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Shaping in der Psychologie: Skinners kegelnde Taube und die Methode der schrittweisen Annäherung

Shaping baut neues Verhalten auf, indem es schrittweise Annäherungen verstärkt: wie Skinner es 1943 entdeckte, der Unterschied zu Chaining und Klausurbeispiele.

Konditionierung19 Min. Lesezeit
Von Psychology World

Shaping, auf Deutsch Verhaltensformung, ist ein Verfahren der operanten Konditionierung. Es baut ein neues Verhalten auf, indem es schrittweise Annäherungen an dieses Verhalten verstärkt. Jede verstärkte Reaktion liegt etwas näher am Ziel als die vorherige, und die gröberen Vorstufen bringen keine Belohnung mehr. Der Fachbegriff dafür ist sukzessive Approximation. Shaping ist nötig, weil ein komplexes Verhalten oft nie von selbst auftritt: Dann gibt es nichts, was man verstärken könnte. Den Namen prägte B. F. Skinner. 1943 brachten er und zwei seiner Studenten einer Taube in wenigen Minuten bei, eine Kugel durch eine Box zu stoßen. Es war Skinners erstes Shaping von Hand.

Die meisten deutschen Lexikoneinträge erklären Shaping in zwei oder drei Sätzen. Dieser Artikel zeigt, wie Skinner das Verfahren entdeckte und warum in jedem Schritt auch Löschung steckt. Er zeigt auch, was ein dokumentierter Fall beim Menschen belegt und wo Shaping an Grenzen stößt. Dazu kommen der Unterschied zu Chaining und Autoshaping und sechs Klausurbeispiele. Zitate aus den englischen Originalarbeiten stehen hier in eigener Übersetzung.

  • Das Dorsch-Lexikon der Psychologie beschreibt Shaping als „Aufbau von Verhaltensweisen durch Prinzipien der operanten Konditionierung“. Annäherungen an das Zielverhalten werden „sukzessive verstärkt“.
  • Jeder Schritt hat zwei Teile: Die aktuelle Annäherung wird verstärkt, die früheren Formen werden gelöscht. Löschung macht Verhalten variabler, und diese Variation liefert vermutlich die nächste Annäherung.
  • Skinner beschrieb die sukzessive Approximation schon 1937 und 1938. Laut einer historischen Arbeit von 2004 formte er erst 1943 zum ersten Mal ein Verhalten von Hand. Das Wort „shaping“ erschien in seinen Texten erst 1951.
  • Shaping verändert die Form einer einzelnen Reaktion. Chaining verbindet mehrere Reaktionen zu einer Folge. Autoshaping ist gar kein Shaping, sondern ein pawlowscher Effekt.
  • Shaping hat Grenzen. Die Tiertrainer Keller und Marian Breland sahen, wie geformtes Verhalten zum angeborenen Verhalten der Art zurückdriftete.

Was Shaping bedeutet

Das Dorsch-Lexikon der Psychologie definiert Shaping, auch Verhaltensformung, als den „Aufbau von Verhaltensweisen durch Prinzipien der operanten Konditionierung“. Verhaltensweisen, „die eine Annäherung an das Zielverhalten darstellen, werden sukzessive verstärkt“, bis das Zielverhalten gezeigt werden kann. Das APA Dictionary of Psychology sagt dasselbe kürzer: Shaping ist die Erzeugung neuer Formen operanten Verhaltens durch die Verstärkung sukzessiver Annäherungen an dieses Verhalten. Als weitere Namen nennt es „approximation conditioning“ und „behavior shaping“.

Zwei Begriffe tragen die Definition. Das Zielverhalten ist das Verhalten, das am Ende stehen soll. Eine sukzessive Approximation ist eine Reaktion, die näher am Ziel liegt als die Reaktionen, die vorher belohnt wurden. Im Deutschen sagt man auch schrittweise Annäherung.

Shaping gehört zur operanten Konditionierung: Die Folgen eines Verhaltens verändern, wie oft es auftritt. Wie Verstärkung und Bestrafung dabei wirken, zeigen die vier Fälle der operanten Konditionierung. Verstärkung kann aber nur ein Verhalten stärken, das schon auftritt. Das offene Lehrbuch Psychology 2e von OpenStax nennt das Problem direkt. Shaping ist nötig, weil es „äußerst unwahrscheinlich“ ist, dass ein Organismus von selbst mehr als die einfachsten Verhaltensweisen zeigt.

Skinner machte denselben Punkt 1953 in Science and Human Behavior. Die ursprüngliche Wahrscheinlichkeit der fertigen Reaktion sei „sehr gering; in manchen Fällen kann sie sogar null sein“. Bis das vollständige Verhalten von selbst auftritt, können „viele Stunden oder Tage oder Wochen“ vergehen. Und das Warten wirkt schlechter: „Wenn wir auf ein einzelnes vollständiges Beispiel warten, verstärken wir eine ähnliche Abfolge, aber weit weniger wirksam, weil die früheren Schritte nicht optimal gestärkt sind.“

Der Fachbegriff für diese Auswahl ist differenzielle Verstärkung: Manche Formen einer Reaktion werden verstärkt, andere nicht. Beim Shaping verschiebt sich die Grenze zwischen beiden. Eine Reaktion, die gestern Futter brachte, bringt heute nichts mehr, weil der Trainer jetzt mehr verlangt.

Zwei Punkte brauchen eine Klarstellung. Der erste ist die Strafe. Keine der Definitionen in diesem Artikel enthält Bestrafung: Shaping arbeitet mit Verstärkung und mit dem Ausbleiben von Verstärkung. Der zweite ist die Einordnung. Der Dorsch ordnet Shaping der Lernpsychologie zu. Das Lexikon der Psychologie von Spektrum aus dem Jahr 2000 beschreibt es dagegen als „Methode der Verhaltenstherapie“. Als Beispiel nennt es, Kindern mit geistiger Behinderung lebenspraktische Fähigkeiten beizubringen, etwa sich selbstständig anzuziehen. Beide Lexika meinen dasselbe Verfahren: Die Therapie nutzt das Prinzip, das die Lernpsychologie beschreibt.

Wie Shaping funktioniert: Schritt für Schritt

OpenStax teilt das Verfahren in fünf Schritte. Zusammengefasst:

  1. 1.Verstärke jede Reaktion, die dem gewünschten Verhalten ähnelt.
  2. 2.Verstärke die Reaktion, die dem gewünschten Verhalten noch ähnlicher ist, und verstärke die frühere Reaktion nicht mehr.
  3. 3.Verstärke eine Reaktion, die dem gewünschten Verhalten noch näher kommt.
  4. 4.Verstärke weiter immer genauere Annäherungen.
  5. 5.Verstärke am Ende nur noch das gewünschte Verhalten.

Skinners eigenes Beispiel in Science and Human Behavior ist eine hungrige Taube und ein Punkt an der Wand ihrer Box. Zuerst bekommt der Vogel Futter, wenn er sich leicht zu dem Punkt dreht. Dann hält Skinner das Futter zurück, „bis eine leichte Bewegung auf den Punkt zu“ kommt. Danach bringen nur noch Positionen näher am Punkt Futter, dann nur noch eine Vorwärtsbewegung des Kopfes. Am Ende gibt es nur noch Futter, wenn der Schnabel den Punkt berührt. Ein Vogel, der „an die Situation und an den Futterspender gut gewöhnt“ ist, lässt sich laut Skinner „gewöhnlich in zwei oder drei Minuten“ zu dieser Reaktion bringen. Er verglich den Vorgang mit der Arbeit eines Bildhauers:

Operante Konditionierung formt Verhalten, wie ein Bildhauer einen Klumpen Ton formt.
— B. F. Skinner, 1953, in eigener Übersetzung

Die fünf Schritte lassen Shaping mechanisch aussehen. In der Praxis entscheidet der Trainer, wann er das Kriterium verschiebt und wie groß jeder Schritt ist.

Wenn das Zielverhalten endlich auftritt, ändert sich die Frage. Es geht nicht mehr darum, das Verhalten zu erzeugen, sondern darum, es zu erhalten. OpenStax nennt kontinuierliche Verstärkung, also eine Belohnung nach jeder Reaktion, den „schnellsten Weg, jemandem ein Verhalten beizubringen“. Wie oft man danach verstärkt, regeln die Verstärkerpläne.

Der Tag, an dem Skinner das Shaping entdeckte

1943 war Skinner von seiner Stelle an der University of Minnesota beurlaubt. Er arbeitete an einem Kriegsprojekt, das die Firma General Mills finanzierte. Sein Labor lag im obersten Stockwerk einer Getreidemühle in Minneapolis. Zwei seiner Studenten arbeiteten mit ihm: Keller Breland und Norman Guttman. Skinner erzählte die Geschichte mehrmals. Seine Fassung von 1958 in der Zeitschrift American Psychologist beginnt so:

Eines Tages beschlossen wir, einer Taube das Kegeln beizubringen. Die Taube sollte eine Holzkugel eine kleine Bahn hinunter auf ein paar Spielzeugkegel schicken, indem sie die Kugel mit einer scharfen Seitwärtsbewegung des Schnabels anstieß.
— B. F. Skinner, 1958, in eigener Übersetzung

Die Taube stieß nicht. „Obwohl wir alle Zeit der Welt hatten, wurden wir des Wartens müde“, schrieb Skinner. Also verstärkten die drei Männer „jede Reaktion, die auch nur die geringste Ähnlichkeit mit einem Stoß hatte – vielleicht zuerst nur das Hinschauen zur Kugel“. Dann wählten sie Reaktionen aus, die der Endform näher kamen. „Das Ergebnis verblüffte uns. In wenigen Minuten prallte die Kugel von den Wänden der Box ab, als wäre die Taube ein Squash-Champion gewesen.“ In seiner Autobiografie von 1979 ergänzte Skinner, dass der Futterspender „mit einem Handschalter bedient“ wurde. Er schrieb: „Ich erinnere mich an diesen Tag als einen Tag großer Erleuchtung.“

Warum waren sie verblüfft? Gail Peterson von der University of Minnesota stellte diese Frage 2004 in dem Aufsatz A day of great illumination. Skinner hatte die sukzessive Approximation längst beschrieben. Ein Aufsatz von 1937 zählte Schritte auf, mit denen man einer Ratte das Hebeldrücken beibringen kann. The Behavior of Organisms (1938) berichtete Versuche, in denen Skinner Kraft und Dauer des Hebeldrückens Schritt für Schritt steigerte. Und seine Ratte Pliny hatte einen langen Ablauf mit einer Murmel gelernt. Peterson kam trotzdem zu dem Schluss, dass nichts davon von Hand geformt war:

  • Die Schritte zum Hebeldrücken von 1937 waren hypothetisch. Skinner gab später zu: „Ich erinnere mich nicht, das Hebeldrücken tatsächlich in so ausdrücklichen Stufen geformt zu haben, aber ich war sicher, dass es geht.“
  • Plinys Ablauf entstand laut Skinner „durch kleine Änderungen an der Apparatur“, nicht durch einen Menschen, der die Ratte beobachtete.

Neu war 1943 ein Mensch, der das Tier beobachtete und im richtigen Moment den Futterspender auslöste. Skinner schrieb, sie hätten entdeckt, „wie viel leichter es war, Verhalten von Hand zu formen als durch Änderungen an einem mechanischen Gerät“.

Der Tag gab dem Verfahren auch seinen Namen. Laut Peterson kommt das Wort „shaping“ in keinem Aufsatz Skinners vor 1951 vor. In The Behavior of Organisms steht es nur in einem Vorwort, das 1966 entstand. In Skinners Texten erscheint es zum ersten Mal 1951, in seinem Artikel How to Teach Animals in der Zeitschrift Scientific American. Dort macht Verstärkung es „möglich, das Verhalten eines Tieres fast so zu formen, wie ein Bildhauer einen Klumpen Ton formt“. 1965 fragte eine Studentin Skinner in einem Brief, ob die sukzessive Approximation 1943 zum ersten Mal genutzt wurde. Skinner antwortete: „Das Datum 1943 ist, glaube ich, richtig für die erste gezielte Anwendung der sukzessiven Approximation.“

Tiertrainer kannten die Idee schon vorher, auch in Deutschland. Peterson nennt den deutschen Hundeausbilder Oberst Konrad Most. Sein Buch zur Abrichtung des Hundes erschien 1910, laut Peterson mit dem Untertitel „Individuell und ohne Strafen“, und beschrieb bereits das Formen von Verhalten. Peterson zitiert die englische Übersetzung von 1954. Dort soll der Ausbilder den Hund loben und streicheln, sobald die Übung gelingt, und schon dann, wenn „der kleinste Fortschritt“ zu sehen ist. Petersons Punkt ist ein anderer: Skinner war offenbar der Erste, der die wissenschaftliche Bedeutung des Verfahrens erkannte. Der Tag veränderte auch eine Laufbahn. Laut Skinner beeindruckte das Schauspiel Keller Breland so sehr, dass er „eine vielversprechende Karriere in der Psychologie aufgab und in die kommerzielle Produktion von Verhalten ging“.

Warum in jedem Schritt Löschung steckt

Der Dorsch, das APA Dictionary und OpenStax definieren Shaping über Verstärkung. Doch jeder Schritt nutzt auch Löschung, auch Extinktion genannt. Löschung heißt: Ein Verhalten, das verstärkt wurde, wird nicht mehr verstärkt und tritt seltener auf. Wie unser Artikel zu negativer Verstärkung und Bestrafung zeigt, ist Löschung weder Verstärkung noch Bestrafung. Beim Shaping kommt die alte Annäherung jedes Mal in die Löschung, wenn das Kriterium weiterrückt. Skinners Beschreibung von 1937 sagt es direkt: „Wenn ein Schritt konditioniert ist, wird die Verstärkung entzogen und vom nächsten abhängig gemacht.“ Ein Aufsatz von Isaacs, Thomas und Goldiamond aus dem Jahr 1960 definiert Shaping mit denselben zwei Teilen. Verstärkt werden die Teile einer Reaktion, die sich in die gewünschte Richtung bewegen, „und nicht verstärkt werden jene, die es nicht tun“. Der nächste Abschnitt beschreibt diesen Aufsatz genauer.

Die Löschung entfernt nicht nur alte Reaktionen. Sie hilft auch, die nächste Annäherung hervorzubringen, weil Verhalten variabler wird, wenn die Verstärkung ausbleibt. Auch der Dorsch nennt diesen Punkt: Durch Verhaltensvariabilität lasse sich Shaping zum Aufbau „bisher nicht gezeigter Verhaltensweisen“ nutzen. Neuringer und Kollegen beschreiben in ihrer Studie von 2001 ein frühes Beispiel. In einer Studie von John Antonitis aus dem Jahr 1951 bekamen Ratten eine Verstärkung, wenn sie ihre Nase an einer beliebigen Stelle einer 50 Zentimeter langen Öffnung hineinsteckten. Im Training wurde der Ort ihrer Nasenstöße immer vorhersagbarer. Als die Verstärkung ausblieb, verteilten sich die Stöße über die ganze Öffnung.

Eine Studie von Allen Neuringer, Nate Kornell und Matt Olufs aus dem Jahr 2001 fand dasselbe Muster bei Reaktionsfolgen von Ratten. In der Löschung wurden seltene Folgen häufiger, aber die häufigsten Folgen blieben die häufigsten. Die Autoren verbanden das mit Shaping:

Auch beim operanten Shaping wechseln sich Verstärkungen mit einem vorübergehenden Zurückhalten der Verstärkung ab. Man nimmt an, dass das Zurückhalten der Verstärkung die Variabilität erzeugt, die Shaping braucht.
— Allen Neuringer, Nate Kornell und Matt Olufs, 2001, in eigener Übersetzung

Sie schrieben, kurzzeitige Löschung sei „Teil des Shaping-Prozesses“. Eine Taube, die für einen Blick zur Kugel kein Futter mehr bekommt, hört nicht auf, sich zu bewegen. Sie variiert, was sie tut, und der Trainer verstärkt die neue Bewegung, die einen Schritt näher an der Kugel liegt. Die Studie von 2001 maß Löschung, nicht Shaping selbst. Sie erklärt also, warum Shaping funktioniert, prüft es aber nicht direkt.

Shaping beim Menschen: die Kaugummi-Studie

Skinner glaubte, dass Shaping einen großen Teil der menschlichen Entwicklung erklärt. In Science and Human Behavior schrieb er, ein Kind lerne so zu stehen, zu gehen und Dinge zu greifen. Verstärkt werde dabei Verhalten, das ein wenig über das Bisherige hinausgeht. Später lerne das Kind „durch denselben Prozess“ zu sprechen. Das war eine Behauptung, kein Experiment. Für die Sprache widersprach Noam Chomsky 1959 in seiner Rezension von Skinners Verbal Behavior. Er schrieb: „Es stimmt einfach nicht, dass Kinder Sprache nur durch die ‚peinlich genaue Sorgfalt‘ von Erwachsenen lernen können, die ihr verbales Repertoire durch sorgfältige differenzielle Verstärkung formen.“

Dokumentierte Fälle von Shaping beim Menschen sind enger gefasst. 1960 veröffentlichten Wayne Isaacs, James Thomas und Israel Goldiamond einen davon im Journal of Speech and Hearing Disorders. Sie arbeiteten mit zwei Klinikpatienten mit der Diagnose Schizophrenie, die nicht mehr sprachen. Patient A war 40 Jahre alt. Laut dem Bericht verstummte er fast sofort nach seiner Aufnahme in die Klinik, 19 Jahre zuvor. Patient B hatte seit 14 Jahren nicht mehr gesprochen.

In einer Gruppensitzung fiel dem Versuchsleiter versehentlich eine Packung Kaugummi aus der Tasche. Die Augen von Patient A bewegten sich zu ihr hin und wieder zurück. Der Versuchsleiter wählte diese kleine Reaktion als Anfang. In Einzelsitzungen dreimal pro Woche ging das Verfahren in Stufen weiter:

  1. 1.Wochen 1 und 2: Der Versuchsleiter hielt einen Kaugummistreifen hoch und gab ihn dem Patienten, wenn sich seine Augen darauf zubewegten.
  2. 2.Wochen 3 und 4: Den Kaugummi gab es erst nach einer Bewegung der Lippen, dann erst nach einem Laut. Am Ende dieser Stufe löste der Kaugummi Augenbewegung, Lippenbewegung und „eine Lautäußerung, die einem Krächzen ähnelte“ aus.
  3. 3.Wochen 5 und 6: Der Versuchsleiter sagte „Say gum, gum“ („Sag Kaugummi, Kaugummi“) und gab den Kaugummi nur noch für Laute, die dem Wort immer näher kamen.

In der sechsten Sitzung, am Ende von Woche 6, sagte der Patient: „Gum, please“, also „Kaugummi, bitte“. Danach beantwortete er Fragen nach seinem Namen und seinem Alter. Zuerst antwortete er nur dem Versuchsleiter. Die Autoren versuchten dann, sein Sprechen auf andere Menschen zu übertragen. Nach einem Monat begann er, die Fragen einer Pflegerin zu beantworten.

Der Bericht hat klare Grenzen. Die Autoren nannten ihn einen „vorläufigen Bericht“. Er beschreibt zwei Patienten ohne Vergleichsgruppe, jeden mit einem anderen Versuchsleiter, und die nummerierten Wochen folgten nicht in regelmäßigen Abständen. Er zeigt, wie ein Verfahren Sprechen Annäherung für Annäherung aufbauen kann. Er ist kein Beleg dafür, dass Shaping Schizophrenie behandelt. Dasselbe Prinzip taucht in der späteren Rehabilitationsforschung auf. Edward Taub und Kollegen beschrieben 1994 eine Behandlung für Menschen, deren Schlaganfall lange zurücklag. Zwei Wochen lang wurde die Bewegung des nicht betroffenen Arms eingeschränkt und der betroffene Arm trainiert. Ihre Zusammenfassung berichtet große Verbesserungen der Motorik. Dazu kommen „vorläufige Daten“, nach denen Shaping mit verbaler Rückmeldung die motorische Erholung weiter verbessert.

Wo Shaping scheitert: instinktive Drift

Nach 1943 trainierten Keller und Marian Breland Tiere für Schaufenster, Messen und das Fernsehen. In ihrem Aufsatz The misbehavior of organisms von 1961 berichteten sie, sie hätten „38 Arten mit insgesamt über 6.000 einzelnen Tieren“ konditioniert. Der Aufsatz handelt von den Fällen, die schiefgingen.

Einer davon war ein Schwein. Es war darauf konditioniert, „große Holzmünzen aufzuheben und in ein großes ‚Sparschwein‘ zu werfen“, meist vier oder fünf Münzen für eine Verstärkung. Das Training begann mit einem kleinen Schritt: „Natürlich fingen wir mit einer Münze an, nahe am Sparschwein.“ Das Schwein lernte die Aufgabe. Dann brach das Verhalten zusammen, „bei Schwein um Schwein, meist nach Wochen oder Monaten“. Das Schwein ließ die Münze immer wieder fallen, schob sie mit der Schnauze über den Boden, ließ sie wieder fallen und wühlte weiter.

Ein Waschbär durchlief ähnliche Stufen. Er bekam eine Belohnung zuerst für das Aufheben einer Münze, dann für das Fallenlassen in eine Metallbox, dann für zwei Münzen. Auf der letzten Stufe verbrachte er „Sekunden, sogar Minuten“ damit, die Münzen aneinanderzureiben, „auf höchst geizige Weise“, und sie in den Behälter zu tauchen. Die Brelands führten jedes Scheitern auf das Futterverhalten der Art zurück: das Wühlen beim Schwein, das sogenannte Waschen beim Waschbären. Diese Verhaltensweisen verzögerten die Belohnung, obwohl die Aufgabe sie nicht verlangte.

Die Brelands nannten das „instinctive drift“, auf Deutsch instinktive Drift. Sie fassten es so zusammen: „Gelerntes Verhalten driftet zum instinktiven Verhalten.“ Nach 14 Jahren Arbeit kamen sie zu dem Schluss, dass man das Verhalten keiner Art verstehen kann „ohne Wissen über ihre instinktiven Muster, ihre Evolutionsgeschichte und ihre ökologische Nische“. Für Shaping heißt das: Ein Trainer kann Verhalten Schritt für Schritt weit verschieben. Das Ergebnis kann aber zu dem zurückdriften, was die Art von Natur aus tut.

Shaping, Chaining und Autoshaping im Vergleich

Shaping, Chaining und Autoshaping im Vergleich.
FrageShapingChainingAutoshaping
Was wird gelernt?Eine neue Form einer einzelnen ReaktionEine Folge von Reaktionen in fester ReihenfolgeEine Reaktion auf ein Signal, etwa ein Picken auf eine beleuchtete Taste
Was wird verstärkt?Immer genauere Annäherungen; frühere Formen bringen keine Verstärkung mehrDie letzte Reaktion der Folge; bei der Rückwärtsverkettung verstärkt der Reiz jedes Schritts den Schritt davorNichts: Das Futter folgt auf das Signal, egal was das Tier tut
Art der KonditionierungOperantOperantPawlowsch (klassisch)
Klassisches BeispielSkinners kegelnde Taube, 1943Skinners Ratte Pliny: an einer Schnur ziehen, eine Murmel nehmen, sie in ein Rohr fallen lassenDie Tauben von Brown und Jenkins, 1968

Das APA Dictionary definiert Chaining als eine Technik der operanten Konditionierung, mit der eine komplexe Verhaltensfolge gelernt wird. Die primäre Verstärkung kommt erst nach der letzten Reaktion. Bei der Rückwärtsverkettung (backward chaining) wird die letzte Reaktion zuerst gelernt. Ihr Reiz wird dann zu einem konditionierten Verstärker für die Reaktion davor. Bei der Vorwärtsverkettung (forward chaining) wird zuerst der erste Schritt gelernt, dann der zweite und so weiter.

Der Unterschied zwischen Shaping und Chaining ist die Einheit. Shaping verändert die Form einer Reaktion: Aus einem Blick zur Kugel wird ein Stoß gegen die Kugel. Chaining fügt getrennte Reaktionen zu einer Reihenfolge zusammen. Beide Verfahren arbeiten oft zusammen. OpenStax schreibt, Shaping werde oft genutzt, um „ein komplexes Verhalten oder eine Kette von Verhaltensweisen“ beizubringen. Und Skinner schrieb, jeder Schritt in Plinys Kette habe „über eine Reihe von Annäherungen erarbeitet werden“ müssen.

Autoshaping ist der Begriff, der am leichtesten in die Irre führt, weil „Shaping“ in seinem Namen steckt. In einer Studie von Paul Brown und Herbert Jenkins aus dem Jahr 1968 lernten Tauben, auf eine Taste zu picken, die kurz vor dem Futter aufleuchtete. Das Futter kam, ob sie pickten oder nicht. Keine Reaktion wurde verstärkt, also wurde auch keine Reaktion geformt. Das Lernen hing von der Paarung von Licht und Futter ab, in dieser Reihenfolge. Deshalb gilt Autoshaping als klassische, also pawlowsche Konditionierung.

Klausurbeispiele einordnen

Prüfungsfragen beschreiben eine Trainingssituation und fragen, welches Verfahren sie zeigt. Stell dir zwei Fragen. Verschiebt sich die Anforderung, sodass eine grobe Version, die früher belohnt wurde, jetzt nichts mehr bringt? Dann ist es Shaping. Werden getrennte Handlungen in einer festen Reihenfolge verbunden, mit der Belohnung am Ende? Dann ist es Chaining.

Sechs Klausurszenarien und das Verfahren, das jedes zeigt.
SzenarioWas passiertVerfahren
Eine Therapeutin lobt ein Kind für den Laut „b“, dann nur noch für „ba“, dann nur noch für „Ball“; frühere Laute bringen kein Lob mehrDie Anforderung rückt auf das Ziel zuShaping
Ein Vater bringt das Händewaschen vom Ende her bei: zuerst Abtrocknen, dann Abspülen und Abtrocknen, dann den ganzen AblaufGetrennte Schritte in fester Reihenfolge, vom letzten Schritt aus gelerntRückwärtsverkettung (Chaining)
Ein Hund sitzt schon auf Kommando und bekommt jedes Mal ein Leckerli, wenn er sitztDas ganze Verhalten tritt schon auf und wird verstärktVerstärkung, kein Shaping
Eine Taube pickt auf eine Taste, die vor dem Futter aufleuchtet, obwohl das Futter in jedem Fall kommtKeine Reaktion wird verstärktAutoshaping (klassische Konditionierung)
Ein Schwein, das Münzen zu einem Sparschwein tragen soll, lässt sie fallen und wühlt sie herum, und sein Futter kommt späterGelerntes Verhalten driftet zum instinktiven VerhaltenInstinktive Drift
Eine Ratte bekommt für das Hebeldrücken kein Futter mehr und drückt seltenerDie Verstärkung hat aufgehörtLöschung (Extinktion)

Zwei Fallen sind häufig. Die erste ist eine Anforderung, die in der Menge wächst statt in der Form. Das Beispiel von OpenStax ist ein Kind, das zuerst für das Wegräumen eines Spielzeugs belohnt wird, dann für fünf Spielzeuge und am Ende für das ganze Zimmer. OpenStax nennt auch das Shaping, weil die Anforderung auf das Ziel zurückt. Die zweite Falle ist das Wort „Autoshaping“. Kommt das Futter, egal was das Tier tut, wird nichts geformt.

Die Begriffe auseinanderhalten

Shaping, sukzessive Approximation, differenzielle Verstärkung, Chaining, Autoshaping, instinktive Drift und Löschung verwechselt man leicht. Jeder Begriff beschreibt, wie Training ein Verhalten aufbaut oder zerfallen lässt. Lies die Definitionen deshalb nicht nur noch einmal. Nimm ein neues Szenario, deck die Lösung ab und stell die zwei Fragen aus dem letzten Abschnitt. Unser Leitfaden zum Lernen psychologischer Fachbegriffe erklärt, welche Lernmethoden die stärksten Belege haben.

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Häufige Fragen

Was ist Shaping in der Psychologie einfach erklärt?

Shaping ist ein Weg, ein Verhalten beizubringen, das nicht von selbst auftritt. Du belohnst eine grobe erste Version, verlangst vor der nächsten Belohnung eine etwas bessere und wiederholst das, bis das ganze Verhalten da ist. Jede dieser Versionen heißt sukzessive Approximation. Auf Deutsch sagt man auch Verhaltensformung.

Was ist ein Beispiel für Shaping?

Das klassische Beispiel ist Skinners Taube von 1943. Sie bekam zuerst Futter für einen Blick zur Kugel, dann für eine Kopfbewegung zur Kugel, dann für eine Berührung. Am Ende brachte nur noch ein Stoß Futter. Ein Beispiel beim Menschen ist eine Therapeutin, die ein Kind für „b“ lobt, dann nur noch für „ba“ und dann nur noch für „Ball“.

Ist Shaping positive Verstärkung?

Shaping nutzt meist positive Verstärkung für die aktuelle Annäherung: Futter bei Skinners Tauben, Kaugummi in der Studie von 1960. Shaping ist aber nicht nur Verstärkung. Frühere Annäherungen bringen keine Belohnung mehr, also steckt in jedem Schritt auch Löschung. Die zusätzliche Variation, die Löschung erzeugt, hilft vermutlich der nächsten Annäherung. Bestrafung gehört nicht dazu.

Wie lange dauert Shaping?

Das hängt vom Abstand zwischen der ersten Reaktion und dem Ziel ab. Skinner schrieb, eine hungrige Taube, die an die Box und den Futterspender gewöhnt ist, lerne in zwei oder drei Minuten, auf einen Punkt zu picken. In der Kaugummi-Studie von 1960 kamen die ersten Worte des Patienten am Ende der sechsten Sitzungswoche.

Wird Shaping in der Verhaltenstherapie eingesetzt?

Ja. Das Lexikon der Psychologie von Spektrum führt Shaping als Methode der Verhaltenstherapie, etwa um Kindern mit geistiger Behinderung lebenspraktische Fähigkeiten wie das Anziehen beizubringen. Auch die angewandte Verhaltensanalyse (ABA) arbeitet mit Shaping. Gregory Galbicka schlug 1994 im Journal of Applied Behavior Analysis Perzentilpläne vor, um das Kriterium für jeden Schritt festzulegen. Dabei bleibe die Rücksicht auf das Repertoire des einzelnen Menschen erhalten, die er das „Kennzeichen des Shaping“ nennt. Ob Shaping zu einem konkreten Problem eines Kindes passt, klärt eine Psychotherapeutin oder ein Psychotherapeut.

Quellen

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  3. 3.Dorsch – Lexikon der Psychologie (2019). Shaping. Hogrefe.
  4. 4.American Psychological Association (2018). Shaping. APA Dictionary of Psychology.
  5. 5.American Psychological Association (2018). Chaining. APA Dictionary of Psychology.
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  7. 7.Spielman, R. M., Jenkins, W. J., & Lovett, M. D. (2020). Psychology 2e, 6.3 Operant conditioning. OpenStax.
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  10. 10.Breland, K., & Breland, M. (1961). The misbehavior of organisms. American Psychologist, 16, 681–684.
  11. 11.Brown, P. L., & Jenkins, H. M. (1968). Auto-shaping of the pigeon’s key-peck. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 11(1), 1–8.
  12. 12.Taub, E., Crago, J. E., Burgio, L. D., Groomes, T. E., Cook, E. W., DeLuca, S. C., & Miller, N. E. (1994). An operant approach to rehabilitation medicine: Overcoming learned nonuse by shaping. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 61(2), 281–293.
  13. 13.Galbicka, G. (1994). Shaping in the 21st century: Moving percentile schedules into applied settings. Journal of Applied Behavior Analysis, 27(4), 739–760.
  14. 14.Chomsky, N. (1959). A review of B. F. Skinner’s Verbal Behavior. Language, 35(1), 26–58.

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