferenz ist die Verzögerung durch den Widerspruch, Fazilitation die Beschleunigung durch Übereinstimmung; Asynchronie bezeichnet das Verschwinden beider Effekte beim Lesen.
  • Farbbenennung und Wortlesen: Dieselben Karten ergeben zwei Aufgaben. Der Konflikt entsteht nur beim Farbbenennen; beim Lesen verschwindet er. Deshalb gilt der Effekt als Fenster in die Automatik des Lesens.

Begriffe nachschlagen und üben

Wer den Stroop-Effekt, selektive Aufmerksamkeit und Automatizität in eigenen Listen sammeln und in Übungsmodi wiederholen möchte, kann das in Psychology World tun. Wie man psychologische Fachbegriffe so lernt, dass sie hängen bleiben, steht im Beitrag über psychologische Fachbegriffe lernen.

Häufige Fragen

Was zeigt der Stroop-Effekt?

Dass Wörter automatisch gelesen werden und sich kaum ignorieren lassen. Sobald die Aufgabe verlangt, die Schriftfarbe zu benennen, konkurriert die Wortbedeutung mit der Farbe; sichtbar wird das als Verzögerung und höhere Fehlerrate bei inkongruenten Reizen. Genau deshalb gilt der Effekt als gut messbares Beispiel für selektive Aufmerksamkeit und kognitive Kontrolle.

Warum fällt es so schwer, die Farbe eines Farbworts zu benennen?

Weil das Lesen automatisch abläuft und die Bedeutung des Wortes mitliefert. Diese Bedeutung muss gehemmt werden, während die Farbe benannt wird, und das kostet Zeit. Wie genau der Konflikt entsteht, erklären mehrere Modelle nebeneinander: Verarbeitungsgeschwindigkeit, selektive Aufmerksamkeit und Automatizität.

Hat John Ridley Stroop den Effekt entdeckt?

Nicht als Erster. Erstmals veröffentlicht wurde der Effekt 1929 in Deutschland von Erich Rudolf Jaensch, und seine Wurzeln reichen bis zu Arbeiten von Cattell und Wundt im 19. Jahrhundert zurück. Stroop veröffentlichte 1935 die erste englischsprachige Arbeit mit drei Experimenten; sie wurde zum klassischen Nachweis und gab dem Effekt seinen Namen.

Was misst der Stroop-Test in der Klinik?

Der Stroop Color and Word Test misst, wie gut jemand eine automatische Reaktion hemmen kann. Er dient als Maß für selektive Aufmerksamkeit, kognitive Flexibilität und Verarbeitungsgeschwindigkeit und gehört als Baustein zur neuropsychologischen Untersuchung exekutiver Funktionen. Ein verstärkter Interferenzeffekt wird bei verschiedenen neurologischen und psychischen Erkrankungen berichtet; ein einzelner Wert ersetzt aber keine Untersuchung und keine Diagnose.

Gibt es Varianten des Stroop-Tests?

Ja, mehrere. Beim emotionalen Stroop-Test werden unter neutrale Wörter emotional aufgeladene Wörter gemischt, die ebenfalls nach ihrer Farbe benannt werden sollen. Es gibt räumliche und numerische Varianten, und bei der umgekehrten Version wird auf das Wort statt auf die Farbe reagiert. Auch die Zweisprachigkeitsforschung arbeitet mit Stroop-Aufgaben.

Quellen

  1. 1.Cohen, J. D., Dunbar, K., & McClelland, J. L. (1990). On the control of automatic processes: A parallel distributed processing account of the Stroop effect. Psychological Review, 97(3), 332–361.
  2. 2.MacLeod, C. M. (1991). Half a century of research on the Stroop effect: An integrative review. Psychological Bulletin, 109(2), 163–203.
  3. 3.Scarpina, F., & Tagini, S. (2017). The Stroop Color and Word Test. Frontiers in Psychology, 8, 557.
  4. 4.Stroop, J. R. (1935). Studies of interference in serial verbal reactions. Journal of Experimental Psychology, 18(6), 643–662.
  5. 5.Stroop effect. Wikipedia, englischsprachige Fassung, abgerufen am 20. September 2026.

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