Das Robbers-Cave-Experiment war ein Feldexperiment des Sozialpsychologen Muzafer Sherif und seines Teams im Sommer 1954. Es fand in einem Pfadfinderlager im Robbers Cave State Park in Oklahoma statt. 22 etwa elfjährige Jungen, die sich vorher nicht kannten, bildeten zwei Gruppen: die Rattlers und die Eagles. Ein Turnier mit Preisen machte die Gruppen zu Feinden. Gemeinsame Ziele, die keine Gruppe allein erreichen konnte, bauten die Feindschaft schrittweise wieder ab. Sherif schloss daraus: Ob sich Gruppen feindlich oder freundlich begegnen, hängt vor allem davon ab, ob ihre Ziele gegeneinander oder miteinander stehen.
Dieser Artikel stützt sich auf Sherifs eigenen Bericht. Er erschien 1961 als Buch und steht vollständig online. Zitate daraus stehen hier in eigener Übersetzung und mit Seitenzahl. Dazu kommen Archivfunde der Psychologin Gina Perry und anderer Fachleute für Psychologiegeschichte. Sie zeigen, wie stark die Erwachsenen im Lager den Verlauf lenkten.
- Robbers Cave war Sherifs dritter Ferienlager-Versuch. Die Studie von 1949 kam bis zur Konfliktphase, die von 1953 brach Sherif ab. Nur 1954 lief durch alle drei Phasen.
- 22 Jungen fuhren ins Lager, 20 blieben bis zum Ende. Zwei Eagles fuhren am Ende der ersten Phase wegen Heimweh nach Hause.
- Gemeinsame Mahlzeiten und ein gemeinsamer Film verringerten die Feindschaft nicht. Erst eine Reihe übergeordneter Ziele senkte die negativen Urteile über die andere Gruppe deutlich.
- Der Bericht selbst nennt mehrere gelenkte Momente: Das Team schob Punkte zugunsten der Eagles hin und her, manipulierte die Schatzsuche und inszenierte die Wasserkrise.
- Die Jungen wurden nie über das Experiment aufgeklärt. Einige erfuhren erst mehr als 50 Jahre später durch Gina Perry, dass sie Versuchspersonen gewesen waren.
Was das Robbers-Cave-Experiment ist
Das Robbers-Cave-Experiment ist die bekannteste von Sherifs Ferienlager-Untersuchungen zu Konflikten zwischen Gruppen. Das Dorsch Lexikon der Psychologie ordnet diese Untersuchungen der Theorie des realistischen Gruppenkonflikts zu. Nach dieser Theorie entstehen Konflikte zwischen Gruppen durch den Wettbewerb um knappe Ressourcen. Die Ziele der Gruppen sind dann unvereinbar: Was die eine Gruppe gewinnt, verliert die andere. Der Dorsch nennt als Beispiel ein Pokalspiel, in dem nur eine Mannschaft gewinnen kann. Spannungen sinken nach dieser Theorie, wenn beide Gruppen ein übergeordnetes Ziel haben, das sie nur gemeinsam erreichen.
Sherif stammte aus der Türkei. Er hatte 1935 an der Columbia University in Sozialpsychologie promoviert, wie die Historikerin Jennifer Bazar in einem Beitrag über die Lagerstudien beschreibt. Die Studie von 1954 lief an der University of Oklahoma, mit Geld der Rockefeller Foundation. Robbers Cave war nicht sein erster Versuch. Die folgende Tabelle zeigt die drei Lager nach den Angaben von Bazar und Sherifs Vorwort von 1954.
| Jahr | Lager | Gruppen | Wie weit die Studie kam |
|---|---|---|---|
| 1949 | Happy Valley Camp, Winsted, Connecticut | Red Devils und Bulldogs | Gruppenbildung und Konflikt |
| 1953 | Camp Talualac, Middle Grove, New York | Panthers und Pythons | in der Konfliktphase abgebrochen |
| 1954 | Camp Tom Hale im Robbers Cave State Park, Oklahoma | Rattlers und Eagles | alle drei Phasen, mit Versöhnung |
1949 hatte das Team die Spannung laut Bericht „aus Zweckmäßigkeit“ mit einem gemeinsamen Gegner abgebaut. 1954 verzichtete Sherif bewusst darauf. Ein gemeinsamer Feind bedeutet nach seinem Bericht, den Konflikt auszuweiten (Kapitel 7, S. 152).
Wer teilnahm und wie die Jungen ausgewählt wurden
Sherif wollte ausschließen, dass Herkunft, Vorurteile oder persönliche Probleme den späteren Konflikt erklären. Deshalb wählte sein Team die Jungen nach strengen Regeln aus (Kapitel 3, S. 59–64):
- Die Familien waren protestantisch, gehörten zur Mittelschicht und lebten schon lange in der Gegend. Jeder Junge lebte mit beiden leiblichen Eltern.
- Kein Junge hatte eine Klasse wiederholt oder galt in Schule und Familie als schwierig.
- Alle waren Fünftklässler, die ins sechste Schuljahr kamen. Das Durchschnittsalter lag bei 11 Jahren und 1 Monat.
- Alle kamen aus Oklahoma City. Aus jeder Schule nahm das Team nur einen Jungen, damit sich niemand kannte.
Nach Bazar waren alle Jungen außerdem weiß. Die Auswahl war aufwendig. Das Team beobachtete Fünftklässler auf Schulhöfen und sammelte etwa 200 Namen. Mit den Eltern von etwa 50 Jungen sprach es.
Geplant waren 24 Teilnehmer, die strengen Regeln ergaben 22. Den Eltern sagte das Team, das Lager untersuche das Zusammenspiel in Mannschaften und zwischen Mannschaften. Besuche waren verboten, und die Teilnahme kostete 25 Dollar.
Gina Perry beschreibt einen weiteren Punkt. Sherifs Mitarbeiter O. J. Harvey wählte 1954 bewusst sportliche Jungen aus. Das Team erwartete, dass sportliche Jungen ehrgeiziger sind und sich stärker mit ihrer Mannschaft identifizieren (Perry 2014).
Das Team teilte die 22 Jungen in zwei gleich starke Gruppen zu je elf. Es glich Größe, Gewicht, sportliches Können und Beliebtheit ab. Ein Münzwurf entschied, welcher Beobachter welche Gruppe bekam (S. 65). Am Ende der ersten Phase fuhren zwei Eagles wegen Heimweh nach Hause. Danach hatten die Eagles nur noch neun Mitglieder (Kapitel 5, S. 100).
Der Ablauf in drei Phasen
Das Experiment dauerte drei Wochen. Es fand auf einem eingezäunten Gelände der Boy Scouts of America statt, das 200 Acre groß war, also etwa 80 Hektar. Das Gelände war ganz vom Robbers Cave State Park umgeben (S. 65–66). Die Beobachter traten als Betreuer auf und schrieben ihre Notizen außer Sichtweite. Ein verstecktes Tonbandgerät nahm Gespräche auf, und das Team machte 1.200 Fotos (Kapitel 4, S. 73).
Phase 1: Gruppenbildung
Die erste Gruppe kam am 19. Juni 1954 an, die zweite am 20. Juni. Die Gruppen wohnten in getrennten Hütten und wussten zunächst nichts voneinander (S. 75). Sie wanderten, zelteten und kochten, und dabei bildeten sich Anführer und feste Regeln. Ihre Namen gaben sich die Gruppen erst gegen Ende dieser Phase, die sieben bis acht Tage dauerte.
Schon vor dem ersten Wettkampf sprachen die Rattlers von „unserem“ Baseballfeld. Dann erzählte ihnen das Personal, eine andere Gruppe wolle sie herausfordern. Ihre Antwort: „Das können sie nicht. Wir fordern sie zuerst heraus … Die haben Nerven …“ (S. 79).
Phase 2: Wettkampf und Feindschaft
Das Team kündigte ein Turnier an. Als Preise lagen ein Pokal, Medaillen und elf Taschenmesser mit vier Klingen aus, nur für die Gewinner (S. 98). Zum Turnier gehörten zwei Arten von Wettbewerben (Kapitel 5, S. 99):
- Wettbewerbe, deren Ergebnis die Jungen selbst sehen konnten: Baseball, Tauziehen, Touch Football und Zeltaufbau
- Wettbewerbe, die das Personal bewertete: drei Hüttenkontrollen, Sketche und Lieder sowie eine Schatzsuche
Nach dem verlorenen ersten Tauziehen holten die Eagles die Fahne der Rattlers herunter und verbrannten sie (S. 104). Danach folgten Überfälle auf die Hütten und immer neue Beschimpfungen. Am Ende dieser Phase wählten die Jungen rund 93 Prozent ihrer Freunde aus der eigenen Gruppe (Kapitel 6, S. 119). In einem Fragebogen bewerteten sie Eigenschaften der anderen Gruppe. 53 Prozent der Urteile der Rattlers und 76,9 Prozent der Urteile der Eagles waren ungünstig (S. 138).
Am Übergang zur dritten Phase folgte ein Bohnen-Wettbewerb. Die Jungen sammelten Bohnen, und danach zeigte ein Projektor angeblich die Ausbeute jedes Jungen. Die Jungen schätzten die Zahl der Bohnen. Tatsächlich zeigte jedes Bild genau 35 Bohnen (Kapitel 7, S. 155). Trotzdem schätzten die Jungen die Leistung der eigenen Gruppe höher und die der anderen Gruppe niedriger (Kapitel 8, S. 208).
Phase 3: erst Kontakt, dann übergeordnete Ziele
In der dritten Phase prüfte Sherif zuerst, ob bloßer Kontakt hilft. Die Gruppen aßen zusammen, sahen gemeinsam einen Film und machten zusammen den Bohnen-Test. Das Personal zog sich dabei zurück. Die Gruppen nutzten diese Treffen aber für Beschimpfungen. Bei den gemeinsamen Mahlzeiten warfen sie mit Brötchen, Servietten und Kartoffelbrei (S. 153–158).
Danach führte das Team mehrere übergeordnete Ziele ein. Sherif definierte sie als Ziele, die beide Gruppen stark wollen, aber keine Gruppe allein erreichen kann (S. 202):
- 1.Wasser: Das ganze Lager hatte plötzlich kein Trinkwasser mehr. Beide Gruppen suchten die Leitung ab und trafen sich am Wassertank. Dort fand ein Rattler einen Sack im Wasserhahn. Jungen aus beiden Gruppen arbeiteten über 45 Minuten abwechselnd daran, bis das Personal den Hahn mit Werkzeug freibekam (S. 161–163).
- 2.Film: Die Jungen wollten „Die Schatzinsel“ sehen. Der Film kostete 15 Dollar, und das Lager zahlte nicht alles. Die Gruppen einigten sich, dass jede Gruppe 3,50 Dollar zahlt (S. 165–166).
- 3.Lastwagen: Bei einem Zeltausflug an den Cedar Lake sprang der Lastwagen mit dem Essen nicht an. Die Jungen zogen ihn gemeinsam mit „ihrem“ Tauziehseil an (S. 170–171).
Die Wirkung kam nicht auf einmal. Nach den ersten gemeinsamen Aufgaben brachen die alten Fronten oft wieder auf. Am Abend nach der Wasseraufgabe warfen die Gruppen beim Essen wieder mit Resten, Kronkorken und Papier, bis das Personal einschritt (S. 164). Erst die Reihe der Aufgaben veränderte die Lage. Am letzten Tag wollten die meisten Jungen in einem einzigen Bus nach Hause fahren. Unterwegs bezahlten die Rattlers mit ihren fünf Dollar Preisgeld aus dem Bohnen-Wettbewerb Malzmilch für alle 20 Jungen (S. 182).
| Maß | Rattlers nach Phase 2 | Rattlers nach Phase 3 | Eagles nach Phase 2 | Eagles nach Phase 3 |
|---|---|---|---|---|
| Freundschaftswahlen aus der anderen Gruppe | 6,4 % | 36,4 % | 7,5 % | 23,2 % |
| Ungünstige Urteile über die andere Gruppe | 53 % | 4,5 % | 76,9 % | 22,6 % |
Die Freundschaften lagen also auch am Ende noch mehrheitlich in der eigenen Gruppe (S. 187). Die Urteile über die andere Gruppe änderten sich aber stark: Die Rattlers urteilten am Ende zu 86,3 Prozent günstig über die Eagles, die Eagles zu 68 Prozent günstig über die Rattlers (S. 192).
Was Sherif daraus schloss
Sherif zog im Schlusskapitel vier Schlüsse (Kapitel 8, S. 207–210):
- Die entscheidende Bedingung für feindliche oder freundliche Einstellungen ist die Art der Beziehung zwischen den Gruppen, gemessen an ihren Zielen. Wenn nur eine Gruppe gewinnen kann, entstehen Feindseligkeit und abwertende Stereotype.
- Zusammenhalt in der eigenen Gruppe überträgt sich nicht auf die andere Gruppe. Am Höhepunkt der Feindschaft war der Zusammenhalt in beiden Gruppen am größten.
- Kontakt ohne gegenseitige Abhängigkeit verringert Spannungen nicht. Die Gruppen nutzten solche Treffen für neue Feindseligkeiten.
- Übergeordnete Ziele wirken, aber nur in einer Reihe. Ihre Wirkung baut sich Schritt für Schritt auf.
Später fassten Muzafer Sherif und seine Frau Carolyn das Ergebnis in einem Lehrbuch zusammen. Ein Beobachter, der erst während des Konflikts dazugekommen wäre, hätte die Jungen für „gestört, bösartig oder schlecht“ gehalten. Dabei galten sie in ihren Gemeinden als die Besten. So zitieren die Sozialpsychologen Stephen Reicher und Alexander Haslam das Lehrbuch von 1969 (Reicher und Haslam 2014). Der Punkt: Die Feindschaft kam aus der Lage der Gruppen, nicht aus dem Charakter der Jungen.
Was der Bericht selbst über die Steuerung sagt
Sherifs Bericht beschreibt an mehreren Stellen selbst, wie das Team den Verlauf lenkte:
- Punkte: Die vom Personal bewerteten Wettbewerbe sollten es erlauben, „die Punkte zu jonglieren“. Beide Gruppen sollten bis zum Schluss auf den Sieg hoffen. Dieses Jonglieren musste laut Bericht „zugunsten der Eagles“ geschehen, weil sie den ersten Tag verloren hatten (S. 99).
- Schatzsuche: Das Turnier hing am Ende an der Schatzsuche. Das Team konnte sie manipulieren und ließ die Eagles gewinnen, mit 8:38 Minuten gegen 10:15 Minuten. Der Grund: Die Eagles hatten nur noch neun Mitglieder, und das Team fürchtete, die Gruppe würde nach einer Niederlage zerfallen (S. 100 und 110).
- Die verbrannte Fahne: Das Verbrennen der Fahne war eine Idee der Eagles. Das Team sorgte aber dafür, dass die Rattlers am nächsten Morgen zuerst auf das Spielfeld kamen und die Fahne fanden (S. 105).
- Wasserkrise: Das Personal drehte das Ventil am Tank zu, legte zwei große Steine darauf und stopfte Sackleinen in den Wasserhahn. Den Jungen erzählte es, früher hätten Vandalen an der Leitung gebastelt. So sollte die Schuld für den Durst nicht beim Personal liegen (S. 160–161).
- Lastwagen: Dass der Lastwagen am Cedar Lake nicht ansprang, war geplant (S. 171). Wassertank, Lastwagen und gemeinsamer Zeltausflug standen schon vor dem Lager als mögliche übergeordnete Ziele im Plan (Kapitel 2, S. 51–52).
Gina Perry bestätigt das mit einem Interview. O. J. Harvey sagte ihr 2010 über die Eagles: „Also ließen wir sie absichtlich den Wettbewerb gewinnen“ (Perry 2014). Nach Perry war das künstliche Erhöhen von Punkten 1953 und 1954 üblich.
Ein Experiment schafft immer Bedingungen, und Sherif nannte diese Eingriffe in seinem Bericht offen. Die Eingriffe ändern aber, wie man die Ergebnisse lesen sollte. Ein Teil dessen, was spontan aussieht, folgte einem Drehbuch der Erwachsenen.
Middle Grove 1953: der Versuch, der scheiterte
Über die Studie von 1953 schrieb Sherif nur wenig. Im Vorwort von 1954 heißt es, der Versuch sei in vier Phasen geplant gewesen. Das Team habe „nur zwei Phasen“ abgeschlossen, nämlich die Bildung der Gruppen (Vorwort 1954). In Kapitel 1 nennt der Bericht als Grund „verschiedene Schwierigkeiten und ungünstige Bedingungen, darunter Fehleinschätzungen in der Leitung des Experiments“ (Kapitel 1, S. 18).
Spätere Archivfunde zeichnen ein genaueres Bild. Herbert Kelman gehörte 1953 zum Team und schrieb ausführliche, unveröffentlichte Notizen. Nach Reicher und Haslam beschreiben diese Notizen, wie das Team immer wieder Konkurrenz und Konflikt erzeugen wollte. Je mehr es das versuchte, desto mehr hielten die Jungen die Erwachsenen für die eigentliche Gegengruppe. Das brachte die Jungen zusammen, statt sie zu trennen. Sherif beendete den Versuch, weil weitere Eingriffe diesen Verdacht nur verstärkt hätten (Reicher und Haslam 2014).
Gina Perry, die vorher schon die Archive zum Milgram-Experiment ausgewertet hatte, nennt weitere Einzelheiten (Perry 2014):
- Ein Junge fragte, wozu die Mikrofone unter dem Dach des Speisesaals hingen.
- Beide Mannschaften warfen dem Personal vor, die andere zu bevorzugen.
- Unter den Jungen ging das Gerücht um, sie sollten im Lager gegeneinander kämpfen. Ein Junge fand ein Notizbuch des Personals mit genauen Beobachtungen, und das Gerücht war bestätigt.
- Mitglieder des Personals rissen ein Zelt ein, damit eine Gruppe die andere beschuldigt. Ein Mann aus dem Personal sagte Perry dazu: „Es sollte sein, wie einer Ratte im Labyrinth zuzusehen. Aber man schubst die Ratte nicht.“
Laut Bazar las Frances Cherry 1995 Sherifs frühe Fußnoten genau. Danach räumte Sherif zuerst ein, dass die Jungen den Versuch durchschaut hatten. Spätere Darstellungen nannten nur noch „ungünstige Bedingungen“ und „Fehleinschätzungen“. In öffentlichen Zusammenfassungen legte Sherif die drei Lager zusammen und sprach vor allem über 1954 (Bazar 2026).
Kritik: Ethik, Stichprobe, Verallgemeinerung
Ethik
Die Eltern wussten, dass das Lager der Forschung diente. Ihnen sagte das Team aber, das Lager biete eine „gesunde, kooperative Lebenserfahrung“. Dass das Team Konflikte absichtlich herbeiführen wollte, erwähnte es nicht. Die Jungen selbst wurden nie aufgeklärt (Bazar 2026). Perry schreibt, sie habe nie damit gerechnet, dass die Jungen nichts von der Untersuchung wussten. So musste sie den Männern 60 Jahre später das Experiment erklären (Perry 2018).
Nach Perry griffen die Beobachter nicht ein, wenn ein Junge gemobbt oder ausgeschlossen wurde. Sie notierten es als Zeichen einer entstehenden Rangordnung. Gegen Essensschlachten und Beschimpfungen ging das Team kaum vor. Zwei Köche drohten zu kündigen, wenn Sherif nicht gegen Fluchen und Essenswerfen vorgehe.
Keiner der Männer aus den Lagerstudien, mit denen Perry sprach, erinnerte sich an das Lager als glückliche Zeit. Die Notizen des Teams erwähnen Bettnässen, Weglaufen und Heimweh (Perry 2014). Perry betont aber, dass ihre Gesprächspartner keine repräsentative Auswahl sind (Perry 2018).
Stichprobe und Lage
Die Jungen waren weiß, protestantisch, aus der Mittelschicht und etwa elf Jahre alt. Mädchen, Erwachsene und andere Kulturen fehlten. Die Gruppen kannten sich vorher nicht und hatten keine gemeinsame Geschichte. Konflikte zwischen echten Gruppen, etwa Nationen, haben dagegen oft eine lange Geschichte. Michael Billig wies 1976 auf einen weiteren Punkt hin: Im Lager gab es drei Gruppen, nicht zwei. Die dritte Gruppe war das Team der Erwachsenen (nach Perry 2014).
Braucht es überhaupt Wettbewerb?
Eine Prüfung mit Pfadfindergruppen, die sich schon gut kannten, fand ein anderes Bild. Andrew Tyerman und Christopher Spencer berichteten 1983, dass der Zusammenhalt in den Gruppen während der Lager nicht stieg, sondern sank. Andere Annahmen Sherifs bestätigten sie dagegen (Tyerman und Spencer 1983).
Henri Tajfel und Kollegen zeigten 1971, dass schon die bloße Einteilung in Gruppen reicht, damit Menschen die eigene Gruppe bevorzugen. Ihre Versuchspersonen bevorzugten die eigene Gruppe bei der Verteilung echter Belohnungen. Die Gruppen unterschied dabei nur eine ziemlich belanglose Einteilung. Weder Eigeninteresse noch frühere Feindschaft konnten das Verhalten erklären (Tajfel und Kollegen 1971).
Auch in Robbers Cave begann die Rivalität vor dem ersten Preis: Die Rattlers wollten die andere Gruppe herausfordern, sobald sie von ihr hörten (S. 79). Wettbewerb kann Feindschaft also verstärken. Er ist aber nicht die einzige Ursache dafür, dass Menschen die eigene Gruppe bevorzugen.
Hilft Kontakt zwischen Gruppen? Was die Forschung heute sagt
Aus Robbers Cave liest man leicht heraus, dass Kontakt zwischen Gruppen nichts bringt. Das geht zu weit. Die Kontakthypothese stammt von Gordon Allport aus dem Jahr 1954. Nach dem Dorsch-Eintrag zur Kontakthypothese senkt Kontakt Vorurteile besonders unter vier Bedingungen:
- 1.Die Beteiligten verfolgen kooperative Ziele.
- 2.Sie haben den gleichen Status.
- 3.Sie müssen zusammenarbeiten, um ihre Ziele zu erreichen.
- 4.Autoritäten unterstützen den Kontakt.
Die Kontaktsituationen in Robbers Cave erfüllten die erste und die dritte Bedingung nicht. Die übergeordneten Ziele erfüllten sie. Thomas Pettigrew und Linda Tropp fassten in einer Metaanalyse von 2006 insgesamt 515 Studien mit 713 Stichproben zusammen. Kontakt zwischen Gruppen verringerte Vorurteile in der Regel. Allports Bedingungen verstärkten den Effekt, waren aber nicht notwendig (Pettigrew und Tropp 2006).
Eine neuere Metaanalyse von Elizabeth Levy Paluck und Kollegen nahm nur 27 Studien mit Zufallszuteilung und späterer Messung auf. Auch sie fand, dass Kontakt Vorurteile meist verringert. Bei ethnischen Vorurteilen waren die Effekte aber deutlich schwächer, und für Vorurteile von Erwachsenen gegenüber anderen Ethnien fehlten Studien (Paluck, Green und Green 2019). Robbers Cave zeigt also etwas Engeres: Kurze, angenehme Treffen ohne gemeinsame Aufgabe beendeten einen offenen Konflikt zwischen zwei Gruppen nicht.
Die Begriffe auseinanderhalten
Theorie des realistischen Gruppenkonflikts, übergeordnetes Ziel, Kontakthypothese, Eigengruppe und Fremdgruppe sowie das Paradigma der minimalen Gruppen gehören zum selben Themenfeld. In einer Prüfung verwechselt man sie leicht. Psychology World ist eine Wörterbuch-App mit mehr als 18.000 psychologischen Fachbegriffen. Du kannst Begriffe wie diese in einer eigenen Liste speichern. Dann übst du die Liste als Karteikarten, als Multiple Choice oder per Tippen. Der Multiple-Choice-Modus braucht eine Liste mit mindestens vier Wörtern.
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Häufige Fragen
Was ist das Robbers-Cave-Experiment, kurz erklärt?
Im Sommer 1954 teilte Muzafer Sherif 22 etwa elfjährige Jungen in einem Ferienlager in Oklahoma in zwei Gruppen. Erst bildeten die Gruppen getrennt einen festen Zusammenhalt. Dann machte ein Turnier mit Preisen sie zu Feinden. Bloße gemeinsame Treffen halfen nicht. Erst gemeinsame Aufgaben, die keine Gruppe allein lösen konnte, verringerten die Feindschaft.
Welche Hypothesen prüfte Sherif im Ferienlager-Experiment?
Sherif sagte vorher voraus, dass Wettbewerb zwischen Gruppen abwertende Stereotype und mehr Zusammenhalt in der eigenen Gruppe erzeugt. Für die dritte Phase sagte er voraus, dass Kontakt allein die Spannung nicht deutlich senkt. Übergeordnete Ziele dagegen sollten zu Zusammenarbeit führen, und ihre Wirkung sollte sich über mehrere Aufgaben aufbauen (Kapitel 2, S. 46–52).
Woher hat das Experiment seinen Namen?
Der Name kommt vom Ort. Das Lager war 1954 ein Gelände der Boy Scouts of America im Südosten von Oklahoma. Es lag in den Sans Bois Mountains und war ganz vom Robbers Cave State Park umgeben. Im Deutschen heißt die Studie auch Ferienlager-Experiment. Der Dorsch spricht von Ferienlageruntersuchungen und meint damit Sherifs Lagerstudien insgesamt.
Ist das Ferienlager-Experiment dasselbe wie Sherifs Lichtpunkt-Experiment?
Nein. Das Lichtpunkt-Experiment ist eine ältere Studie Sherifs aus den 1930er-Jahren zur Bildung von Normen. Versuchspersonen schätzten in einem dunklen Raum, wie weit sich ein ruhender Lichtpunkt scheinbar bewegt. In der Gruppe näherten sich ihre Schätzungen einer gemeinsamen Norm an. Diese Norm behielten sie auch später allein bei (Kapitel 1, S. 13–14).
Quellen
- 1.Sherif, M., Harvey, O. J., White, B. J., Hood, W. R., und Sherif, C. W. (1954/1961). Intergroup Conflict and Cooperation: The Robbers Cave Experiment. University of Oklahoma Book Exchange. Classics in the History of Psychology.
- 2.Dorsch – Lexikon der Psychologie. Theorie des realistischen Gruppenkonflikts.
- 3.Dorsch – Lexikon der Psychologie. Kontakthypothese.
- 4.Perry, G. (2014). The view from the boys. The Psychologist, British Psychological Society.
- 5.Perry, G. (2018). Behind the mask of science is the art of narrative. The Psychologist, British Psychological Society.
- 6.Reicher, S., und Haslam, S. A. (2014). Camps, conflict and collectivism. The Psychologist, British Psychological Society.
- 7.Bazar, J. L. (2026). Journey to Robbers Cave. Behavioral Scientist.
- 8.Tyerman, A., und Spencer, C. (1983). A critical test of the Sherifs' Robber's Cave experiments. Small Group Behavior, 14(4), 515–531.
- 9.Tajfel, H., Billig, M. G., Bundy, R. P., und Flament, C. (1971). Social categorization and intergroup behaviour. European Journal of Social Psychology, 1(2), 149–178.
- 10.Pettigrew, T. F., und Tropp, L. R. (2006). A meta-analytic test of intergroup contact theory. Journal of Personality and Social Psychology, 90(5), 751–783.
- 11.Paluck, E. L., Green, S. A., und Green, D. P. (2019). The contact hypothesis re-evaluated. Behavioural Public Policy, 3(2), 129–158.