Der Zuschauereffekt (englisch bystander effect) ist ein Befund der Sozialpsychologie: Je mehr Menschen einen Notfall miterleben, desto unwahrscheinlicher ist es, dass ein Einzelner hilft, und desto später tut er es. Der Grund ist selten Gleichgültigkeit. Die Verantwortung verteilt sich auf alle Anwesenden, und jeder liest die Ruhe der anderen als Zeichen, dass nichts Ernstes passiert.
Der Effekt ist gut belegt, aber zwei Teile der bekannten Geschichte stimmen nicht. Die „38 Zeugen“ des Mordes an Kitty Genovese gab es nicht so, wie die Zeitung sie beschrieb. Und in echten Konflikten im öffentlichen Raum, die Überwachungskameras aufnahmen und die von lebhaften Wortwechseln bis zu schwerer Gewalt reichten, griff in neun von zehn Fällen mindestens eine Person ein.
Dieser Artikel stützt sich auf die Originalarbeiten: die Anfallsstudie von 1968, den Übersichtsartikel, in dem Latané und Darley 1969 ihre Studien selbst zusammenfassen, die Archivanalyse von Manning und Kollegen und die Videostudie von Philpot und Kollegen. Bei der Metaanalyse von Fischer und Kollegen beruht er auf deren Zusammenfassung. Englische Zitate sind in eigener Übersetzung wiedergegeben.
- Darley und Latané (1968): 85 Prozent derer, die glaubten, allein von einem Anfall zu wissen, meldeten ihn rechtzeitig. Waren vier weitere Zuhörer im Spiel, taten es 31 Prozent.
- Latané und Darley (1968): Im Raum voller Rauch meldeten 75 Prozent der Einzelnen den Rauch. Von denen, die mit zwei teilnahmslosen Mitspielern warteten, meldete ihn 1 von 10.
- Latané und Darleys Modell zeigt fünf Stellen, an denen Helfen scheitern kann: bemerken, deuten, Verantwortung übernehmen, die Hilfe wählen, handeln.
- Drei Prozesse erklären den Effekt: Verantwortungsdiffusion, Bewertungsangst und pluralistische Ignoranz.
- Eine Metaanalyse von 2011 fand insgesamt g = −0,35, aber einen schwächeren Effekt bei klarer Gefahr. Eine Kamerastudie von 2020 fand in 90,9 Prozent der Konflikte mindestens einen Helfer.
Was ist der Zuschauereffekt?
In der Sozialpsychologie bezeichnet der Zuschauereffekt den Befund, dass Menschen in Gegenwart anderer seltener helfen als allein. Je mehr Personen anwesend sind, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein bestimmter Zuschauer eingreift, und desto länger dauert es.
Der Befund betrifft den Einzelnen, nicht die Gruppe als Ganzes. Diese Unterscheidung klärt die meisten Missverständnisse.
Der ältere Name Bystander-Apathie ist irreführend. Latané und Darley setzten das Wort „Apathie“ schon 1969 im Titel ihres Übersichtsartikels in Anführungszeichen. Die Zuschauer in ihren Experimenten waren nicht gleichgültig.
Kitty Genovese: die Geschichte und was die Archive zeigen
Die Forschung begann mit einem Mord. In den frühen Morgenstunden des 13. März 1964 wurde Kitty Genovese im Stadtteil Kew Gardens in Queens, New York, angegriffen und getötet. Am 27. März berichtete die New York Times auf Seite 1 unter der Überschrift „37 Who Saw Murder Didn't Call the Police“. Das heißt sinngemäß: 37 Zeugen sahen den Mord und riefen nicht die Polizei. Im Text des Artikels standen 38 Zeugen. Die Geschichte wurde zum Sinnbild städtischer Gleichgültigkeit. In allen zehn englischsprachigen Einführungslehrbüchern, die Manning und Kollegen prüften, kam sie vor.
2007 werteten Rachel Manning, Mark Levine und Alan Collins Gerichtsprotokolle und weitere Unterlagen zum Prozess gegen den Täter aus, dazu Recherchen des Juristen und Lokalhistorikers Joseph De May Jr. Ihr Ergebnis im American Psychologist: Es gibt keinen Beleg für 38 Zeugen, keinen Beleg dafür, dass Zeugen den Mord sahen, und keinen Beleg dafür, dass sie untätig blieben. Im Einzelnen:
- Zahl: Im Prozess sagten fünf Zeugen aus den Wohnungen an der Austin Street aus, drei davon hatten Genovese und den Täter zusammen gesehen. Der damalige Staatsanwalt Charles Skoller sagte nach Manning und Kollegen: „Wir haben nur etwa ein halbes Dutzend gefunden, die gesehen haben, was vor sich ging, und die wir verwenden konnten.“ Eine Liste der 38 Zeugen wurde nie veröffentlicht.
- Sicht: Kein Zeuge im Prozess gab an, den Messerangriff gesehen zu haben. Der zweite, tödliche Angriff geschah in einem Treppenhaus, das keiner von ihnen einsehen konnte. Nach De Mays Analyse gab es zwei Angriffe, nicht drei, wie die Zeitung schrieb.
- Eingreifen: Ein Zeuge gab an, den Täter angeschrien und nach dem ersten Angriff vertrieben zu haben, und ein zweiter bestätigte das. Spätere Aussagen nennen mindestens zwei Anrufe bei der Polizei.
Die Korrektur hat Grenzen. Der Angriff und der Mord waren real. Dass es keinen Beleg für 38 Zeugen gibt, zeigt außerdem nicht, dass nur wenige Menschen die Schreie hörten: Skoller sagte nach Manning und Kollegen auch, er glaube, viele Menschen hätten die Schreie gehört, „es könnten mehr als 38 gewesen sein“. Die Aussagen über Anrufe stammen aus der Rückschau. Die Autoren halten sie für Hinweise, nicht für Beweise. Außerdem entwerten sie mit ihrer Kritik die Laborforschung nicht: Die Geschichte löste die Experimente aus, aber die Befunde beruhen nicht auf dem Zeitungsbericht.
Zwei Experimente, die den Effekt belegten
John Darley und Bibb Latané hielten die Erklärung, den New Yorkern sei alles egal geworden, für zu kurz. Sie vermuteten, dass schon die Zahl der Zuschauer eine Rolle spielt, und prüften das im Labor.
Die Anfallsstudie (1968)
Darley und Latané testeten 72 Studierende der New York University, 59 Frauen und 13 Männer. Jede Person saß allein in einem Raum und hörte über eine Gegensprechanlage mit, wie Studierende über persönliche Probleme im Großstadtstudium sprachen. Die Versuchsperson glaubte, die Gruppe bestehe aus zwei, drei oder sechs Personen. Tatsächlich waren alle Stimmen außer ihrer eigenen Tonbandaufnahmen.
Die erste Stimme gehörte dem späteren Opfer. Er erzählte zögernd, er neige zu Anfällen, besonders beim intensiven Lernen und in Prüfungen. Später steigerte er sich in einen scheinbaren Anfall, bat um Hilfe und verstummte. Es war immer nur ein Mikrofon eingeschaltet. Die Versuchsperson konnte also nicht erfahren, was die anderen taten. Gemessen wurde, wie schnell sie den Raum verließ und den Anfall dem Versuchsleiter meldete, höchstens sechs Minuten lang.
| Gruppengröße, die die Versuchsperson annahm | Versuchspersonen | Meldung, bevor der Anfall endete | Zeit bis zur Meldung |
|---|---|---|---|
| 2 (Versuchsperson und Opfer) | 13 | 85 Prozent | 52 Sekunden |
| 3 (Versuchsperson, Opfer und 1 weitere Person) | 26 | 62 Prozent | 93 Sekunden |
| 6 (Versuchsperson, Opfer und 4 weitere Personen) | 13 | 31 Prozent | 166 Sekunden |
Die Tabelle zeigt die drei Hauptbedingungen, in denen Frauen getestet wurden. Die Gruppen waren klein, der Unterschied in der Meldegeschwindigkeit war nach den Autoren aber statistisch deutlich (p < 0,01). Alle Versuchspersonen der Zweiergruppe meldeten den Anfall am Ende. In der Sechsergruppe taten das nur 62 Prozent. Wer drei Minuten nach dem Anfall noch nichts gemeldet hatte, meldete auch später nichts mehr.
Die Nichtmelder waren nicht gelassen. Als der Versuchsleiter ihren Raum betrat, fragten sie oft, ob es dem Opfer gut gehe. Viele hatten zitternde Hände und feuchte Handflächen. Nach dem Eindruck von Darley und Latané hatten sie sich nicht gegen das Helfen entschieden. Sie steckten noch in einem Konflikt: Sie fürchteten Schuld und Scham, wenn sie nicht halfen, und wollten sich zugleich nicht lächerlich machen, indem sie überreagierten. Die Versuchspersonen in den größeren Gruppen sagten nachher, ihnen sei bewusst gewesen, dass andere zuhörten. Sie meinten aber, das habe ihr Verhalten nicht beeinflusst.
Die Autoren fragten auch, was das für das Opfer bedeutet. Sie rechneten aus ihren Daten hypothetische Gruppen mit einem, zwei oder fünf Beobachtern durch. In der ersten Minute des Anfalls war die Chance auf Hilfe bei fünf Beobachtern deutlich geringer als bei einem oder zweien. Nach der ersten Minute war die Wahrscheinlichkeit, dass mindestens eine Person half, in allen Bedingungen hoch.
Die Rauchstudie (1968)
Im zweiten Experiment fragten Latané und Darley: Was ändert sich, wenn die anderen im selben Raum sitzen und man ihr Verhalten sieht? Sie luden männliche Studenten der Columbia University zu einem Interview über „einige der Probleme des Lebens an einer Stadtuniversität“ ein. Die Studenten warteten in einem kleinen Raum und füllten einen Fragebogen aus. Nach zwei Seiten strömte Rauch durch einen Wandschacht in den Raum, bis die Sicht eingeschränkt war. Wer den Rauch sechs Minuten nach dem ersten Bemerken nicht gemeldet hatte, bei dem endete der Versuch.
Die Ergebnisse hingen davon ab, wer sonst im Raum war:
- Allein: 75 Prozent der 24 Personen meldeten den Rauch. Die mittlere Person tat es innerhalb von zwei Minuten, nachdem sie ihn bemerkt hatte.
- Mit zwei Mitspielern, die den Rauch bemerkten, aber teilnahmslos blieben: 1 von 10 Personen (10 Prozent) meldete ihn. Die anderen neun husteten, rieben sich die Augen und öffneten das Fenster, füllten aber weiter ihren Fragebogen aus.
- Mit zwei weiteren echten Versuchspersonen: In 3 von 8 Gruppen (38 Prozent) meldete überhaupt jemand den Rauch. Von den 24 Personen in diesen Gruppen meldete nur eine in den ersten vier Minuten.
Die Autoren rechneten vor, was zu erwarten gewesen wäre. Bei 75 Prozent Meldequote pro Person hätte in mehr als 98 Prozent der Dreiergruppen mindestens eine Person melden müssen (1 − 0,25³). Tatsächlich waren es 38 Prozent. Wer den Rauch nicht meldete, hatte ihn nicht für Feuer gehalten und nannte harmlose Erklärungen: Dampf, Klimaanlagendunst oder Smog, der die Großstadt simulieren sollte. Zwei Personen aus verschiedenen Gruppen vermuteten ein „Wahrheitsgas“, das zu ehrlichen Antworten bewegen sollte. Nach Latané und Darley prägte die Untätigkeit der anderen, wie die Versuchspersonen den Rauch deuteten. Fast alle sagten später, sie hätten auf die anderen kaum geachtet.
Die Zahlen folgen der Zusammenfassung der Autoren im American Scientist von 1969. Die ausführliche Fassung erschien im Journal of Personality and Social Psychology.
Das Fünf-Schritte-Modell: wo Helfen scheitert
Latané und Darley beschrieben 1969 das Helfen nicht als eine Entscheidung, sondern als eine Reihe von Entscheidungen. Nur eine bestimmte Folge von Entscheidungen führt zum Handeln. An jeder Stelle kann es enden.
| Schritt | Der Zuschauer muss | Woran es scheitern kann |
|---|---|---|
| 1. Bemerken | merken, dass etwas geschieht | Das Ereignis dringt nicht in die eigenen Gedanken vor |
| 2. Deuten | entscheiden, dass es ein Notfall ist | Die Lage ist mehrdeutig und die Ruhe der anderen lässt sie harmlos wirken |
| 3. Verantwortung übernehmen | entscheiden, dass er selbst handeln muss | Hilfe ist vielleicht schon unterwegs, oder jemand anderes ist besser geeignet |
| 4. Hilfe wählen | entscheiden, wie er helfen kann | Unklar, ob direktes Eingreifen oder Hilfe holen richtig ist, oder es fehlt die Fähigkeit |
| 5. Handeln | die gewählte Hilfe umsetzen | Praktische Fragen: Wo ist das nächste Telefon? Gibt es ein Krankenhaus in der Nähe? |
Die Autoren hielten ihr Modell selbst für zu rational. Niemand arbeitet die Schritte streng nacheinander ab. Man kann mehrere gleichzeitig erwägen, Entscheidungen ausprobieren und zwischen ihnen hin- und herspringen. Außerdem sind Gewinn und Kosten ungleich verteilt. Wer eingreift, kann stolz sein und als Held dastehen, riskiert aber, sich lächerlich zu machen, verklagt oder angegriffen zu werden. Wer geht, riskiert nach Latané und Darley vor allem seine Selbstachtung.
Deshalb wirkt nicht jedes Gegenmittel in jedem Fall. Wer das Ereignis nie bemerkt hat, braucht einen anderen Anstoß als jemand, der es bemerkt hat und glaubt, ein anderer habe schon die Polizei gerufen.
Warum Gruppen erstarren: drei Prozesse
Das Modell zeigt, wo Helfen scheitert. Drei Prozesse erklären, warum die Anwesenheit anderer das Scheitern wahrscheinlicher macht.
Verantwortungsdiffusion
Ist ein Zeuge allein, richtet sich der ganze Druck zu helfen auf ihn. Sind mehrere da, verteilt sich der Druck. Darley und Latané schrieben 1968, die Verantwortung sei dann unter allen Zuschauern geteilt und gehöre keinem allein (S. 378). Auch ein möglicher Vorwurf verteilt sich. Und jeder kann sich einreden: „Irgendjemand anders tut sicher schon etwas.“
In der Anfallsstudie stand dieser Prozess im Vordergrund. Die Versuchspersonen konnten nicht sehen oder hören, was die anderen taten. Die anderen veränderten nur, wie viele Personen helfen konnten. Ein verwandter Gedanke taucht in einem anderen Klassiker auf: Im Artikel über das Milgram-Experiment geht es darum, wie das Mitmachen leichter wird, wenn sich niemand voll verantwortlich fühlt.
Bewertungsangst
Bewertungsangst (englisch evaluation apprehension) ist die Sorge, vor Publikum schlecht dazustehen. Latané und Darley beschrieben es so: Jedes Gruppenmitglied beobachtet die anderen, weiß aber auch, dass sie ihn beobachten. Sie sind das Publikum für seine Reaktion. Nach den Autoren gilt es besonders unter amerikanischen Männern als erstrebenswert, in Stresslagen gelassen und beherrscht zu wirken. Wer so wirken will, zeigt wenig Gefühl, solange er nicht weiß, was zu tun ist. Dazu kommt der Wunsch, Spott und Peinlichkeit zu vermeiden, etwa bei einem Fehlalarm. Zusammen mit dem Blick auf die anderen wirkt das nach den Autoren stärker als jedes für sich.
Pluralistische Ignoranz
In einer mehrdeutigen Lage suchen Menschen bei anderen Hinweise, was gerade geschieht. Alle versuchen aber zugleich, ruhig zu wirken. So sieht jeder nur untätige Menschen und hält die Lage für weniger ernst, als er es allein täte. Latané und Darley verwendeten dafür den Begriff pluralistische Ignoranz. Die Rauchstudie zeigt den Prozess: Die teilnahmslosen Mitspieler ließen den Rauch harmlos wirken, und in den Dreiergruppen sah jeder nur andere, die nichts meldeten.
Sich am Verhalten anderer zu orientieren, lässt sich als Abkürzung im Denken beschreiben, die meistens funktioniert. Wie sich eine solche Heuristik von einer Verzerrung unterscheidet, erklärt der Artikel über kognitive Verzerrungen. Im Notfall kann die Abkürzung in die Irre führen.
Wann Zuschauer doch helfen
Die Laborbefunde werden oft zu „In Gruppen hilft niemand“ verkürzt. Spätere Forschung zeigt, wo diese Kurzfassung nicht trägt.
Bei klarer Gefahr schrumpft der Effekt
2011 fassten Peter Fischer und Kollegen die Bystander-Forschung der 1960er-Jahre bis 2010 zusammen. In ihrer Metaanalyse im Psychological Bulletin gingen 105 unabhängige Effektstärken aus Daten von mehr als 7.700 Personen ein. Insgesamt ergab sich ein Effekt von g = −0,35 (Modell mit festen Effekten): weniger Hilfe, wenn andere dabei sind. Nach den üblichen Faustregeln liegt das zwischen klein und mittel.
Der Effekt war schwächer, wenn die Lage als gefährlich wahrgenommen wurde, wenn ein Täter anwesend war und wenn Helfen körperliche Kosten hatte. In bestimmten gefährlichen Notfällen fanden die Autoren keinen negativen Effekt. Sie deuten das mit dem Arousal-Cost-Reward-Modell: Gefährliche Notfälle werden schneller und klarer als echte Notfälle erkannt, das steigert die Erregung und damit die Hilfe. Schwächer war der Effekt auch, wenn die anderen nur Männer waren, wenn sie echte Versuchspersonen statt passiver Mitspieler oder nur virtuell Anwesender waren und wenn sie einander nicht fremd waren. Die Autoren sehen darin Fälle, in denen andere körperliche Unterstützung bieten.
Auf Kamera ist Eingreifen die Regel
2020 werteten Richard Philpot und Kollegen 219 echte Konflikte aus, die Überwachungskameras in Amsterdam, Kapstadt und Lancaster aufgenommen hatten (63, 61 und 95 Aufnahmen). Die Konflikte reichten von lebhaften Wortwechseln bis zu schwerer körperlicher Gewalt. Als Eingreifen zählten zum Beispiel beschwichtigende Gesten, beruhigende Berührungen, das Trennen der Streitenden, Trost für das Opfer und praktische Hilfe für ein verletztes Opfer.
In 90,9 Prozent der Konflikte griff mindestens eine Person ein, im Durchschnitt 3,76 Personen pro Aufnahme. Die Anteile unterschieden sich zwischen den drei Ländern nicht nachweisbar, obwohl das wahrgenommene Sicherheitsgefühl dort sehr verschieden ist. Je mehr Menschen anwesend waren, desto eher griff mindestens eine Person ein: Jeder zusätzliche Anwesende erhöhte das Chancenverhältnis (Odds Ratio), dass jemand eingriff, um den Faktor 1,1. Die Aufnahmen stammen aus belebten Innenstadtbereichen, und es kamen nur Konflikte in die Auswahl, bei denen noch keine Polizei und kein Rettungsdienst anwesend war.
Das widerlegt die Laborbefunde nicht. Die Autoren betonen selbst, dass ihre Studie nicht prüft, ob Einzelne in Gruppen seltener helfen als allein. Sie fragen, ob irgendjemand hilft. Beides kann zugleich stimmen: Jeder Einzelne hält sich etwas stärker zurück, aber eine große Gruppe hat mehr Menschen, aus denen sich Helfer finden können.
Zuschauereffekt und verwandte Begriffe
Mehrere Begriffe liegen eng beieinander und werden in Prüfungen gern verwechselt.
| Begriff | Was er ist | Beispiel |
|---|---|---|
| Zuschauereffekt | Der Befund: Einzelne helfen in Gegenwart anderer seltener und später | In der Sechsergruppe meldeten weniger Personen den Anfall |
| Verantwortungsdiffusion | Eine Ursache: Jeder fühlt nur einen Teil der Verantwortung | „Irgendjemand anders tut sicher schon etwas“ |
| Pluralistische Ignoranz | Eine Ursache: Alle lesen die Ruhe der anderen als „kein Notfall“ | Die Versuchspersonen, die den Rauch für Dampf hielten |
| Bewertungsangst | Eine Ursache: Angst, vor Publikum schlecht dazustehen | Nicht eingreifen, weil es ein Fehlalarm sein könnte |
| Soziales Faulenzen | Ein anderer Befund: Menschen strengen sich bei einer gemeinsamen Aufgabe weniger an als allein | Weniger Kraft beim Klatschen und Schreien in der Gruppe |
Soziales Faulenzen betrifft die Anstrengung bei einer gemeinsamen Aufgabe, nicht das Helfen. In der Studie von Latané, Williams und Harkins (1979) klatschten und schrien Personen in Gruppen weniger kräftig als allein.
Wie man den Zuschauereffekt überwinden kann
Am besten belegt ist die Empfehlung, eine bestimmte Person direkt anzusprechen. Patrick Markey beobachtete 400 Chatgruppen mit zusammen rund 4.800 Personen im Yahoo! Chat. Je mehr Personen im Chat waren, desto länger dauerte es, bis jemand Hilfe bekam. Nannte die Person, die um Hilfe bat, aber den Namen eines bestimmten Teilnehmers, verschwand der Effekt praktisch. Die Hilfe kam dann im Mittel nach 36,38 Sekunden, ohne Namen nach 51,53 Sekunden.
Das ist eine einzelne Studie aus dem Jahr 2000, und sie beobachtete öffentliche Chats, keine Notfälle vor Ort. Für Notfälle vor Ort lässt sich dieselbe Empfehlung aus dem Fünf-Schritte-Modell ableiten, als Folgerung und nicht als Studienergebnis. Wer eine bestimmte Person anspricht und ihr eine bestimmte Aufgabe gibt („Sie im blauen Mantel, rufen Sie den Notruf!“), nimmt den Zweifel aus den Schritten 3 und 4, wer verantwortlich ist und was zu tun ist.
Auch für Zeugen folgt aus dem Modell etwas, wieder als Folgerung und nicht als Studienergebnis: Die Ruhe der anderen ist kein Beleg dafür, dass nichts passiert, denn die Umstehenden warten womöglich ebenfalls auf ein Zeichen. Eine kurze Frage an die betroffene Person oder ein Satz an die Gruppe darüber, was man sieht, kann die Lage klären. Dieselbe Überlegung spricht dafür, bei einem Notfall den Notruf zu wählen, auch wenn andere dabeistehen: Wer annimmt, ein anderer habe schon angerufen, bleibt in Schritt 3 stehen. Direkt eingreifen muss dafür niemand: Hilfe zu holen ist nach Latané und Darley ebenfalls eine Form der Hilfe.
Zuschauereffekt für die Prüfung lernen
Zuschauereffekt, Verantwortungsdiffusion, pluralistische Ignoranz, Bewertungsangst und soziales Faulenzen werden schnell durcheinandergebracht. Wie man solche Begriffe so lernt, dass sie haften bleiben, steht im Artikel psychologische Fachbegriffe lernen. Speichere „Zuschauereffekt“, „Verantwortungsdiffusion“ und „pluralistische Ignoranz“ in einer Liste zur Sozialpsychologie in Psychology World und übe sie dort.
Häufige Fragen
Was ist der Zuschauereffekt einfach erklärt?
Der Zuschauereffekt ist der Befund, dass ein Einzelner einem Menschen in Not seltener und später hilft, wenn andere dabei sind. Jeder fühlt sich nur zum Teil verantwortlich und liest die Ruhe der anderen als Zeichen, dass nichts Ernstes passiert.
Ist die Geschichte von Kitty Genovese wahr?
Der Angriff und der Mord am 13. März 1964 sind wahr. Die berühmte Version mit 38 untätigen Zeugen ist es nicht. Manning und Kollegen fanden 2007 keinen Beleg für 38 Zeugen, keinen dafür, dass Zeugen den Mord sahen, und keinen dafür, dass sie untätig blieben.
Warum hilft in einer Gruppe oft niemand?
Drei Prozesse wirken zusammen: Die Verantwortung verteilt sich, jeder fürchtet, sich zu blamieren, und alle deuten die Ruhe der anderen als Zeichen, dass es kein Notfall ist. In der Anfallsstudie von 1968 genügte schon die Annahme, dass vier weitere Personen zuhörten: Wer glaubte, allein zuzuhören, meldete den Anfall zu 85 Prozent rechtzeitig, wer vier weitere Zuhörer vermutete, nur zu 31 Prozent.
Wie kann man den Zuschauereffekt überwinden?
Am besten belegt ist, eine bestimmte Person direkt anzusprechen. In Markeys Chatstudie kam die Hilfe dann schneller, und der Effekt der Gruppengröße verschwand praktisch. Für Notfälle vor Ort ist das nur eine Folgerung aus dem Fünf-Schritte-Modell.
Gibt es den Zuschauereffekt auch im Internet?
Ja, in einer Studie. In Markeys Untersuchung von 400 Chatgruppen dauerte es länger, bis jemand Hilfe bekam, je mehr Personen im Chat waren. Mit dem Namen eines Teilnehmers kam sie schneller.
Ist der Zuschauereffekt widerlegt?
Nein. Die Metaanalyse von 2011 bestätigt ihn über mehr als 7.700 Personen, fand ihn aber bei klarer Gefahr schwächer. Die Kamerastudie von 2020 zeigt, dass in Gruppen meist mindestens eine Person eingreift. Das ist eine andere Frage als die, ob jeder Einzelne in der Gruppe seltener hilft.
Quellen
- 1.Darley, J. M., und Latané, B. (1968). Bystander intervention in emergencies: Diffusion of responsibility. Journal of Personality and Social Psychology, 8(4), 377–383.
- 2.Latané, B., und Darley, J. M. (1968). Group inhibition of bystander intervention in emergencies. Journal of Personality and Social Psychology, 10(3), 215–221.
- 3.Latané, B., und Darley, J. M. (1969). Bystander „Apathy“. American Scientist, 57(2), 244–268.
- 4.Manning, R., Levine, M., und Collins, A. (2007). The Kitty Genovese murder and the social psychology of helping: The parable of the 38 witnesses. American Psychologist, 62(6), 555–562.
- 5.Fischer, P., Krueger, J. I., Greitemeyer, T., et al. (2011). The bystander-effect: A meta-analytic review on bystander intervention in dangerous and non-dangerous emergencies. Psychological Bulletin, 137(4), 517–537.
- 6.Philpot, R., Liebst, L. S., Levine, M., Bernasco, W., und Lindegaard, M. R. (2020). Would I be helped? Cross-national CCTV footage shows that intervention is the norm in public conflicts. American Psychologist, 75(1), 66–75.
- 7.Markey, P. M. (2000). Bystander intervention in computer-mediated communication. Computers in Human Behavior, 16(2), 183–188.
- 8.Latané, B., Williams, K., und Harkins, S. (1979). Many hands make light the work: The causes and consequences of social loafing. Journal of Personality and Social Psychology, 37(6), 822–832.