Die Theorie der sozialen Identität stammt von Henri Tajfel und John C. Turner. Sie erschien 1979 und in überarbeiteter Form 1986. Ihre Kernaussage: Ein Teil deines Selbstbilds kommt aus den Gruppen, zu denen du dich zählst. Menschen wollen, dass diese soziale Identität positiv ist. Positiv wird sie durch Vergleiche, in denen die eigene Gruppe besser dasteht als eine vergleichbare andere Gruppe. Fällt der Vergleich schlecht aus, verlassen Menschen die Gruppe, ändern den Vergleich oder treten in Wettbewerb.
Die empirische Grundlage sind die Minimalgruppen-Experimente: Schon eine belanglose, sogar zufällige Einteilung in zwei Gruppen reichte, damit Jugendliche die eigene Gruppe bevorzugten. Oft wird die Theorie auf den Satz verkürzt: „Menschen werten fremde Gruppen ab, um ihren Selbstwert zu steigern.“ Das greift zu kurz. Die Autoren trennten die schlechtere Bewertung einer Gruppe von Feindseligkeit gegen sie. Spätere Studien fanden vor allem Bevorzugung der eigenen Gruppe und nur schwache Belege für die Rolle des Selbstwerts. Dieser Artikel zeigt, was die Theorie sagt, was die Experimente gemessen haben und was die Forschung danach fand.
- Soziale Identität ist nach Tajfel und Turner der Teil des Selbstbilds, der aus Gruppenzugehörigkeiten kommt.
- In den Minimalgruppen-Experimenten wählten die Jugendlichen oft den größten Abstand zur anderen Gruppe statt des größten Gewinns für die eigene. Fairness war aber ebenfalls eine starke Strategie.
- Tajfel und Turner schrieben selbst: Die andere Gruppe schlechter bewerten ist etwas anderes als Feindseligkeit gegen sie.
- Eine Metaanalyse und eine Übersichtsarbeit fanden vor allem Bevorzugung der eigenen Gruppe und wenig direkte Abwertung der anderen. Bei unangenehmen Dingen wie Lärm war die Bevorzugung deutlich schwächer.
- Für die Annahme, dass Diskriminierung den Selbstwert hebt und niedriger Selbstwert zu Diskriminierung führt, fand eine Übersichtsarbeit keinen überzeugenden Beleg in voller Form.
Was die Theorie der sozialen Identität sagt
Tajfel und Turner definieren soziale Identität als die Aspekte des Selbstbilds einer Person, „die aus den sozialen Kategorien stammen, zu denen sie sich ihrer Wahrnehmung nach zählt“ (Tajfel und Turner, 1986, S. 16, in eigener Übersetzung). Soziale Kategorien sind zum Beispiel Nationalität, Beruf, Studienfach oder Verein.
Die Theorie beginnt mit drei Annahmen:
- 1.Menschen wollen ein positives Selbstbild erhalten oder verbessern.
- 2.Gruppen und die Mitgliedschaft in ihnen haben einen positiven oder negativen Wert. Deshalb kann auch die soziale Identität positiv oder negativ sein.
- 3.Wie gut die eigene Gruppe ist, ergibt sich aus Vergleichen mit anderen Gruppen. Ein vorteilhafter Vergleich bringt Ansehen, ein nachteiliger Vergleich kostet Ansehen.
Daraus folgen drei Prinzipien. Menschen streben nach einer positiven sozialen Identität. Diese entsteht vor allem durch Vergleiche, in denen sich die eigene Gruppe positiv von relevanten anderen Gruppen abhebt. Die Fachsprache nennt das positive Distinktheit. Ist die soziale Identität unbefriedigend, versuchen Menschen, die Gruppe zu verlassen oder die eigene Gruppe positiver abzuheben.
Die Autoren sehen soziales Verhalten zwischen zwei Polen. Am einen Pol bestimmen nur die persönliche Beziehung und die Eigenschaften der Einzelnen das Verhalten, etwa zwischen Ehepartnern oder alten Freunden. Am anderen Pol bestimmt nur die Gruppenzugehörigkeit das Verhalten, etwa zwischen Soldaten feindlicher Armeen in einer Schlacht. Reine Formen beider Pole kommen nach Tajfel und Turner selten vor. Je stärker ein Konflikt zwischen Gruppen ist, desto eher verhalten sich die Beteiligten als Gruppenmitglieder statt als Einzelpersonen.
Das Minimalgruppenparadigma: Gruppen ohne Grund
Henri Tajfel wurde 1967 Professor für Sozialpsychologie an der Universität Bristol. Kurz danach führte er die Minimalgruppen-Experimente durch (Reicher, European Association of Social Psychology). Die Teilnehmenden waren 14 und 15 Jahre alt. In einer Versuchsreihe schätzten sie, wie viele Punkte auf einer Leinwand zu sehen waren. In einer anderen sagten sie, ob sie Bilder von Paul Klee oder von Wassily Kandinsky lieber mochten. Danach erfuhr jeder für sich, ob er etwa zur „Klee-Gruppe“ oder zur „Kandinsky-Gruppe“ gehörte. In Wirklichkeit war die Einteilung zufällig (FORRT, Open Social Psychology, Kapitel 17).
Dann verteilte jeder Jugendliche echtes Geld auf jeweils zwei andere Teilnehmende. Er kannte sie nur über eine Code-Nummer und ihre Gruppe. Sich selbst konnte er nichts zuteilen. Es gab keinen Interessenkonflikt, keine frühere Feindschaft und keinen Kontakt zwischen den Gruppen. Tajfel und Turner nannten solche Gruppen „minimal“: Sie existierten nur im Kopf der Teilnehmenden (Tajfel und Turner, 1986, S. 13–14).
Die Entscheidungen fielen auf vorgedruckten Tabellen, den sogenannten Tajfel-Matrizen. Jede Matrix bot mehrere Wahlmöglichkeiten, und jede Möglichkeit legte fest, wie viel die beiden Empfänger bekommen. So ließ sich messen, welches Ziel eine Entscheidung verfolgte.
| Strategie | Was sie bedeutet | Ergebnis |
|---|---|---|
| Maximaler gemeinsamer Gewinn | Beide Personen zusammen bekommen am meisten. | kein signifikanter Einfluss auf die Verteilung |
| Maximaler Gewinn der Eigengruppe | Das Mitglied der eigenen Gruppe bekommt absolut am meisten. | beeinflusste die Verteilung |
| Maximale Differenz | Der Abstand zugunsten der eigenen Gruppe ist am größten, auch wenn sie dabei absolut weniger bekommt. | deutlichster Effekt, wichtiger als der maximale Gewinn |
| Fairness | Beide bekommen gleich viel. | ebenfalls eine einflussreiche Strategie |
In der Originalarbeit war der deutlichste Effekt der Versuch, einen möglichst großen Abstand zwischen den Gruppen herzustellen, „sogar um den Preis, andere ‚objektive‘ Vorteile zu opfern“ (Tajfel und Kollegen, 1971, in eigener Übersetzung). Den Grundbefund, dass schon eine belanglose Einteilung zu Bevorzugung der eigenen Gruppe führt, nannten Tajfel und Turner später grundlegend und sehr zuverlässig. Die Teilnehmenden schienen mit der anderen Gruppe zu konkurrieren, statt einfach Geld für die eigene Gruppe zu holen (1986, S. 14).
Eine Folgestudie machte die Zufälligkeit offen. Die Gruppen beruhten damit auf keiner echten Ähnlichkeit zwischen den Mitgliedern. Sobald von „Gruppen“ die Rede war, bevorzugten die Teilnehmenden trotzdem die eigene Gruppe. Diese Zufallsgruppen erzeugten sogar mehr Diskriminierung als eine Einteilung nach Ähnlichkeit, bei der das Wort Gruppe nie fiel. Auch hier war Fairness ein wichtiger Faktor (Billig und Tajfel, 1973).
Ein Experiment, das als Nullbedingung gedacht war
Die Minimalgruppen sollten ursprünglich eine Ausgangsbedingung sein. Von ihr aus wollte Tajfel bestimmen, welche Bedingungen für Vorurteile zwischen Gruppen notwendig und hinreichend sind. Stattdessen zeigte schon die Ausgangsbedingung eine Bevorzugung der eigenen Gruppe (Reicher).
Die Theorie der sozialen Identität gab es zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Die Arbeit von 1971 diskutierte die Ergebnisse vor allem mit Blick auf eine „generische“ Norm. Gemeint ist eine in manchen Gesellschaften verbreitete Regel, wie man sich gegenüber Fremdgruppen verhält. Die Theorie entstand erst danach, als Antwort auf diese Befunde (Tajfel und Turner, 1986, S. 15). Die Idee des Paradigmas hatte übrigens schon in den 1960er-Jahren der Sozialpsychologe Jaap Rabbie vorgeschlagen, was selten erwähnt wird (Brown, 2020).
Ein früher Einwand lautete: Die Jugendlichen haben nur getan, was die Versuchsleiter ihrer Meinung nach erwarteten. Tajfel und Turner nannten zwei Gegenargumente. In Befragungen nach dem Versuch hatte nur eine sehr kleine Minderheit eine Vorstellung von der Hypothese. Und in einer Studie von St. Claire und Turner (1982) sahen Beobachter genau dieselben Unterlagen wie die Teilnehmenden. Sie sagten keine Diskriminierung voraus, sondern mehr Fairness, als die Teilnehmenden tatsächlich zeigten (1986, S. 14–15).
Drei Prozesse: kategorisieren, identifizieren, vergleichen
Neu war nach Tajfel und Turner nicht jeder einzelne Gedanke, sondern die Verbindung von drei Prozessen zu einem prüfbaren Modell (1986, S. 23):
- 1.Soziale Kategorisierung: Menschen teilen ihre soziale Umwelt in Kategorien ein. Kategorien ordnen die Umwelt und zeigen dir, wo du selbst stehst.
- 2.Soziale Identität: Du zählst dich zu einigen dieser Kategorien. Ein Teil deines Selbstbilds hängt dann an diesen Gruppen.
- 3.Sozialer Vergleich: Du bewertest deine Gruppe im Vergleich mit anderen Gruppen.
Nach den Autoren muss eine Situation drei Bedingungen erfüllen, damit Gruppen sich voneinander abgrenzen wollen (1986, S. 16–17). Erstens muss die Person die Mitgliedschaft verinnerlicht haben. Es reicht nicht, dass andere sie einer Gruppe zuordnen. Zweitens muss die Situation einen Vergleich auf einem bewerteten Merkmal möglich machen. Welches Merkmal zählt, hängt vom Ort ab: Hautfarbe war nach den Autoren in den USA auffälliger als in Hongkong, Sprache in Französisch-Kanada, Wales und Belgien. Drittens vergleicht sich eine Gruppe nicht mit jeder anderen Gruppe, sondern mit einer vergleichbaren. Ähnlichkeit, Nähe und die Situation bestimmen, welche Gruppe das ist.
Tajfel und Turner unterscheiden deshalb sozialen Wettbewerb von realistischem Wettbewerb. Realistischer Wettbewerb entsteht aus unvereinbaren Zielen, etwa wenn beide Gruppen dasselbe knappe Gut wollen. Sozialer Wettbewerb entsteht aus dem Vergleich selbst. In den Minimalgruppen war Geld nach ihrer Deutung die einzige verfügbare Vergleichsdimension. Die Daten zeigten, dass „größere absolute Gewinne“ für kleinere Vorteile im Vergleich geopfert wurden (1986, S. 17, in eigener Übersetzung). Eine weitere Studie von Turner (1978) ließ Teilnehmende Geld oder Punkte zwischen sich selbst und einer anonymen Person teilen. Teilnehmende gaben sich selbst dabei relativ weniger, wenn die andere Person zur eigenen Gruppe gehörte, als wenn sie zur anderen Gruppe gehörte (1986, S. 17).
Wenn die eigene Gruppe schlecht abschneidet: drei Strategien
Was tun Menschen, wenn der Vergleich negativ ausfällt? Tajfel und Turner beschreiben drei Reaktionen (1986, S. 19–20).
| Strategie | Was Menschen tun | Was mit dem Status der Gruppe passiert |
|---|---|---|
| Individuelle Mobilität | Einzelne verlassen die Gruppe oder distanzieren sich von ihr und wechseln in eine angesehenere Gruppe. | Er bleibt gleich. Die Person löst ihr Problem allein. |
| Soziale Kreativität | Die Gruppe ändert den Vergleich: neue Vergleichsdimension, neue Bewertung eines Merkmals oder eine andere Vergleichsgruppe. | Die tatsächliche Lage bleibt gleich, das Selbstbild der Gruppe wird positiver. |
| Sozialer Wettbewerb | Die Gruppe konkurriert direkt mit der angesehenen Gruppe um die Rangfolge. | Er soll sich ändern. Das kann Konflikte um knappe Ressourcen erzeugen. |
Soziale Kreativität hat drei Formen. Die erste ist eine neue Vergleichsdimension. In einer Studie von Lemaine (1966) bekamen Kindergruppen schlechteres Baumaterial für eine Hütte als die andere Gruppe. Die benachteiligten Gruppen suchten andere Vergleichsdimensionen, etwa neue Bauten in der Umgebung der Hütte. Die zweite Form ist eine neue Bewertung eines Merkmals: Was vorher als negativ galt, gilt jetzt als positiv. Das klassische Beispiel der Autoren ist der Slogan „Black is beautiful“. Die dritte Form ist eine andere Vergleichsgruppe: Die Gruppe vergleicht sich nicht mehr mit der angesehenen Gruppe.
Welche Strategie wahrscheinlich ist, hängt nach der Theorie von den Überzeugungen der Menschen ab. Tajfel und Turner nennen die beiden Pole „soziale Mobilität“ und „sozialer Wandel“ (1986, S. 9). Wer glaubt, dass man mit Talent und Fleiß einzeln aufsteigen kann, wählt eher individuelle Mobilität. Wer glaubt, dass man die Gruppe als Einzelner kaum verlassen kann, dem bleiben soziale Kreativität und sozialer Wettbewerb. Die Begriffe meinen hier also Überzeugungen von Einzelnen, nicht soziologische Messgrößen.
Wann Gruppen den Status infrage stellen
Ein großer Statusunterschied allein führt nach der Theorie nicht zu Konflikt. Entscheidend ist, ob die Beteiligten sich eine andere Ordnung vorstellen können. Tajfel nannte das kognitive Alternativen (1986, S. 22).
Die Autoren geben ein Beispiel aus dem Sport. Zwei Fußballmannschaften stehen am Saisonende auf Platz eins und zwei. Niemand bestreitet, wer den höheren Status hat. Trotzdem sind die Teams in der nächsten Saison wieder vergleichbar und Konkurrenten, weil ein anderes Ergebnis möglich ist. Gilt eine Rangordnung dagegen als unveränderlich, ist die soziale Identität sicher. Unsicher wird sie, wenn die bestehende Ordnung infrage steht.
Zwei Wahrnehmungen machen eine Ordnung unsicher: Sie gilt als nicht legitim, also nicht gerechtfertigt, oder als nicht stabil. Das gilt nach den Autoren auch für Gruppen mit hohem Status. Wird ihre Überlegenheit unsicher, suchen auch sie stärker nach Abgrenzung. Manchmal ist der Wechsel in eine andere Gruppe nicht möglich oder nicht gewünscht. Dann weisen Gruppen eine bisher akzeptierte Unterlegenheit am schnellsten zurück, wenn die Lage als instabil und nicht legitim gilt.
Was die Theorie nicht behauptet
Die Theorie der sozialen Identität sagt nicht, dass Gruppen sich zwangsläufig hassen. Tajfel und Turner schrieben 1986: Die Abwertung einer Fremdgruppe in der Bewertung ist „begrifflich und empirisch“ etwas anderes als Feindseligkeit gegen sie (S. 23, in eigener Übersetzung). Ihre Vorhersage, wann gehinderte Abgrenzung in offenen Konflikt übergeht, war nach ihren eigenen Worten noch nicht geprüft.
Die Theorie sollte auch die Theorie des realistischen Gruppenkonflikts von Muzafer Sherif nicht ersetzen. Sherif erklärte Konflikte zwischen Gruppen mit echten Interessenkonflikten. Tajfel und Turner wollten diese Theorie um die Prozesse der Gruppenidentität ergänzen (1986, S. 8).
Der Sozialpsychologe Stephen Reicher beschreibt eine Ironie: Tajfel bestand darauf, psychologische Prozesse immer im sozialen Zusammenhang zu sehen. Gerade seine Minimalgruppen-Studien wurden aber oft ohne diesen Zusammenhang gelesen. Seine Leitfrage war: Was tun Menschen, wenn sie in einer ungleichen Welt negativ definiert werden, etwa als Juden in einer antisemitischen Welt oder als Frauen in einer sexistischen Welt? Wann handeln sie gemeinsam gegen diese Ungleichheit? Nach Reicher ist die Theorie der sozialen Identität deshalb „mehr eine Theorie des sozialen Wandels als der sozialen Diskriminierung“ (Reicher, in eigener Übersetzung).
Spätere Forschung stützt die Trennung von Bevorzugung und Feindseligkeit. Marilynn Brewer fasste 1999 Befunde aus Laborexperimenten und kulturvergleichender Forschung zusammen: Die Identifikation mit der eigenen Gruppe hängt nicht von negativen Einstellungen gegenüber Fremdgruppen ab. Ein großer Teil der Diskriminierung zwischen Gruppen besteht darin, die eigene Gruppe besser zu behandeln, nicht darin, die andere direkt anzugreifen (Brewer, 1999).
Eine Metaanalyse zur Kooperation kam zu einem ähnlichen Bild. Menschen kooperierten mit Mitgliedern der eigenen Gruppe mehr als mit Mitgliedern anderer Gruppen, mit einer kleinen bis mittleren Effektstärke von d = 0,32. Ohne gegenseitige Abhängigkeit, also bei bloßer Kategorisierung, war der Effekt klein (d = 0,19). In Situationen mit gegenseitiger Abhängigkeit war er größer (d = 0,42). Nach den Autoren ging der Unterschied auf Bevorzugung der eigenen Gruppe zurück, nicht auf Abwertung der anderen (Balliet und Kollegen, 2014).
Was spätere Studien gefunden haben
Die Selbstwerthypothese: schwächer als ihr Ruf
Aus der Theorie wurden zwei Vorhersagen zum Selbstwert abgeleitet. Erstens: Diskriminierung zwischen Gruppen hebt den Selbstwert. Zweitens: Ein niedriger Selbstwert führt zu mehr Diskriminierung. Tajfel und Turner berichteten 1986 einen ersten Befund für die erste Vorhersage. Teilnehmende, die wie üblich Geld verteilten und dabei diskriminierten, hatten danach einen höheren Selbstwert als Teilnehmende, die ebenfalls einer Gruppe zugeteilt waren, aber nichts verteilten. Die Autoren schrieben dazu, eine Wiederholung sei in Arbeit (S. 19).
Mark Rubin und Miles Hewstone prüften 1998 mehr als 40 Studien zu beiden Vorhersagen. Sie fanden keinen überzeugenden Beleg für die Hypothese in ihrer vollen und uneingeschränkten Form. Sie sahen einen Grund in den Messverfahren: Die meisten Studien maßen einen allgemeinen, dauerhaften Selbstwert. Zur Theorie passt eher ein gruppenbezogener Selbstwert in der Situation (Rubin und Hewstone, 1998). Nach einer späteren Zusammenfassung stützten mehr Studien die erste Vorhersage als die zweite (Rivera und Kollegen, 2024).
Die zweite Vorhersage passt sogar schlecht zu einer Metaanalyse von 2000. Dort zeigten Personen mit hohem Selbstwert mehr Bevorzugung der eigenen Gruppe als Personen mit niedrigem Selbstwert (Aberson und Kollegen, 2000). Eine Metaanalyse von 2024 fasste 103 Effektstärken zusammen. Ein hoher Selbstwert ging dort mit einer guten Bewertung der eigenen Gruppe einher. Schwächer ging er auch mit einer guten Bewertung der anderen Gruppe einher (Rivera und Kollegen, 2024). Schon das Spektrum-Lexikon der Psychologie hielt fest, dass die Richtung der Ursache zwischen Diskriminierung und Selbstwert unklar ist (Spektrum, 2000).
Positiv-negativ-Asymmetrie: bei Lasten bevorzugen sich Gruppen weniger
Die meisten Laborstudien zur Diskriminierung zwischen Gruppen ließen etwas Positives verteilen, etwa Geld, oder positive Eigenschaften bewerten. Die Sozialpsychologin Amélie Mummendey, Professorin in Münster und später in Jena, prüfte das Gegenstück (European Association of Social Psychology). In einer Studie ihrer Gruppe von 1992 verteilten Teilnehmende unangenehme Reize, nämlich die Dauer von Lärm. Dabei bevorzugten sie die eigene Gruppe nach der Zusammenfassung von Buhl (1999) nicht signifikant. Mummendey und Otten nannten diesen Befund 1998 die Positiv-negativ-Asymmetrie der sozialen Diskriminierung (Mummendey und Otten, 1998).
Eine Metaanalyse aus Jena fasste 26 positive und 26 negative Versuchsbedingungen zusammen. Die mittlere Effektstärke für die Bevorzugung der eigenen Gruppe lag bei positiven Gütern bei r = 0,30 und bei negativen bei r = 0,14. Die Bevorzugung war bei negativen Gütern also deutlich schwächer, aber nicht null (Buhl, 1999). Für die Theorie heißt das: Kategorisierung allein reicht für eine Bevorzugung bei Belohnungen, bei Lasten aber oft nicht.
In 20 Ländern, aber unterschiedlich stark
Rima-Maria Rahal vom Max-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern in Bonn und Frederik Schulze Spüntrup prüften die Bevorzugung der eigenen Gruppe in einer präregistrierten Studie. Daran nahmen 1.850 Menschen in 20 Ländern teil. Die Gruppen entstanden über eine Aufgabe zur Farbwahrnehmung. Danach folgte eine Phase, in der die Teilnehmenden gegen ein Mitglied der anderen Gruppe um einen Bonus spielten. Die Bevorzugung der eigenen Gruppe trat in jedem der 20 Länder auf. Ihre Stärke unterschied sich aber deutlich und hing mit größerer gesellschaftlicher Unsicherheit zusammen (Rahal und Schulze Spüntrup, 2025).
Soziale Identität und Selbstkategorisierung
Aus der Theorie der sozialen Identität entwickelte John C. Turner mit Kollegen 1987 die Selbstkategorisierungstheorie. Sie unterscheidet drei Ebenen, auf denen du dich einordnen kannst: als Mensch, als Mitglied einer Gruppe und als Individuum. Wenn die Gruppenebene wichtig wird, tritt die persönliche Identität zurück. Diese Depersonalisierung soll Gruppenphänomene wie Konformität und Zusammenhalt erklären (Spektrum, 2000).
Ein verwandter Gedanke steckt in einer neueren Deutung des Milgram-Experiments: S. Alexander Haslam und Stephen Reicher lesen es nicht als blinden Gehorsam. Nach ihrer Deutung machten die Teilnehmenden weiter, weil sie sich mit dem Anliegen des Versuchsleiters identifizierten (Haslam und Reicher, 2017).
Die Begriffe auseinanderhalten
In Prüfungen zur Sozialpsychologie kommen die Begriffe der Theorie oft zusammen vor, und viele Lehrtexte nennen die englischen Fachwörter.
| Deutsch | Englisch | Bedeutung |
|---|---|---|
| Eigengruppe, Fremdgruppe | ingroup, outgroup | die Gruppe, zu der du dich zählst, und eine andere Gruppe |
| Eigengruppenfavorisierung | ingroup favoritism | die eigene Gruppe besser bewerten oder besser behandeln |
| positive Distinktheit | positive distinctiveness | sich als Gruppe positiv von anderen Gruppen abheben |
| Minimalgruppenparadigma | minimal group paradigm | Versuch mit Gruppen ohne Kontakt, Konflikt oder eigenen Nutzen |
| individuelle Mobilität | individual mobility | als Einzelner in eine angesehenere Gruppe wechseln |
| soziale Kreativität | social creativity | den Vergleich ändern statt der tatsächlichen Lage |
| sozialer Wettbewerb | social competition | direkt um die Rangfolge der Gruppen konkurrieren |
| Selbstkategorisierungstheorie | self-categorization theory | Weiterentwicklung durch Turner und Kollegen (1987) |
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Häufige Fragen
Wer hat die Theorie der sozialen Identität entwickelt?
Henri Tajfel entwickelte sie mit John C. Turner. Tajfel wurde 1919 im polnischen Włocławek geboren, in einer jüdischen Familie. Im Zweiten Weltkrieg geriet er als Soldat der französischen Armee in deutsche Gefangenschaft. Die Deutschen erfuhren nie, dass er Jude war, und er überlebte in Kriegsgefangenenlagern. Nach dem Krieg waren fast alle seine Freunde und Angehörigen tot. Nach Stephen Reicher prägte diese Erfahrung sein Interesse an Vorurteilen und an Gruppenidentität. Tajfel starb 1982 (Reicher).
Tajfel und Turner 1979 oder 1986: Welche Quelle ist richtig?
Beide. 1979 erschien das Kapitel „An Integrative Theory of Intergroup Conflict“ in einem Sammelband von Austin und Worchel. 1986 folgte „The Social Identity Theory of Intergroup Behavior“ in der Neuausgabe von Worchel und Austin. Nach der Fußnote des Kapitels ist die Fassung von 1986 eine aktualisierte und leicht überarbeitete Version der Fassung von 1979. Zitiere die Fassung, aus der deine Seitenangaben stammen.
Was ist der Unterschied zwischen personaler und sozialer Identität?
Die personale Identität beruht auf deinen individuellen Eigenschaften und persönlichen Beziehungen. Die soziale Identität beruht auf deinen Gruppenzugehörigkeiten. Tajfel und Turner sehen beide als Endpunkte eines Kontinuums zwischen rein persönlichem und rein gruppenbezogenem Verhalten. Die Selbstkategorisierungstheorie beschreibt, wann eine der beiden Ebenen in einer Situation wichtiger wird.
Was unterscheidet die Theorie vom realistischen Gruppenkonflikt?
Die Theorie des realistischen Gruppenkonflikts von Muzafer Sherif erklärt Feindseligkeit zwischen Gruppen mit echten Interessenkonflikten, etwa um knappe Ressourcen. Die Theorie der sozialen Identität zeigt, dass schon der Vergleich zwischen Gruppen zu Bevorzugung führen kann, auch ohne Interessenkonflikt. Tajfel und Turner wollten Sherifs Theorie damit ergänzen, nicht ersetzen.
Quellen
- 1.Aberson, C. L., Healy, M., und Romero, V. (2000). Ingroup bias and self-esteem: A meta-analysis. Personality and Social Psychology Review, 4(2), 157–173.
- 2.Balliet, D., Wu, J., und De Dreu, C. K. W. (2014). Ingroup favoritism in cooperation: A meta-analysis. Psychological Bulletin, 140(6), 1556–1581.
- 3.Billig, M., und Tajfel, H. (1973). Social categorization and similarity in intergroup behaviour. European Journal of Social Psychology, 3(1), 27–52.
- 4.Brewer, M. B. (1999). The psychology of prejudice: Ingroup love or outgroup hate? Journal of Social Issues, 55(3), 429–444.
- 5.Brown, R. (2020). The origins of the minimal group paradigm. History of Psychology, 23(4), 371–382.
- 6.Buhl, T. (1999). Positive-negative asymmetry in social discrimination: Meta-analytical evidence. Group Processes & Intergroup Relations, 2(1), 51–58.
- 7.FORRT (o. J.). Open Social Psychology, Kapitel 17: Minimal Group Effect.
- 8.Haslam, S. A., und Reicher, S. D. (2017). 50 years of „obedience to authority“: From blind conformity to engaged followership. Annual Review of Law and Social Science, 13, 59–78.
- 9.Mummendey, A., und Otten, S. (1998). Positive-negative asymmetry in social discrimination. European Review of Social Psychology, 9(1), 107–143.
- 10.Mummendey, A., Simon, B., Dietze, C., Grünert, M., Haeger, G., Kessler, S., Lettgen, S., und Schäferhoff, S. (1992). Categorization is not enough: Intergroup discrimination in negative outcome allocation. Journal of Experimental Social Psychology, 28(2), 125–144.
- 11.Otten, S., und Sassenberg, K. (o. J.). Mummendey, Amélie. The Legacy of European Social Psychology, European Association of Social Psychology.
- 12.Rahal, R.-M., und Schulze Spüntrup, F. (2025). Cognitive processes of ingroup favoritism across 20 countries. Proceedings of the National Academy of Sciences, 122(32), e2417456122.
- 13.Reicher, S. (o. J.). Tajfel, Henri. The Legacy of European Social Psychology, European Association of Social Psychology.
- 14.Rivera, L. M., Vu, H. A., und Backstrom, V. L. (2024). Self-esteem, ingroup favoritism, and outgroup evaluations: A meta-analysis. Group Processes & Intergroup Relations.
- 15.Rubin, M., und Hewstone, M. (1998). Social identity theory's self-esteem hypothesis: A review and some suggestions for clarification. Personality and Social Psychology Review, 2(1), 40–62.
- 16.Spektrum Akademischer Verlag (2000). Soziale Identität. Lexikon der Psychologie.
- 17.Tajfel, H., Billig, M. G., Bundy, R. P., und Flament, C. (1971). Social categorization and intergroup behaviour. European Journal of Social Psychology, 1(2), 149–178.
- 18.Tajfel, H., und Turner, J. C. (1986). The social identity theory of intergroup behavior. In S. Worchel und W. G. Austin (Hrsg.), Psychology of intergroup relations (S. 7–24). Nelson-Hall.