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Latentes Lernen: was Blodgetts und Tolmans Ratten wirklich zeigten

Latentes Lernen bleibt verborgen, bis es einen Grund gibt, es zu zeigen: was Blodgett und Tolman fanden, die Kritik daran und Beispiele für die Klausur.

Konditionierung19 Min. Lesezeit
Von Psychology World

Latentes Lernen ist Lernen, das sich nicht sofort im Verhalten zeigt, sondern erst später, wenn es einen Anlass dafür gibt. Den klassischen Beleg liefern Ratten, die tagelang durch ein Labyrinth liefen, ohne am Ende Futter zu finden. Sie bogen weiter oft falsch ab, bis Futter auftauchte. Innerhalb von zwei Tagen danach liefen sie fast ohne Fehler. Sie hatten das Labyrinth die ganze Zeit gelernt, aber keinen Grund gehabt, es zu zeigen.

Die meisten Zusammenfassungen nennen nur Edward Tolman und zeigen eine Grafik mit drei Kurven. Dieser Artikel zeigt, wer den Begriff wirklich prägte, was in den Originalarbeiten steht und wie vorsichtig die Autoren selbst waren. Dazu kommen die Kritik, der Unterschied zu implizitem und inzidentellem Lernen und drei Fragen, mit denen du Klausurbeispiele einordnest. Zitate aus den englischen Originalarbeiten stehen hier in eigener Übersetzung.

  • Der Begriff stammt von Hugh Blodgett, dessen Experiment 1929 erschien. Tolman, der das latente Lernen bekannt machte, schrieb Blodgett das erste Experiment und das Konzept zu.
  • In der Studie von Tolman und Honzik (1930) fanden Ratten am 11. Tag zum ersten Mal Futter. Am nächsten Tag sanken ihre Fehler stark. Die Autoren deuteten das vorsichtiger als die meisten Zusammenfassungen.
  • „Latent“ heißt: in der Leistung verborgen. Bei den Ratten beschreibt das Wort, was die Fehlerzahlen nicht zeigten, nicht, was den Tieren bewusst war.
  • Die Versuche trennen Lernen und Leistung. Die Belohnung änderte, was die Ratten mit ihrem Wissen taten. Albert Bandura fand dieselbe Trennung später beim Lernen am Modell.
  • Ob es Lernen ganz ohne Belohnung gibt, war jahrzehntelang umstritten. Als mögliche versteckte Belohnungen galten etwa Neugier und das Entkommen aus dem Labyrinth.

Was latentes Lernen bedeutet

Das Glossar zum Lehrbuch Allgemeine Psychologie von Müsseler und Rieger gibt eine kurze Definition. Latentes Lernen ist dort „Lernen, das sich nicht unmittelbar im Verhalten zeigt, sondern erst zu einem späteren Zeitpunkt bei passender Gelegenheit im Verhalten manifest wird“. Das APA Dictionary of Psychology geht weiter. Laut seinem Eintrag entsteht latentes Lernen ohne bewusste Anstrengung, ohne Bewusstheit, ohne Absicht und ohne Verstärkung. Es zeigt sich erst dann als Veränderung der Leistung, wenn ein konkreter Bedarf entsteht.

Das APA-Wörterbuch gibt zwei Beispiele. Eine Studentin zitiert in einer Prüfung eine Textstelle richtig, obwohl sie sich nie bemüht hat, sie zu lernen. Eine Ratte, die ein Labyrinth ohne Belohnung erkundet hat, findet das Ziel später schneller als eine Ratte ohne diese Erfahrung.

In der Definition stecken zwei Ideen. Die erste ist Lernen ohne Verstärkung. Bei der operanten Konditionierung ändert sich ein Verhalten durch seine Folgen. Das zeigen die vier Fälle der operanten Konditionierung, und die Verstärkerpläne zeigen, wie der Zeitpunkt der Verstärkung wirkt. Latentes Lernen ist die Behauptung, dass manches Lernen ohne eine solche Folge geschieht. Die zweite Idee ist der Unterschied zwischen Lernen und Leistung. Was ein Tier weiß und was es tut, ist nicht dasselbe. Ein Test, der nur das Verhalten misst, kann Gelerntes übersehen.

Das Wort „latent“ bezieht sich auf die zweite Idee. Der Psychologe Donald Thistlethwaite beschrieb 1951 zwei Bedeutungen des Begriffs. In der ersten ist latentes Lernen ein Lernen, das sich nicht in den Leistungswerten zeigt. In der zweiten ist es ein Lernen, bei dem der Anreiz nicht zum aktuellen Bedürfnis des Tieres passt. Blodgett prägte den Begriff in der ersten Bedeutung. Die APA-Definition ergänzt, dass das Lernen ohne Bewusstheit und Absicht geschieht. Das passt zu den Beispielen mit Menschen. Bei den Ratten hat niemand Bewusstheit gemessen. Verborgen war die Leistung.

Was die Ratten erwarben, nannte Tolman eine kognitive Karte. Das Dorsch-Lexikon der Psychologie beschreibt die kognitive Karte als räumliches Wissen im Langzeitgedächtnis. Mit diesem Wissen orientieren sich Menschen und Tiere über den sichtbaren Raum hinaus und erreichen Ziele, die sie nicht sehen. Laut Dorsch führte Tolman den Begriff 1948 ein, um latente räumliche Lernleistungen von Ratten in Labyrinthen zu erklären.

Am Ende des APA-Eintrags steht, dass Tolman das latente Lernen als Erster beschrieben habe. Tolman selbst sah das anders.

Blodgetts Experiment von 1929: woher der Begriff stammt

Die meisten Zusammenfassungen beginnen mit Tolman. Tolman selbst nannte einen anderen Forscher als Urheber. In seinem Aufsatz Cognitive maps in rats and men von 1948 schrieb er:

Das erste der Experimente zum latenten Lernen führte Blodgett in Berkeley durch. Es erschien 1929. Blodgett führte nicht nur die Experimente durch, er entwickelte auch das Konzept.
— Edward C. Tolman, 1948, in eigener Übersetzung

Blodgetts Arbeit heißt The effect of the introduction of reward upon the maze performance of rats. Sie ist eine gekürzte Fassung seiner Doktorarbeit, die er 1925 an der University of California einreichte.

Blodgett ließ Ratten einmal am Tag durch ein Labyrinth laufen und zählte ihre Fehler. Ein Fehler war ein Lauf in eine Sackgasse, und zwar mindestens eine Körperlänge tief. Der Hauptvergleich hatte drei Gruppen:

  • Gruppe I, die Kontrollgruppe: 36 Ratten fanden am Ende jedes Laufs Futter und fraßen dort drei Minuten lang.
  • Gruppe II: 36 Wurfgeschwister der Gruppe I. In den ersten sechs Tagen fanden sie eine leere Futterbox. Dort blieben sie zwei Minuten und bekamen ihr Futter später in einem anderen Käfig. Ab dem siebten Tag wartete am Ende des Laufs Futter.
  • Gruppe III: wie Gruppe II, aber das Futter kam schon am Ende des dritten Tages statt am Ende des siebten.

Solange die Ratten der Gruppen II und III kein Futter fanden, blieben ihre Fehlerkurven laut Blodgett fast waagerecht. Dann kam die Belohnung, und die Fehlerzahl fiel innerhalb eines Tages.

Mittlere Fehler pro Lauf im Hauptlabyrinth, aus Tabelle 1 der Arbeit von 1929. Die Kontrollgruppe lief sieben Tage.
TagGruppe I (Futter bei jedem Lauf)Gruppe II (Futter ab dem Ende von Tag 7)
12,972,89
60,692,42
70,302,28
8—0,86
9—0,25

Gruppe III zeigte dasselbe Muster vier Tage früher: 2,72 Fehler am dritten Tag und 1,20 am vierten. In Blodgetts Zusammenfassung war der Rückgang am ersten Tag nach der Belohnung größer als jeder Rückgang der Kontrollgruppe an einem einzelnen Tag.

Blodgett prüfte vorsichtig, was seine Zahlen beweisen. Zuerst verglich er den Rückgang der Gruppe II mit dem größten Rückgang der Kontrollgruppe an einem Tag. Ein so großer Unterschied wäre durch Zufall 904-mal in 10.000 Fällen aufgetreten. Blodgett nannte das Ergebnis deshalb „wahrscheinlich, wenn auch nicht sicher“. Sein stärkstes Ergebnis kam aus einem zweiten Vergleich: mit der Kontrollkurve auf derselben Fehlerhöhe. Für Gruppe III wäre ein so großer Unterschied dort durch Zufall nur 173-mal in 10.000 Fällen aufgetreten. Das nannte er „einen sehr starken Hinweis“ auf latentes Lernen.

Zwei weitere Kontrollen fehlen in fast allen Zusammenfassungen. Erstens prüfte Blodgett, ob seine Gruppen von Anfang an verschieden gut lernten. Dafür liefen danach 22 Ratten der Gruppe II und 23 Ratten der Gruppe I durch ein zweites Labyrinth, beide Gruppen mit Futter. Ihre Lernkurven waren laut Blodgett „praktisch identisch“. Den Unterschied im ersten Labyrinth führte er deshalb auf die Versuchsbedingungen zurück, nicht auf begabtere Tiere.

Zweitens prüfte er, ob die Ratten den Weg gelernt hatten oder sich nur an das Labyrinth gewöhnt hatten. Eine vierte Gruppe mit 10 Ratten lief sieben Tage lang ohne Belohnung rückwärts, von der leeren Futterbox zum Start. Danach liefen die Tiere vorwärts zum Futter. Sie zeigten nicht dieselbe plötzliche Verbesserung. Gruppe II schaffte in zwei Tagen den Fehlerabbau, für den Gruppe IV sechs Tage brauchte. Blodgett schloss daraus, dass latentes Lernen „mehr als eine allgemeine Vertrautheit“ mit dem Labyrinth ist.

Tolman und Honzik 1930: die berühmte Grafik

Das Experiment, das die meisten Zusammenfassungen beschreiben, stammt von Tolman und Honzik. Ihre Arbeit Introduction and removal of reward, and maze performance in rats erschien 1930 in derselben Reihe wie Blodgetts Arbeit. Zusammenfassungen zeigen sie meist als ein Experiment mit drei Gruppen. Die Arbeit ist komplizierter, und die Details ändern, was die Grafik beweisen kann.

Das Experiment nutzte ein T-Labyrinth mit 14 Abschnitten und 82 männliche Ratten in zwei Gruppen zu je 41. Jede Ratte lief 22 Tage lang einmal täglich. Die Abkürzungen der Gruppen stehen für hungry (H, hungrig), rewarded (R, belohnt) und not rewarded (NR, nicht belohnt). Die Gruppe HNR-R fand zehn Tage lang kein Futter, und am 11. Tag lag Futter in der Zielbox. Die Gruppe HR-NR hatte den umgekehrten Plan: zehn Tage Futter, danach keins. Ratten, die im Labyrinth kein Futter fanden, bekamen es frühestens drei Stunden nach dem Lauf in ihrem Käfig.

Das berühmte Ergebnis kam am 12. Tag, dem ersten Lauf, nachdem die Ratten Futter gefunden hatten. Die Fehler der Gruppe HNR-R sanken stark. Am 13. Tag lagen sie unter den Fehlern von Ratten, die jeden Tag Futter gefunden hatten. Diese Vergleichskurven stammten aber aus einem anderen Experiment.

Die Gruppen hinter der Grafik von Tolman und Honzik (1930).
GruppeFutter am Ende des LabyrinthsRattenHerkunft der Gruppe
HR (hungrig, belohnt)Jeden Tag26Früheres Experiment der Autoren
HNR (hungrig, nicht belohnt)Nie26Früheres Experiment der Autoren
HNR-RAb Tag 1141Dieses Experiment
HR-NRTag 1 bis 10, danach nie41Dieses Experiment

Alle Kurven zeigten die durchschnittliche Fehlerzahl pro Ratte. Deshalb konnten Kurven aus beiden Experimenten in einer Grafik stehen. Die Ratten mit verzögerter Belohnung liefen aber nie zur selben Zeit wie die immer belohnten Ratten.

Die Autoren zogen den vorsichtigen Schluss, den dieser Aufbau erlaubt. Der Unterschied zwischen den Kurven HNR-R und HR ab dem 12. Tag war statistisch groß, mit einem kritischen Verhältnis von 12,2. Trotzdem schrieben sie:

Wir sind jedoch nicht bereit, mit Sicherheit zu sagen, dass dies an der größeren Wirksamkeit des latenten Lernens lag. … Es kann sein, dass die Ratten der Gruppe HNR-R beim Lernen von Labyrinthen klüger waren als die Gruppe HR.
— Edward C. Tolman und C. H. Honzik, 1930, in eigener Übersetzung

Auch ihre Zusammenfassung bleibt vorsichtig: Das Ergebnis lege nahe, dass latentes Lernen wirksamer sein könnte als offenes Lernen. Blodgett hatte die Frage nach begabteren Tieren mit seinem zweiten Labyrinth geprüft. In der Arbeit von Tolman und Honzik fehlt eine solche Prüfung, und ihre Vergleichsgruppen stammten aus einem früheren Experiment.

Zwei weitere Details fehlen in den meisten Zusammenfassungen. Erstens war die Kurve der Gruppe HNR-R vor der Belohnung nicht flach. Laut der Arbeit zeigte sie in den zehn Tagen ohne Futter einen Abwärtstrend, ähnlich wie die nie belohnte Gruppe. Die Ratten wurden ohne Futter etwas besser und mit Futter viel schneller besser. Zweitens lief das Experiment auch umgekehrt. Als die Ratten der Gruppe HR-NR kein Futter mehr fanden, stiegen ihre Fehler am 12. Tag. Der Anstieg betrug im Durchschnitt 1,1 Fehler pro Ratte, etwa bis auf die Höhe der nie belohnten Gruppe. Die Autoren führten ihn darauf zurück, dass die Ratten Sackgassen absuchten, die sie sonst mieden. Die Belohnung veränderte die Leistung also in beide Richtungen.

Sekundärquellen nummerieren die Gruppen oft mit 1, 2 und 3, aber in verschiedener Reihenfolge. „Gruppe 2“ ist mal die nie belohnte Gruppe, mal die Gruppe mit verzögerter Belohnung. Merk dir für die Klausur deshalb die Bedingung, nicht die Nummer.

Vom latenten Lernen zur kognitiven Karte

Tolman nutzte diese Ergebnisse für die These, dass Ratten mehr lernen als einzelne Reaktionen. 1948 schrieb er über Blodgetts Ratten, sie hätten in den unbelohnten Läufen gelernt, wo viele Sackgassen lagen:

Sie hatten eine „Karte“ aufgebaut und konnten sie nutzen, sobald sie dazu motiviert waren.
— Edward C. Tolman, 1948, in eigener Übersetzung

Als „wahrscheinlich das beste Experiment“ zum latenten Lernen nannte Tolman eine Studie von Spence und Lippitt an der University of Iowa. Spence vertrat selbst eine Verstärkungstheorie. Von der Studie war damals nur eine Kurzfassung erschienen, und Tolman fasste ein vorläufiges Manuskript zusammen. Die Ratten liefen durch ein Y-Labyrinth mit Futter am Ende des linken Arms und Wasser am Ende des rechten. Im Training waren sie weder hungrig noch durstig. Im Test liefen hungrige Ratten zum Futterarm und durstige Ratten zum Wasserarm, und zwar „statistisch häufiger“ als zum anderen Arm. Sie hatten gelernt, wo jedes Ziel lag, als sie keines davon brauchten.

Ganz ohne Belohnung war auch dieses Training nicht. Nach jedem Lauf kamen die Ratten in einen Käfig mit anderen Tieren. Tolman selbst nannte diese Bedingungen „sehr mild“ belohnend. Genau an solchen Details setzte die Kritik an.

War es wirklich Lernen ohne Belohnung?

Die Experimente zum latenten Lernen standen im Zentrum eines langen Streits. Thistlethwaites Übersichtsarbeit von 1951 in der Zeitschrift Psychological Bulletin nannte zwei Fragen. Ist Verstärkung eine notwendige Bedingung für Lernen? Und soll man zwischen Lernen und Leistung unterscheiden? Verstärkungstheoretiker wie Thorndike, Hull und Spence nahmen an, dass Lernen eine belohnende Nachwirkung braucht. Tolman und andere hielten dagegen: Die Befunde zum latenten Lernen zeigen, dass manches Lernen ohne Verstärkung geschieht.

Wichtig ist, worüber die beiden Seiten nicht stritten. Laut Thistlethwaite gaben beide Gruppen zu, dass es Lernen geben kann, das sich nicht in der Leistung zeigt. Der Streit ging um die Ursache des Lernens: Gibt es neben der Verstärkung noch andere Ursachen?

Die Verstärkungsseite musste die Daten also nicht bestreiten. Sie konnte argumentieren, dass die unbelohnten Ratten doch belohnt wurden. Für Blodgetts Versuche nennt Thistlethwaite die naheliegenden Kandidaten: die Befriedigung der Neugier und das Entkommen aus dem Labyrinth. Seine Antwort war, dass sich die plötzlichen Veränderungen nach der Einführung des Futters bisher nicht aus dem Verstärkungsprinzip ableiten ließen. Für die Versuche mit freiem Erkunden ergänzte er ein zweites Argument. Eine solche Belohnung kommt auf falschen Wegen genauso wie auf richtigen. Sie erklärt deshalb nicht, warum gerade die richtigen Reaktionen gelernt werden.

Die Befundlage war nicht einseitig. Thistlethwaite teilte die Experimente in vier Typen ein. Bei einem Typ liefen hungrige oder durstige Ratten an einem Ziel vorbei, das sie gerade nicht brauchten. Getestet wurden sie, nachdem sich ihr Bedürfnis geändert hatte. Für diesen Typ berichtete er, dass viele Forscher kein latentes Lernen fanden, andere dagegen schon. Seine Übersicht ist auch kein neutraler Schiedsrichter. Sie war Teil einer Doktorarbeit in Berkeley, und in der ersten Fußnote dankt er unter anderem Tolman für Rat und Kritik.

Neuere Arbeiten fassen die Frage anders, ohne sie zu beenden. In einer Übersichtsarbeit von 2020 schrieben Wang und Hayden, dass latentes Lernen nicht durch die üblichen Verstärkungsprozesse angetrieben wird. Sie schlugen vor, dass Neugier, also der Wunsch nach Information, das latente Lernen motiviert. Nach dieser Sicht ist die erkundende Ratte nicht passiv. Sie erkundet, weil sie Information sucht, und die Karte, die sie dabei aufbaut, nützt ihr später. Das ist eine Hypothese aus ihrer Übersichtsarbeit, kein gesichertes Ergebnis.

Latentes Lernen beim Menschen

Beispiele mit Menschen sind leicht zu beschreiben und schwer zu prüfen. Wer eine Strecke oft als Beifahrer erlebt hat, kann sie vielleicht beim ersten Mal selbst fahren. Solche Fälle veranschaulichen die Definition, aber sie sind keine Experimente. Im Alltag lässt sich selten zeigen, dass keine Belohnung im Spiel war.

Kontrollierte Belege gibt es bei sehr kleinen Kindern. In einer Studie von 2005 in der Zeitschrift Infancy zeigten Campanella und Rovee-Collier drei Monate alten Säuglingen zwei Gegenstände zusammen. In diesem Alter können Säuglinge noch nicht zeigen, was sie gelernt haben. Deshalb hielten die Forschenden die Erinnerung mit regelmäßigen Erinnerungshilfen wach. Mit sechs Monaten führten sie an einem der Gegenstände Handlungen vor. Einen Tag später ahmten die Kinder diese Handlungen am anderen Gegenstand nach. Kinder, die die beiden Gegenstände getrennt gesehen hatten, taten das nicht. Die Studie schloss, dass latentes Lernen bei sehr kleinen Säuglingen „umfangreich und dauerhaft“ ist.

Latent, implizit, inzidentell: drei Begriffe, die verschwimmen

Auf Lernplattformen fragen Studierende, ob latentes Lernen dasselbe ist wie implizites Lernen. Eine bekannte Lexikonseite fasst latentes, implizites und inzidentelles Lernen unter einer Überschrift zusammen. Die drei Begriffe überschneiden sich, aber jeder beschreibt ein anderes Merkmal.

Drei Begriffe für Lernen ohne Lernabsicht, nach den Definitionen des APA Dictionary of Psychology.
BegriffWas fehlt oder verborgen istWoran man es erkennt
Latentes LernenDie Leistung: Das Gelernte zeigt sich erst späterEine plötzliche Verbesserung, sobald es einen Anlass gibt
Implizites LernenDie Bewusstheit: Man weiß nicht, was man gelernt hatEine bessere Leistung bei einer Aufgabe, keine bewusste Erinnerung
Inzidentelles LernenDie Absicht: Das Lernen geschieht nebenbeiEtwas wird bei einer anderen Tätigkeit mitgelernt

Laut APA ist implizites Lernen ein Lernen ohne Absicht und ohne Bewusstheit dessen, was gelernt wurde. Es zeigt sich in einer besseren Leistung bei einer Aufgabe, nicht in einer bewussten Erinnerung. Inzidentelles Lernen ist ein Lernen, das nicht geplant oder beabsichtigt ist. Es entsteht als Nebenprodukt einer anderen geistigen Tätigkeit. Der APA-Eintrag zum inzidentellen Lernen verweist auf das latente Lernen, und der Eintrag zum latenten Lernen verweist zurück.

Ein Fall kann mehrere Merkmale haben. Die Studentin aus dem APA-Beispiel lernte die Textstelle nebenbei und zeigte das Gelernte erst in der Prüfung, also inzidentell und latent. Für die Klausur hilft eine Frage pro Begriff: Fehlte die Absicht, fehlte die Bewusstheit, oder zeigte sich das Gelernte erst später? Bei Blodgetts Ratten wurde nur das dritte Merkmal gemessen.

Latentes Lernen, Lernen am Modell und Lernen durch Einsicht

Studierende verwechseln latentes Lernen oft mit zwei anderen Lernformen, die ebenfalls nicht dem Muster der Verstärkung folgen. Die Tabelle zeigt die Unterschiede.

Latentes Lernen, Lernen am Modell und Lernen durch Einsicht im Vergleich.
FrageLatentes LernenLernen am ModellLernen durch Einsicht
Woher kommt das Gelernte?Aus Erfahrung mit einer Situation, ohne Belohnung in dem MomentAus der Beobachtung einer anderen PersonAus dem Erkennen, wie die Teile eines aktuellen Problems zusammenhängen
Wann zeigt es sich?Später, wenn es einen Anlass gibtWenn die lernende Person das Verhalten ausführen willPlötzlich, als Lösung
Braucht es ein Modell?NeinJaNein
NamenHugh Blodgett, Edward TolmanAlbert BanduraWolfgang Köhler
Klassische StudieRatten im Labyrinth, 1929 und 1930Kinder sehen ein gefilmtes Modell, 1965Schimpansen auf Teneriffa, 1910er-Jahre

Lernen am Modell heißt im Dorsch-Lexikon auch Modelllernen oder Beobachtungslernen. Gemeint ist, dass jemand neues Verhalten erwirbt, indem er andere beobachtet. Die Brücke zum latenten Lernen ist eine Studie von Albert Bandura aus dem Jahr 1965. Kinder sahen in einem Film ein Modell, das sich aggressiv verhielt. Das Modell wurde belohnt, bestraft oder blieb ohne Folgen. Kinder, die die Bestrafung gesehen hatten, ahmten weniger Handlungen nach. Dann bot man allen Kindern attraktive Belohnungen an, wenn sie das Modell nachahmten. Laut der Zusammenfassung der Studie verschwanden die Unterschiede in der Leistung dadurch vollständig, und alle Gruppen zeigten gleich viel Gelerntes. Die Kinder hatten also Handlungen gelernt, die sie vorher nicht ausgeführt hatten. Das ist dieselbe Trennung von Lernen und Leistung wie bei Blodgetts Ratten.

Einsicht ist wieder etwas anderes. Das Dorsch-Lexikon definiert Einsicht als „das unmittelbare, plötzliche und unerwartete Verstehen eines Sachverhalts“. Die klassischen Versuche stammen von Wolfgang Köhler. Er leitete laut der Neuen Deutschen Biographie von 1914 bis 1920 die Anthropoidenstation der Preußischen Akademie der Wissenschaften auf Teneriffa. Einsicht löst ein Problem, das sich jetzt stellt. Latentes Lernen speichert etwas, das später nützlich wird.

Beispiele für die Klausur einordnen

Klausurfragen beschreiben oft eine Situation und fragen, welche Lernform sie zeigt. Stell dir dazu drei Fragen in dieser Reihenfolge:

  1. 1.Gab es ein Modell, das die lernende Person beobachtet hat?
  2. 2.Zeigte sich das Gelernte erst später, als es einen Anlass gab?
  3. 3.Hat eine Folge das Verhalten verändert, während es gelernt wurde?
Sieben Situationen, geordnet nach der Quelle des Gelernten und dem Zeitpunkt, an dem es sich zeigte.
SituationWas geschahLernform
Eine Ratte erkundet eine Woche lang ein Labyrinth ohne Futter und läuft es mit wenigen Fehlern, sobald am Ende Futter liegtOhne Belohnung gelernt, gezeigt, als eine Belohnung kamLatentes Lernen
Eine Studentin zitiert in der Klausur eine Textstelle richtig, die sie nie bewusst gelernt hatFrüher ohne Anstrengung gelernt, gezeigt, als es nötig warLatentes Lernen
Ein Beifahrer fährt eine Strecke beim ersten Versuch richtig, nachdem er sie monatelang nur mitgefahren istFrüher gelernt, ohne einen Grund, es zu nutzenLatentes Lernen
Ein Kind sieht, wie ein Erwachsener ein Spielzeug zusammenbaut, und baut es später genausoDurch Beobachtung eines Modells gelerntLernen am Modell
Ein Schüler scheitert lange an einem Rätsel, hält inne, sieht, wie die Teile passen, und löst es sofortPlötzliche Lösung eines aktuellen ProblemsLernen durch Einsicht
Ein Hund setzt sich öfter, weil er dafür ein Leckerli bekommtDas Verhalten änderte sich durch seine FolgeOperante Konditionierung
Dir läuft das Wasser im Mund zusammen, wenn eine Chipstüte rascheltEin Signal kündigt Essen anKlassische Konditionierung

Zwei Fallen kommen oft vor. Die erste ist eine Situation, in der jemand ein Modell beobachtet und erst später nachahmt. Das ist Lernen am Modell, auch wenn das Gelernte eine Zeit lang verborgen blieb. Die zweite ist eine Ratte, die besser wird, während sie bei jedem Lauf belohnt wird. Das ist gewöhnliches operantes Lernen. Für latentes Lernen braucht es eine Phase ohne Belohnung und eine deutliche Veränderung, sobald es einen Grund gibt, das Gelernte zu nutzen.

Die Begriffe auseinanderhalten

Latentes Lernen, kognitive Karte, implizites und inzidentelles Lernen, Lernen am Modell, Einsicht und operante Konditionierung verschwimmen leicht. Jeder Begriff beschreibt Lernen aus einer anderen Quelle oder mit einem anderen Merkmal. Lies die Definitionen deshalb nicht nur ein zweites Mal. Nimm ein neues Beispiel, deck die Lösung ab und wende die drei Fragen an. Unser Leitfaden zum Lernen psychologischer Fachbegriffe erklärt, welche Lernmethoden die stärksten Belege haben.

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Häufige Fragen

Was ist ein Beispiel für latentes Lernen?

Das klassische Beispiel ist eine Ratte, die mehrere Tage lang ein Labyrinth ohne Futter am Ende erkundet. Sie biegt oft falsch ab, bis Futter auftaucht, und läuft das Labyrinth danach mit wenigen Fehlern. Ein Beispiel mit Menschen ist eine Studentin, die in einer Klausur eine Textstelle richtig zitiert, ohne sie je bewusst gelernt zu haben.

Wer hat den Begriff latentes Lernen eingeführt?

Hugh Blodgett führte ihn ein, in einer Studie mit Ratten im Labyrinth, die 1929 an der University of California erschien. Edward Tolman machte die Idee bekannt. Er schrieb 1948, Blodgett habe die Experimente nicht nur durchgeführt, sondern auch das Konzept entwickelt. Das APA-Wörterbuch nennt trotzdem Tolman als Ersten.

Was zeigte Tolmans Rattenexperiment?

Tolman und Honzik ließen 1930 hungrige Ratten 22 Tage lang durch ein Labyrinth laufen. Eine Gruppe fand erst am 11. Tag Futter. Danach sanken ihre Fehler innerhalb eines Tages stark, und ab dem 13. Tag lagen sie unter denen einer immer belohnten Gruppe aus einem früheren Experiment. Die Autoren werteten die zehn Tage ohne Futter als Phase latenten Lernens. Ob dieses Lernen wirksamer war, ließen sie offen.

Ist latentes Lernen eine Form der operanten Konditionierung?

Nein. Bei der operanten Konditionierung verändert eine Folge das Verhalten, während es gelernt wird. Latentes Lernen wurde als Lernen ohne eine solche Folge beschrieben. In den Experimenten macht die Belohnung nur sichtbar, was schon gelernt war. Ob versteckte Belohnungen wie Neugier eine Rolle spielen, ist weiter umstritten.

Ist latentes Lernen dasselbe wie implizites Lernen?

Nein. Latent bedeutet, dass sich das Gelernte erst später in der Leistung zeigt. Implizit bedeutet laut APA, dass ohne Absicht gelernt wird und man nicht weiß, was man gelernt hat. Ein Fall kann beides sein, aber in den Rattenversuchen wurde nur die verzögerte Leistung gemessen.

Braucht latentes Lernen Motivation?

Um sich zu zeigen, ja, und vielleicht auch, um überhaupt zu entstehen. Die Ratten in den klassischen Studien nutzten das Gelernte erst, als Futter ihnen einen Grund gab. Eine Übersichtsarbeit von 2020 schlug vor, dass Neugier Tiere dazu bringt, ihre Umgebung überhaupt erst kennenzulernen.

Quellen

  1. 1.American Psychological Association (2018). Latent learning. APA Dictionary of Psychology.
  2. 2.American Psychological Association (2018). Implicit learning. APA Dictionary of Psychology.
  3. 3.American Psychological Association (2018). Incidental learning. APA Dictionary of Psychology.
  4. 4.Bandura, A. (1965). Influence of models' reinforcement contingencies on the acquisition of imitative responses. Journal of Personality and Social Psychology, 1(6), 589–595.
  5. 5.Bergius, R. (1980). Köhler, Wolfgang. Neue Deutsche Biographie, 12, 302–304.
  6. 6.Blodgett, H. C. (1929). The effect of the introduction of reward upon the maze performance of rats. University of California Publications in Psychology, 4(8), 113–134.
  7. 7.Campanella, J., & Rovee-Collier, C. (2005). Latent learning and deferred imitation at 3 months. Infancy, 7(3), 243–262.
  8. 8.Dorsch – Lexikon der Psychologie. Einsicht.
  9. 9.Dorsch – Lexikon der Psychologie. Kognitive Karte.
  10. 10.Dorsch – Lexikon der Psychologie. Modelllernen.
  11. 11.Müsseler, J., & Rieger, M. (2017). Allgemeine Psychologie (3. Aufl.), Glossar: Latentes Lernen. Springer.
  12. 12.Thistlethwaite, D. (1951). A critical review of latent learning and related experiments. Psychological Bulletin, 48(2), 97–129.
  13. 13.Tolman, E. C. (1948). Cognitive maps in rats and men. Psychological Review, 55(4), 189–208.
  14. 14.Tolman, E. C., & Honzik, C. H. (1930). Introduction and removal of reward, and maze performance in rats. University of California Publications in Psychology, 4, 257–275.
  15. 15.Wang, M. Z., & Hayden, B. Y. (2020). Latent learning, cognitive maps, and curiosity. Current Opinion in Behavioral Sciences, 38, 1–7.

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