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Multiple Intelligenzen nach Gardner: wie viele es gibt und was die Forschung dazu sagt

Wie viele Intelligenzen kennt Gardners Theorie? Die Liste nach Jahren, seine acht Kriterien, die Kritik der Forschung und warum es keine Lerntypen sind.

Kognition17 Min. Lesezeit
Von Psychology World

Die Theorie der multiplen Intelligenzen sagt, dass Menschen nicht eine allgemeine Intelligenz haben, sondern mehrere, relativ unabhängige Intelligenzen. Howard Gardner stellte sie 1983 in seinem Buch Frames of Mind vor, auf Deutsch 1991 unter dem Titel „Abschied vom IQ“. Am Anfang standen sieben Intelligenzen. Mitte der 1990er-Jahre kam die naturalistische Intelligenz als achte dazu. Eine existenzielle Intelligenz hat Gardner nur als Kandidatin genannt. Die empirische Forschung stützt die Theorie kaum: Die Intelligenzen hängen in Tests miteinander zusammen, und eine eigene Grundlage im Gehirn ist für keine nachgewiesen.

Wer nach der Theorie sucht, findet Listen mit sieben, acht, neun und sogar zehn Intelligenzen. Das liegt nicht nur an ungenauen Webseiten. Gardner selbst hat die Zahl im Lauf der Jahre unterschiedlich angegeben. Dieser Artikel ordnet seine eigenen Aussagen nach Jahren, zeigt, nach welchen Kriterien er eine Intelligenz anerkennt, und fasst zusammen, was Studien zur Theorie gefunden haben. Zitate aus englischen Quellen stehen hier in eigener Übersetzung.

  • Gardners erste Liste von 1983 hat sieben Intelligenzen. Die naturalistische Intelligenz ist laut einem Handbuchkapitel, an dem Gardner selbst mitschrieb, die einzige feste Ergänzung.
  • Gardner nannte 1997 „achteinhalb“, 2007 „acht oder neun“ und 2013 „7 bis 10“ Intelligenzen. Die halbe oder neunte ist die existenzielle Intelligenz, die seine Kriterien nicht erfüllt.
  • Eine Intelligenz muss bei Gardner acht Kriterien erfüllen, etwa eine eigene Grundlage im Gehirn und eine eigene Entwicklung.
  • In einer Studie mit 200 Erwachsenen hingen die Testwerte für die meisten Intelligenzen miteinander zusammen. Eine Übersicht von 2021 über 39 Unterrichtsstudien fand so viele Mängel, dass eine gültige Bewertung nicht möglich war.
  • Gardner trennt seine Intelligenzen ausdrücklich von Lerntypen. Den „visuellen“ oder „auditiven“ Lerner nennt er nicht schlüssig.

Was die Theorie der multiplen Intelligenzen besagt

Gardner erklärt seine Theorie mit einem Vergleich. Wer an eine einzige Intelligenz glaubt, nimmt einen zentralen Allzweck-Computer an, der bestimmt, wie gut jemand in jedem Bereich des Lebens ist. Wer an multiple Intelligenzen glaubt, nimmt mehrere relativ autonome Computer an. Einer verarbeitet sprachliche Information, andere räumliche oder musikalische Information oder Information über andere Menschen. So schrieb er es 2013 in einem Gastbeitrag für die Washington Post.

Das Dorsch Lexikon der Psychologie beschreibt die multiplen Intelligenzen als „Bündel von modularisiert-unabhängigen geistigen Fähigkeiten“. Laut Gardner sollen sie für Schul-, Bildungs- und Lebenserfolg wichtiger sein als der IQ. Gardner lehnt eine übergeordnete Instanz ab, die alle Intelligenzen verbindet. Er lehnt auch eine Hierarchie der Intelligenzen ab.

Zwei Aussagen sind für Gardner der Kern der Theorie. Das zeigt das Handbuchkapitel von Davis, Christodoulou, Seider und Gardner aus dem Jahr 2011:

  1. 1.Alle Menschen haben alle Intelligenzen. Ausnahmen gibt es nur bei schweren Hirnschäden.
  2. 2.Keine zwei Menschen haben dasselbe Profil aus Stärken und Schwächen, auch eineiige Zwillinge nicht.

Daraus folgt laut demselben Kapitel zweierlei. Es ist falsch zu sagen, ein Mensch habe „keine“ musikalische oder räumliche Intelligenz. Es ist aber auch falsch zu sagen, jeder Mensch sei in mindestens einer Intelligenz begabt. Nicht jeder Mensch hat also zwingend eine herausragende Stärke.

Der Ausgangspunkt war Kritik am IQ-Test. Laut der offiziellen Seite MI Oasis messen IQ-Tests die sprachliche und die logisch-mathematische Intelligenz, manchmal auch die räumliche. Sie sagen gut voraus, wer in einer weltlichen Schule des 20. Jahrhunderts Erfolg hat. Die anderen Fähigkeiten erfassen sie nach Gardner nicht.

Die acht Intelligenzen nach Gardner im Überblick

Die Tabelle zeigt die acht Intelligenzen, die Gardner heute anerkennt. Die Beschreibungen folgen dem Kapitel von Davis und Kollegen (2011).

Die acht Intelligenzen nach Gardner.
IntelligenzFähigkeit
sprachlich-linguistischgesprochene und geschriebene Sprache analysieren und Produkte wie Reden, Bücher oder Notizen schaffen
logisch-mathematischGleichungen und Beweise entwickeln, rechnen, abstrakte Probleme lösen
räumlichgroße und feine räumliche Bilder erkennen und gedanklich verändern
musikalischMuster aus Klängen erzeugen, behalten und deuten
körperlich-kinästhetischden eigenen Körper nutzen, um etwas herzustellen oder ein Problem zu lösen
interpersonalStimmungen, Wünsche, Motive und Absichten anderer Menschen erkennen und verstehen
intrapersonaldie eigenen Stimmungen, Wünsche, Motive und Absichten erkennen und verstehen
naturalistischPflanzen, Tiere und Wetterformen in der Natur erkennen und unterscheiden

Das Kapitel beschreibt die Intelligenzen über Bereiche, in denen Menschen mit einer hohen Ausprägung typisch sind. Den Grund nennt es offen: Es gibt noch keine psychometrischen oder bildgebenden Verfahren, die eine Intelligenz direkt messen. Hervorragende Leistungen in Architektur, Bildhauerei oder Geometrie sprechen für eine hohe räumliche Intelligenz, Ballett oder orthopädische Chirurgie für eine hohe körperlich-kinästhetische. Die naturalistische Intelligenz erwartet das Kapitel bei Meteorologen, Botanikern und Zoologen. Sprache brauchen Dramatiker genauso wie Anwälte.

Gardner selbst hat für seine Biografiestudien bekannte Personen gewählt, laut MI Oasis zum Beispiel Igor Strawinsky für die musikalische und Albert Einstein für die logisch-mathematische Intelligenz. In einem Bericht der ASCD von 1997 sagt er: „Darwin verkörpert die naturalistische Intelligenz.“

Wie viele Intelligenzen gibt es? 7, 8, 9 oder 10

Die kurze Antwort: Gardner erkennt acht Intelligenzen an, und die existenzielle Intelligenz ist eine Kandidatin. Die lange Antwort zeigt, warum so viele Zahlen im Umlauf sind. Gardner hat die Zahl in Vorträgen, Interviews und Artikeln jedes Mal etwas anders angegeben.

Wie Gardner die Zahl seiner Intelligenzen über die Jahre angab.
JahrGardners AngabeQuelle
1983sieben IntelligenzenFrames of Mind, laut Washington Post 2013 und Davis und Kollegen 2011
Mitte der 1990erdie naturalistische Intelligenz erfüllt die Kriterien und wird die achteDavis und Kollegen 2011
1997„achteinhalb“: acht plus die existenzielle Intelligenz als halbeVortrag auf der ASCD-Jahrestagung
2007„acht oder neun“Harvard Gazette
2011acht; die naturalistische Intelligenz ist die einzige feste ErgänzungDavis, Christodoulou, Seider und Gardner
2013„7 bis 10 verschiedene Intelligenzen“Gastbeitrag in der Washington Post
2015existenzielle Intelligenz „etwas augenzwinkernd“ als mögliche neunte; dazu informell eine „pädagogische Intelligenz“Gardners Notizen auf MI Oasis

Bei der ASCD-Tagung 1997 erklärte Gardner, warum er von achteinhalb und nicht von neun Intelligenzen spricht: „Wegen meiner Kriterien.“ Nach seinem Wissen gab es keinen überzeugenden Beleg, dass Teile des Nervensystems auf existenzielle Fragen spezialisiert sind. Er sei deshalb „in einer Warteschleife“, bis sich zeigt, ob die existenzielle Intelligenz die Kriterien erfüllt.

In seinen Notizen zur „Teaching Intelligence“, die MI Oasis mit dem Datum 10. September 2015 veröffentlicht, schreibt Gardner, er suche nicht mehr nach neuen Kandidaten. Es sei wichtiger, dass die Vielzahl der Intelligenzen belegt werde, als eine endgültige Liste vorzulegen. Trotzdem spricht er informell von einer möglichen pädagogischen Intelligenz, der Fähigkeit, anderen etwas wirksam beizubringen. Zählt man sie und die existenzielle Intelligenz mit, kommt man auf zehn.

Für eine Prüfung ist die sicherste Antwort daher: sieben Intelligenzen 1983, die naturalistische als achte, die existenzielle als Kandidatin. Die Zahl neun ist richtig, wenn man die existenzielle Intelligenz mitzählt. Gardner selbst hat sie aber nicht fest in die Liste aufgenommen.

Warum im Dorsch neun und mehr Intelligenzen stehen

Das Dorsch Lexikon der Psychologie gibt eine andere Liste. Laut dem Eintrag, zuletzt geändert am 26. April 2021, „destillierte“ Gardner um 1980 aus einer Literatursichtung neun Intelligenzen: die sieben ursprünglichen sowie die naturalistische und die existenzielle. Dazu nennt der Eintrag Ergänzungen aus dem Jahr 2004, eine „mentale Suchscheinwerfer-Intelligenz“ und eine „Laser-Intelligenz“. Für 2007 nennt er fünf weitere, „jetzt als minds bezeichnet“: die disziplinierte, synthetisierende, kreative, respektvolle und ethische Intelligenz.

Gardners eigene Aussagen passen nicht zu dieser Liste. Die naturalistische Intelligenz kam erst Mitte der 1990er-Jahre dazu, also nicht um 1980. Zu den fünf „minds“ aus seinem Buch Five Minds for the Future sagte Gardner 2007 laut der Harvard Gazette ausdrücklich, sie seien nicht dasselbe wie die Intelligenzen von 1983. Die Intelligenzen sind laut dem Bericht Denkweisen, die ein Psychologe beschreiben kann. Die fünf „minds“ sind das, was sich die Politik von Bürgerinnen und Bürgern wünschen könnte. Und das Kapitel von 2011 mit Gardner als Mitautor nennt die naturalistische Intelligenz die einzige feste Ergänzung der ersten sieben.

Die Kritik im Dorsch-Eintrag betrifft diesen Unterschied nicht. Sie gilt für die Theorie als Ganzes und folgt im Abschnitt zur Forschung.

Nach welchen acht Kriterien Gardner eine Intelligenz anerkennt

Gardner hat seine Intelligenzen nicht mit einem Test gefunden. Er ging Befunde aus Evolutionsbiologie, Neurowissenschaft, Anthropologie, Psychometrie und Studien zu Wunderkindern und Savants durch. Daraus leitete er Kriterien ab. Laut der Tabelle im Kapitel von 2011 soll eine Intelligenz:

  1. 1.bei Wunderkindern, Savants, Menschen nach einem Schlaganfall oder in anderen besonderen Gruppen relativ isoliert auftreten, also besonders stark oder schwach im Vergleich zu anderen Fähigkeiten
  2. 2.eine eigene Repräsentation im Gehirn haben
  3. 3.eine eigene Entwicklung haben, mit eigenem Tempo und eigenem Verlauf
  4. 4.eine Grundlage in der Evolution haben, also eine Vorform bei Primaten oder anderen Arten und einen Wert für das Überleben
  5. 5.sich in Symbolsystemen fassen lassen, wie sie in Schule und Alltag verwendet werden
  6. 6.durch Befunde aus psychometrischen Intelligenztests gestützt sein
  7. 7.sich in experimentellen Aufgaben von anderen Intelligenzen unterscheiden lassen
  8. 8.einen Kern der Informationsverarbeitung haben, also erkennbare geistige Prozesse für ihre Art von Information

Gardner betont, dass er diese Kriterien ernst nimmt. „Ich wache nicht eines Morgens auf und sage: Hey, es gibt eine Humor-Intelligenz oder eine Koch-Intelligenz oder eine sexuelle Intelligenz“, sagte er 1997 bei der ASCD-Tagung. „Ich habe eine Reihe von Kriterien, und ich lasse nichts als Intelligenz zu, was diese Kriterien nicht erfüllt.“

Das Kapitel von 2011 nennt mehrere Kandidaten, die Gardner nicht aufgenommen hat. Eine Aufmerksamkeits-Intelligenz und eine Absorptions-Intelligenz arbeiten nicht mit einem bestimmten Inhalt, sondern gehen jeder Intelligenz voraus. Eine künstlerische Intelligenz gibt es nach Gardner nicht, weil man jede Intelligenz künstlerisch oder nicht künstlerisch einsetzen kann. Sprache nutzen Dramatiker und Anwälte, räumliches Denken Bildhauer und Bauunternehmer. Ob man Moral als Intelligenz beschreiben kann, hält das Kapitel für unklar, denn die Theorie soll beschreiben und nicht bewerten.

Was die Forschung zur Theorie der multiplen Intelligenzen sagt

Die Theorie ist in der Pädagogik sehr beliebt und in der Intelligenzforschung sehr umstritten. Das Dorsch Lexikon schreibt, sie sei „besonders bei psychol. Laien, vor allem in der Pädagogik“ populär geworden, werde aber „von vielen Intelligenzforschern […] massiv kritisiert“. Die Kritik hat drei Hauptpunkte.

Sind die Intelligenzen wirklich unabhängig voneinander?

Die Unabhängigkeit ist für die Theorie zentral. Gardner und Walters schrieben 1993, ein bedeutsamer Zusammenhang zwischen den Fähigkeiten würde deren angenommene Unabhängigkeit widerlegen. Das zitiert die Psychologin Lynn Waterhouse in ihrer Übersicht von 2023. Gardner schrieb 2013 sogar, es gebe „starke Belege“, dass eine Stärke in einer Intelligenz keine Stärke in einer anderen vorhersagt.

Die Studien, die das prüften, fanden meist das Gegenteil:

  • Beth Visser, Michael Ashton und Philip Vernon testeten 2006 200 Erwachsene mit Aufgaben zu allen acht Intelligenzen. Die Werte für die meisten Intelligenzen hingen miteinander zusammen. Das Ergebnis widerspricht laut den Autoren Gardners Annahme von mindestens acht unabhängigen Bereichen. Laut dem Portal dasgehirn.info hingen Fähigkeiten mit kognitivem Anteil, etwa die räumliche und die soziale Intelligenz, auch mit der allgemeinen Intelligenz zusammen.
  • Gardner antwortete, die Aufgaben hätten zu stark auf sprachlicher und logischer Intelligenz beruht. Visser und Kollegen entgegneten, die Zusammenhänge entstehen durch Unterschiede zwischen Personen. Ob eine Aufgabe Sprache oder logisches Denken nutzt, sei dafür nicht entscheidend. Sie baten Gardner, selbst Messverfahren vorzulegen.
  • Almeida und Kollegen fanden 2010 bei 294 Kindern einen gemeinsamen Faktor für alle Aufgaben zu multiplen Intelligenzen und einen zweiten für eine klassische Begabungstestbatterie. Auch das spricht gegen getrennte Intelligenzen.
  • Eine ältere Studie von Plucker und Kollegen aus dem Jahr 1996 fand getrennte Teilskalen für sprachliche, logisch-mathematische und räumliche Fähigkeiten. Diese drei entsprechen allerdings laut Dorsch bekannten Gruppenfaktoren der klassischen Intelligenzforschung.

Hat jede Intelligenz eine eigene Grundlage im Gehirn?

Gardner schrieb 2011, er habe nie behauptet, die Theorie sei eine neurologische Theorie. Waterhouse zeigt, dass er an anderen Stellen genau das sagte. Jede Intelligenz arbeite „nach eigenen Regeln“ und habe „ihre eigenen biologischen Grundlagen“. 2020 schrieb Gardner, jede Intelligenz beruhe auf eigenen neuronalen Netzwerken.

Laut Waterhouse hat bisher niemand direkt nach einer Grundlage der Intelligenzen im Gehirn gesucht, und keine solche Grundlage ist gefunden. Die Neurowissenschaft der letzten 40 Jahre zeigt laut ihrer Übersicht, dass das Gehirn nicht in getrennte Module für bestimmte Formen des Denkens gegliedert ist. Waterhouse nennt die Theorie deshalb einen Neuromythos, also eine verbreitete, aber unwissenschaftliche Annahme über das Gehirn. Andere Forschende sehen das milder: Luc Rousseau nannte die Theorie 2021 laut Waterhouse eine „legitime wissenschaftliche Theorie der Intelligenz“, die man über Hirnbefunde prüfen könne.

Wirkt Unterricht nach multiplen Intelligenzen?

Viele Lehrkräfte nutzen die Theorie. Laut Waterhouse planten 90 Prozent der befragten angehenden Lehrkräfte in den USA, Methoden nach multiplen Intelligenzen einzusetzen. In Québec sagten 94 Prozent der befragten Lehrkräfte, dass sie die Theorie im Unterricht nutzen.

Viele Unterrichtsstudien berichten Vorteile. Ihre Qualität ist aber das Problem. Marta Ferrero, Miguel Vadillo und Samuel León werteten 2021 in einer systematischen Übersicht mit Metaanalyse 39 Artikel mit Daten von 3.009 Kindern und Jugendlichen aus 14 Ländern aus. Die Studien hatten kleine Stichproben, oft keine aktive Kontrollgruppe und zu wenige Angaben zu Tests und Übungen. Es gab Hinweise auf Publikations- oder Berichtsverzerrungen. Eine gültige Bewertung der Wirksamkeit war deshalb nicht möglich.

Waterhouse vermutet, dass gute Ergebnisse aus bekannten Methoden kommen, die in solchen Stunden mitlaufen: mehr Wiederholung, mehr Aufmerksamkeit durch neue Methoden, mehr persönliche Zuwendung. Ein Erfolg zeigt also nicht, dass es die Intelligenzen gibt.

Was Gardner der Kritik entgegnet

Gardner und seine Mitautoren sehen die Theorie als Synthese aus Hunderten Studien vieler Fächer. Wie die Evolutionstheorie lasse sie sich nicht mit einem einzelnen Test beweisen oder widerlegen, sondern gewinne oder verliere an Glaubwürdigkeit, wenn sich Befunde sammeln. Auf MI Oasis steht, die Theorie bestreite den allgemeinen Faktor g nicht. Sie frage nur, wie weit seine Erklärungskraft reicht, denn g beschreibe die Überschneidung zwischen den Tests einer Testbatterie. Kritiker verweist Gardner laut Waterhouse auf das 400 Seiten lange Buch Howard Gardner Under Fire, in dem er auf viele Einwände antwortet.

Gibt es einen Test für multiple Intelligenzen?

Im Netz gibt es viele Tests, die angeblich deine stärkste Intelligenz bestimmen. Gardner selbst sieht das kritisch. In seinem Buch Intelligence Reframed von 1999 nennt er sieben Mythen über die Theorie. Der erste lautet, man solle jetzt Tests für die Intelligenzen entwickeln. Laut der Zusammenfassung auf MI Oasis widerspricht das einem Kern der Theorie, denn sie ist eine Kritik am psychometrischen Testen. Hilfreich findet Gardner dagegen Einschätzungen in reichen, alltagsnahen Situationen.

Das Kapitel von 2011 sagt klar, dass bisher kein Test eine Intelligenz direkt misst. Das Dorsch Lexikon beschreibt, was die verbreiteten Verfahren tatsächlich tun: Die „Messung“ erfolge meist über Selbst- und Fremdeinschätzungen mit Fragebogen, vor allem mit Fragen zu Interessen und zum Selbstbild. Das sei keine Leistungsmessung im eigentlichen Sinne. Ein Online-Test zeigt also eher, wie du dich selbst siehst und was dich interessiert, als was du kannst.

Ganz einheitlich ist Gardner hier nicht. 2013 schrieb er, es gebe Wege mit gesundem Menschenverstand, die eigenen Intelligenzen einzuschätzen, und wer möchte, könne eine „formellere Testbatterie“ machen. Eine Praxis lehnt MI Oasis aber eindeutig ab: Intelligenzen aus Fingerabdrücken abzulesen, die sogenannte Dermatoglyphik, sei unbegründet.

Multiple Intelligenzen sind keine Lerntypen

Viele Menschen schreiben Gardner die Idee der Lerntypen zu oder setzen beides gleich. Gardner widersprach dem 2013 deutlich. Diese Verwechslung treibe ihn „zur Verzweiflung“, schrieb er in der Washington Post, auch weil Menschen, die er schätzt, sie machen.

Er nennt zwei Probleme mit dem Begriff Lerntyp oder Lernstil. Erstens sei er nicht schlüssig: Wer den Begriff nutzt, sage nicht, woran man einen Stil erkennt, woher er kommt und wie man ihn im Unterricht nutzt. Zweitens gebe es keine überzeugenden Belege, dass Unterricht nach Lernstilen bessere Ergebnisse bringt als Unterricht für alle gleich. Gardner räumt ein, dass fehlende Belege nicht beweisen, dass es Lernstile nicht gibt. Für die Forschung heiße das aber: zurück ans Reißbrett.

Am deutlichsten wird Gardner bei den Sinnen. Die Idee eines „visuellen“ oder „auditiven“ Lerners nennt er nicht schlüssig. Räumliche Information und Lesen kommen beide über die Augen, nutzen aber ganz verschiedene geistige Fähigkeiten. Musik und Sprache kommen beide über die Ohren, und auch hier sind die Fähigkeiten verschieden. Für eine Intelligenz zählt nicht, über welchen Sinn eine Information ankommt, sondern was der „Computer“ danach mit ihr macht.

Gardner zieht drei Lehren für den Unterricht:

  1. 1.Individualisieren: so viel wie möglich über jede Schülerin und jeden Schüler lernen und passend unterrichten.
  2. 2.Pluralisieren: wichtige Inhalte auf mehreren Wegen zeigen, zum Beispiel mit Geschichten, Kunstwerken, Diagrammen oder Rollenspielen.
  3. 3.Das Wort „Stile“ weglassen, weil es andere verwirrt und weder dir noch deinen Schülern hilft.

Was von der Theorie bleibt

Die Theorie hat den Blick auf Fähigkeiten jenseits des IQ geweitet. Dass Menschen wertvolle Talente außerhalb der klassischen Intelligenz haben, „zieht wohl niemand in Zweifel“, schreibt dasgehirn.info. Ob die Theorie aber mehr erklärt als die allgemeine Intelligenz, sei „mehr als fraglich“. Eine höhere allgemeine Intelligenz geht nach demselben Artikel zumindest statistisch mit mehr Erfolg in Schule und Beruf einher, aber auch mit höherer Lebenszufriedenheit und besserer Gesundheit.

Für den Unterricht trennt Rousseau zwei Fragen. Die Theorie selbst hält er für prüfbar. Die Idee, Unterricht an die Intelligenz eines Kindes anzupassen und so mehr Lernerfolg zu erreichen, nennt er einen Mythos. Gardners zweite Lehre, Inhalte auf mehreren Wegen zu zeigen, begründet er selbst nicht nur mit den Intelligenzen. Wer einen Inhalt auf mehreren Wegen zeigt, erreicht laut Gardner mehr Lernende und zeigt zugleich, was es heißt, etwas gut zu verstehen. Wer etwas nur auf eine Weise lehren kann, versteht es nach Gardner wahrscheinlich selbst nur oberflächlich.

Wenn du für eine Prüfung lernst, helfen dir Methoden mit guten Belegen mehr als eine Einteilung nach Intelligenzen. Waterhouse empfiehlt Lehrkräften, auf solche Methoden umzusteigen, und nennt ausgedehnte Wiederholung als ein Beispiel. Wie du Wiederholungen gut planst, zeigt unser Artikel zur Spaced-Repetition-Methode.

Die Begriffe auseinanderhalten

Multiple Intelligenzen, g-Faktor, Lerntyp, emotionale Intelligenz und Neuromythos tauchen in Prüfungen oft zusammen auf, und man verwechselt sie leicht. Der g-Faktor ist der gemeinsame Anteil vieler Testleistungen, den Charles Spearman fand. Ein Lerntyp ist die Annahme, dass ein Mensch über einen bestimmten Sinn oder Stil besser lernt. Die emotionale Intelligenz brachten John Mayer und Peter Salovey 1990 in die Diskussion, und laut dasgehirn.info war Gardners Theorie ihr „Keim“.

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Häufige Fragen

Wer hat die Theorie der multiplen Intelligenzen entwickelt?

Howard Gardner, Psychologe und Erziehungswissenschaftler an der Harvard University. Er entwickelte die Theorie Ende der 1970er- und Anfang der 1980er-Jahre und stellte sie 1983 im Buch Frames of Mind vor. Die deutsche Ausgabe erschien 1991 bei Klett-Cotta unter dem Titel „Abschied vom IQ. Die Rahmen-Theorie der vielfachen Intelligenzen“.

Was ist die naturalistische Intelligenz?

Die naturalistische Intelligenz ist die Fähigkeit, Pflanzen, Tiere und andere Dinge der Natur wie Wolken und Gesteine zu erkennen und zu unterscheiden. Gardner nahm sie Mitte der 1990er-Jahre als achte Intelligenz auf. Als Beispiel nennt er Charles Darwin. Heute nutzen Menschen diese Fähigkeit laut Gardners Mitautoren auch, um Unterschiede zwischen Konsumprodukten zu erkennen.

Was ist die existenzielle Intelligenz?

Die existenzielle Intelligenz ist die Neigung, grundlegende Fragen zu stellen: Wer sind wir? Warum sind wir hier? Warum sterben wir? „Jedes fünfjährige Kind stellt diese Fragen, in jeder Gesellschaft“, sagte Gardner 1997. Später nannte er sie „die Intelligenz der großen Fragen“. Er hat sie aber nie fest aufgenommen, weil es keinen überzeugenden Beleg für eine eigene Grundlage im Gehirn gibt. Deshalb sprach er 1997 von achteinhalb Intelligenzen.

Ist die Theorie der multiplen Intelligenzen wissenschaftlich belegt?

Nein, nicht im Sinne der Intelligenzforschung. Studien fanden, dass die Intelligenzen miteinander und mit der allgemeinen Intelligenz zusammenhängen. Eine eigene Grundlage im Gehirn ist für keine nachgewiesen, und es gibt keinen Test, der sie direkt misst. Gardner hält dagegen, die Theorie sei eine Synthese aus vielen Fächern und lasse sich nicht mit einem einzelnen Experiment prüfen.

Was ist der Unterschied zwischen multiplen Intelligenzen und emotionaler Intelligenz?

Die multiplen Intelligenzen sind Gardners ganze Theorie mit acht Intelligenzen. Die emotionale Intelligenz ist ein eigenes Konzept von John Mayer und Peter Salovey aus dem Jahr 1990, das Daniel Goleman Mitte der 1990er-Jahre bekannt machte. Laut dasgehirn.info war Gardners Theorie der Keim dieses Konzepts. In Gardners Liste der acht Intelligenzen steht die emotionale Intelligenz aber nicht.

Quellen

  1. 1.Davis, K., Christodoulou, J., Seider, S., & Gardner, H. (2011). The theory of multiple intelligences. In R. J. Sternberg & S. B. Kaufman (Eds.), The Cambridge Handbook of Intelligence (pp. 485–503). Cambridge University Press.
  2. 2.Gardner, H. (2013, 16. Oktober). Howard Gardner: 'Multiple intelligences' are not 'learning styles'. The Washington Post, The Answer Sheet.
  3. 3.Gardner, H. (2015). The Teaching Intelligence: Clues from the Brain. MI Oasis.
  4. 4.MI Oasis. Malpractices.
  5. 5.MI Oasis. A Beginner's Guide to MI.
  6. 6.MI Oasis. Questions.
  7. 7.ASCD (1997). More Ways to Be Smart. Education Update, 39(3).
  8. 8.Harvard Gazette (2007, 10. Mai). Howard Gardner's quintet of minds.
  9. 9.Rost, D. H., Sparfeldt, J. R., & Buch, S. R. (2021). Intelligenzen, multiple. Dorsch – Lexikon der Psychologie.
  10. 10.Waterhouse, L. (2023). Why multiple intelligences theory is a neuromyth. Frontiers in Psychology, 14, 1217288.
  11. 11.Ferrero, M., Vadillo, M. A., & León, S. P. (2021). A valid evaluation of the theory of multiple intelligences is not yet possible: Problems of methodological quality for intervention studies. Intelligence, 88, 101566.
  12. 12.Wolf, C. (2014). Inflation der Intelligenzen. dasGehirn.info.

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